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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Spekulationsblase

Soufflé à la Tesla

US-Autokonzern bekommt Konkurrenz. Bau in Grünheide geht nur schleppend voran. Leerverkäufer wettet auf Kursverlust
Von Simon Zeise
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Der Crash bei Tesla ist eingepreist. Die Frage ist nur, wann die Spekulationsblase platzt (Oregon/USA, 17.11.2019)

Das Jahr ging gut los für Tesla-Chef Elon Musk. In der vergangenen Woche löste er Amazon-Boss Jeffrey Bezos als reichsten Menschen der Welt ab. Musk kann mittlerweile fast 188,5 Milliarden US-Dollar sein eigen nennen. Er profitiert vom hohen Aktienkurs des Unternehmens – die Tesla-Papiere sind binnen eines Jahres um mehr als 700 Prozent gestiegen. Trotz der bislang vergleichsweise geringen Produktionszahlen ist Tesla an der Börse mehr wert als die Konkurrenten General Motors, Ford, Toyota, Honda, Fiat Chrysler und Volkswagen zusammen.

Doch 2021 könnte ein Schicksalsjahr für Musk werden. Am Mittwoch forderte die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA Tesla auf, 158.000 Wagen der Modelle S und X zurückzuholen. Bei den Autos sei ein Defekt am Bordcomputer entdeckt worden. Dieser habe zur Folge, dass die Rückfahrkamera und andere Sicherheitseinrichtungen nicht richtig funktionierten.

Auch die für Juli groß angekündigte Eröffnung der »Gigafactory« im brandenburgischen Grünheide scheint zunehmend ungewiss. Mit dem Standort in Deutschland will Tesla auf dem europäischen Markt expandieren. Seit Bauleiter Evan Horetzky unter anderem wegen nicht bezahlter Wasserrechnungen Ende Oktober gefeuert wurde, wird die Baustelle nur von einem Interimschef geleitet. Bis heute habe Tesla ein Sicherheitspfand in Höhe von 100 Millionen Euro noch nicht an das brandenburgische Landesumweltamt gezahlt, das bereits im Dezember hätte hinterlegt werden müssen, berichtete RBB 24 am Dienstag.

Die Zeit für Tesla drängt, denn die Konkurrenz holt auf. »Uns ist bewusst, dass wir auch in Europa schon viele begeisterte Fans haben«, sagte der Firmengründer des chinesischen Elektroautobauers Nio, Li Bin, am Dienstag gegenüber Tagesschau.de. »Wir haben auch schon Pläne, dort unsere Autos zu verkaufen.« Noch in diesem Jahr werde es für sein Unternehmen losgehen in Europa. »Wir werden dort zunächst in einem Land starten und wollen das dann Schritt für Schritt ausbauen.« Spekuliert wird, dass Nio zuerst den norwegischen Markt erschließen wird. Dort wird bereits jeder zweite Neuwagen mit Elektroantrieb verkauft. In Deutschland haben VW und Renault noch vor Tesla im vergangenen Jahr die meisten E-Autos verkauft, wie das Center of Automotive Management (CAM) am Donnerstag mitteilte.

Die Bundesregierung begrüßt das Engagement des Oligarchen. »Wir freuen uns alle, dass Elon Musk und Tesla Milliarden in Deutschland investieren und Tausende von Arbeitsplätzen schaffen. Dies stärkt die Autoindustrie insgesamt«, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am 3. Dezember gegenüber N-TV. Tesla könne mit »erheblichen Finanzmitteln« für das Werk in Grünheide rechnen. Wenig amüsiert ist hingegen die Gewerkschaft. Eine Aufforderung der IG Metall vom März 2020, eine Tarifvereinbarung zu unterzeichnen, hat Musk bislang ignoriert.

Musk sind Arbeiterorganisationen im Betrieb generell ein Dorn im Auge. Als ein Mitarbeiter in Teslas Werk in Kalifornien im Jahr 2017 die United Auto Workers um Unterstützung bei der Gewerkschaftsbildung bat, habe Musk in einer E-Mail angegeben, der Mann wolle das Unternehmen untergraben, berichtete Bloomberg am 2. Dezember. Später habe Musk angedeutet, dass die Beschäftigten keine Aktienoptionen mehr erhielten, wenn sie sich in Gewerkschaften organisierten.

Die Drohung könnte schneller verpuffen als Musk lieb ist. Denn unter Finanzhaien steigt die Skepsis, dass Tesla eine Erfolgsgeschichte bleibt. Leerverkäufer Michael Burry hat bereits angekündigt, auf einen Zusammenbruch des Konzerns zu setzen. Burry, der 2007 mit Wetten auf den Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkts ein Vermögen verdiente und dessen Coup im Hollywoodfilm »The Big Short« 2015 auf die Leinwand gebracht wurde, kommentierte am vergangenen Donnerstag via Twitter: »Genießt es, solange es noch so weitergeht.« Im Dezember hatte Burry bereits angekündigt, auf fallende Kurse bei Tesla zu setzen: »So, Elon Musk, ja, ich shorte Tesla, habe aber ein paar kostenlose Tips für einen guten Typen. Ernsthaft, verkaufe 25 bis 50 Prozent deiner Anteile zu dem derzeitigen lächerlichen Preis. Wenn du Käufer findest, sieh zu, dass du das Tesla-Soufflé loswirst«, schrieb Burry. Wie der steigende Tesla-Kurs werde seine jüngste Short-Position »größer und größer«.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roman Stelzig: Geschmacklose Illustrierung Das Bild mit seiner Bildunterschrift zum Artikel finde ich etwas geschmacklos. Wenn man sagen und veranschaulichen möchte, dass Tesla mit der Auslieferung von fehlerhaften Autos Menschenleben riskiert...

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