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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Weltmarkt

Angst vor wirtschaftlicher Abkopplung

EU-Konzerne warnen vor »Decoupling« Chinas. Industrie drohen enorme Einbußen
Von Jörg Kronauer
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Deutsche Konzerne wie Bosch bangen um ihre Absatzchancen in der Volksrepublik

Die EU-Handelskammer in China warnt eindringlich vor einer Fortsetzung der US-Bestrebungen, eine Abkopplung der chinesischen Wirtschaft voranzutreiben. Zwar hätten die Strafzollattacken der Trump-Administration ihr Ziel verfehlt, die chinesische Industrie ernsthaft zu schädigen, heißt es in einer Studie, die die Handelskammer und der Berliner Thinktank Merics (Mercator Institute for China Studies) am Donnerstag in Beijing gemeinsam vorstellten. Zu einer schweren Bedrohung werde aber das »Decoupling«, der Versuch, Chinas Wirtschaft soweit wie möglich zu isolieren. Von US-Aktivitäten in diesem Zusammenhang – insbesondere von Sanktionen gegen einzelne chinesische Unternehmen – seien inzwischen 96 Prozent aller in der Volksrepublik tätigen Firmen aus der EU betroffen. Mehr als die Hälfte verzeichne bereits negative Ergebnisse, 72 Prozent rechneten mit weiteren Konsequenzen. »Wir sehen einen Sturm aufziehen«, ließ sich Jörg Wuttke, Präsident der Handelskammer und seit 1997 BASF-Generalbevollmächtigter in China, zitieren.

Die Sorgen, die sich Unternehmen aus der EU machen, reichen dabei deutlich über die bislang verhängten US-Sanktionen, etwa gegen Huawei oder den Chiphersteller SMIC aus Shanghai, hinaus. Wozu derlei Zwangsmaßnahmen führen können, zeigt ein Beispiel, das Wirtschaftskreisen zufolge noch nichts mit Sanktionen, sondern lediglich mit pandemiebedingten Produktionsunterbrechungen zu tun hat: Im Dezember klagten VW und Zulieferer wie Continental und Bosch, ihre Fabriken in der Volksrepublik müssten die gerade erst wieder hochgefahrene Produktion schon wieder bremsen, weil Chiphersteller in Drittstaaten – eine Folge der Shutdowns – die benötigten Halbleiter nicht in ausreichendem Maß liefern könnten. Das könne die Autofabrikation um mehrere Monate verzögern und schwere Schäden anrichten. Sanktionen hätten tatsächlich das Potential, betroffene Werke sogar komplett lahmzulegen.

Noch gravierender wirken sich laut der Handelskammer-Merics-Studie jedoch die Bemühungen um eine Abkopplung bei den industriellen Standards sowie bei Daten und Normen in der Informations- und Kommunikationstechnologie aus. Dürfe man in China keine US-Hightechprodukte mehr nutzen, dann würden sich Unternehmen aus der EU mit einem – noch – schwächeren China-Geschäft wohl gänzlich aus der Volksrepublik zurückziehen müssen, während andere, die auf den dortigen Markt angewiesen seien – die deutsche Kfz-Branche etwa –, ihre Waren künftig in zwei Varianten produzieren müssten, in einer für China und einer für den Westen. Das werde ihnen herbe Nachteile bringen. Ernste Konsequenzen ergeben sich laut der Studie schon jetzt, weil Beijing auf die US-Abkopplungsbestrebungen mit dem Versuch reagiert, sich industriell vom Westen soweit wie möglich unabhängig zu machen. Im nächsten Fünfjahresplan, der sich gegenwärtig in der Endabstimmung befindet, ist das in der Doktrin von den »dualen Kreisläufen« festgelegt, deren innerer China für den Fall der Fälle soweit wie möglich Hightechautarkie sichern soll.

Die präsentierte Studie dringt zum einen darauf, beim US-Streben nach einem Decoupling nach Kräften zu bremsen, wenngleich die Autoren Skepsis erkennen lassen. Man dürfe nicht davon ausgehen, heißt es in dem Papier, dass die künftige Biden-Administration jenseits allfälliger neuer Feinjustierungen einen Kurswechsel vornehmen werde. Immerhin gehe das jüngst vereinbarte Investitionsabkommen zwischen der EU und China in die richtige Richtung. Zum anderen sind die Autoren der Studie bemüht, der Debatte einen neuen Spin zu geben und Beijing – vor allem mit Verweis auf die angestrebten »dualen Kreisläufe« – die Schuld am Decoupling zuzuschieben. Dass die Bemühungen der Volksrepublik um Hightechautarkie durch den US-Wirtschaftskrieg de facto erzwungen wurden, wird ausgeblendet. Dies ist um so bemerkenswerter, als auch die EU ihre aktuellen Bemühungen um industrielle Autarkie – eine »europäische Cloud«, eine »europäische Halbleiterproduktion« etc. – als Reaktion auf nicht mehr auszuschließende US-Sanktionen präsentiert.

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