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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 8 / Ansichten

Spaßtrotzkisten des Tages: Sonneborn und Semsrott

Von Sebastian Carlens
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»Hallo, ich bin ein Separator«, steht hier auf russisch. Wer das »r« rollen kann, ist klar im Vorteil

Franzosen haben Esprit, Briten ihren Humour, Deutsche reißen Witze. Lustig ist das nicht unbedingt. Wenn sich, wie jetzt gerade, die Fraktion einer Spaßpartei zerlegt, kommt keine Schmunzelstimmung auf. Denn zu sehr gleicht hier Satire dem parlamentarischen Business as usual – oder dem trotzkistischen Ritual der ewigen Spaltung.

Die deutschen EU-Abgeordneten der Partei Die PARTEI, Martin Sonneborn und Nico Semsrott, haben sich überworfen. Semsrott, der es in der Strasbourger EU-Politiksimulation nicht eilig genug haben konnte, zu den Grünen überzulaufen, wirft Sonneborn Rassismus, mangelndes Schuldbewusstsein und eine überhebliche Art vor. Dabei hatte Sonneborn nur auf den unvermeidlichen Aufstieg Chinas anspielen wollen: Mit einem Spruch, der irgendwie suggeriert, dass Asiaten kein »r« aussprechen können. Der Satz muss derart komisch gewesen sein, dass Sonneborn selbst ihn aus dem Netz hat entfernen lassen (Kategorie »tödlicher Witz«, fällt unter das Kriegswaffenkontrollgesetz). Aber ist das schon Rassismus? Oder doch nur ein zutiefst deutscher Jokus? Zumindest stimmt das Klischee nicht, denn Chinesen kennen sehr wohl das »r«, sie sprechen es nur wie die Engländer aus. Japaner hingegen sollen kein »l« beherrschen, das rollende »r« jedoch so gut, dass jeder Russe vor Scham vergeht – da ist noch massig Luft für Anschlussscherze.

Zurück zur Spaßtruppe: Anstatt rivalisierende PARTEI-Fraktionen zu gründen, wie es jeder anständige Trotzkist täte, ergehen sich Sonneborn und Semsrott in Distanzierungen und Entschuldigungen. Was in der BRD unter Ironie rangiert, verdeckt nur, dass mit den beiden ein rechter Linksparteiler und ein waschechter Grüner gewählt worden sind. Da sind die Originale besser: Hören Sie sich Katja Kipping an oder die Baerbock – aber Vorsicht, Lachsteuer fällig! Für Sonni und Semsi gibt’s den Trotzki-Smiley. Ohne Eispickel. Hihihi.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (14. Januar 2021 um 22:24 Uhr)
    Spätestens seit Semsrott für die zutiefst antikommunistische und implizit faschismusverharmlosende Totalitarismusresolution im EU-Parlament gestimmt hat, die Kommunismus und Nationalsozialismus gleichsetzt, kann man diese Witzfigur nicht mehr ernst nehmen. Er hat eindrucksvoll bewiesen, wie wenig Ahnung er hat, und sehr passend ist er ja dann auch eben zu den Grünen gegangen.

    In besagter Resolution wurden zwar Faschismus, Rassismus und »radikale Ideologien« verurteilt, was auf den ersten Blick ja ganz vernünftig klingt, nur wenn man es sich ganz durchgelesen hat, stellte man fest, dass das in eine Rundumverurteilung sämtlicher »totalitärer Regime«, also kommunistischer wie nationalsozialistischer, verpackt wurde, auf wesentliches Betreiben osteuropäischer Länder hin.

    Und dass Länder mit protofaschistischen Regierungen, also Polen und Ungarn, nicht die geringsten Probleme hatten, für diese Resolution zu stimmen, passt auch gut dazu, wissen sie doch, dass die einzigen »Totalitaristen«, die in dieser Europäischen Union wirklich bekämpft werden, Kommunisten und Linke sind, Faschismus und Rechtsextremismus hingegen blüht und gedeiht.

    Sonneborn hatte damals übrigens auch zugestimmt, seine Stimmabgabe aber im nachhinein korrigiert. Soviel dazu, welcher der beiden einem sympathischer sein sollte. Und wer Sonneborn und Titanic kennt, der weiß, wie das Ganze einzuordnen ist. Ehrlich gesagt, hat Sonneborn recht, die Leute haben seine Kunst einfach nicht verstanden. Man musste das schon sehr oberflächlich, eindimensional und naiv betrachten, um das so dermaßen misszuverstehen.
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (15. Januar 2021 um 01:28 Uhr)
    Herr Ralf S. bringt es deutlich genug auf den Punkt. Doch eine Frage bleibt, Herr Carlens: Welche der Spaßparteien, die im Bundestag agieren, wählen Sie? Oder sind diese verschiedenen (?) politischen Zusammenschlüsse Ihrer Meinung nach ernst zu nehmen? Schlimmer: Was würde geschehen, falls die Prozenthürde abgesenkt oder außer Betrieb genommen werden könnte? Welchen Raum muß Die PARTEI dann ausfüllen, wenn sie in einigen Wahlkreisen seit Jahren auf dem Vormarsch ist und sogar eine blasse Person wie NICO ins EU-Parlament schicken darf?

    »Anstatt rivalisierende PARTEI-Fraktionen zu gründen, wie es jeder anständige Trotzkist täte, ergehen sich Sonneborn und Semsrott in Distanzierungen und Entschuldigungen. Was in der BRD unter Ironie rangiert, verdeckt nur, dass mit den beiden ein rechter Linksparteiler und ein waschechter Grüner gewählt worden sind.« – So interpretieren Sie den NICO oder Herrn Sonneborn? Oder andersherum – weil aufrechte Menschen mit den GRÜNEN nicht unter einen Hut kommen, wenn sie die Entwicklung dieser Partei und ihrer VertreterInnen noch im Blick haben. Stimmt. Als würde Herr Maas als Sozialdemokrat angesehen werden, Herr Lindner als liberal, die Anwesenden der AfD als Alternative wozu auch immer ...

    Ich bin sehr gespannt, wie NICO sich in Zukunft entzaubern wird. Besser bleibt er bei seinem neuen Klub, denn als Komödiant sieht es vielleicht nicht gut aus, wenn man sich selbst zur Witzfigur und Lachnummer entwickelt hatte.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Joán Ujházy: Was ist trotzkistisch? Nur eine bescheidene Frage (...): Was hat das alles mit Trotzki zu tun, oder was ist daran trotzkistisch? Ist der Autor ein verkappter Stalinist, der all den Blödsinn aufnimmt und wiedergibt, den eins...

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