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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bekleidungsindustrie

Westfirmen als Preisdrücker

Indien: Extreme Einkommensverluste in Schuhindustrie wegen Pandemie
Von Bernd Müller
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Schuhmacher auf dem Subkontinent: Die schwächsten in der globalen Lieferkette

Die Folgen der Coronapandemie treffen die ökonomisch Schwächsten besonders hart – auch die in den globalen Lieferketten. Das hebt die Studie »Wenn aus zu wenig fast nichts wird« hervor, die am Dienstag von den Entwicklungsorganisationen Inkota und dem internationalistischen Netzwerk »Südwind« vorgestellt wurde. Der Befund ist eindeutig: Kamen die indischen Arbeiter in der Leder- und Schuhindustrie schon vor der Pandemie kaum über die Runden, haben sie es nun noch schwerer.

Was Partnerorganisationen aus dem globalen Süden über die Auswirkungen der Pandemie berichten, erfülle ihn mit Sorgen, erklärte Berndt Hinzmann von Iinkota am Mittwoch auf jW-Nachfrage. Auch wenn sich die Studie auf Indien beschränke, gebe es nicht nur dort eine dramatische Situation: Bangladesch, Pakistan und Kambodscha seien auch betroffen.

»Die Menschen in der Schuh- und Lederproduktion leiden unter extremen Einkommensverlusten, Löhne wurden nicht gezahlt, der Zugang zu sozialen Sicherungssystemen ist völlig ungenügend«, so Hinzmann weiter. Doch statt diesen Verhältnissen entgegenzuwirken, würden die Rechte der Arbeiter in Indien weiter drastisch beschnitten.

Für die Studie wurden 115 Arbeiter aus indischen Schuhfabriken und Gerbereien in den Bundesstaaten Uttar Pradesh und Tamil Nadu befragt. Mehr als ein Drittel von ihnen erhielt während der Ausgangssperre drei Monate lang keinen Lohn. In dieser Zeit lebten die meisten von ihnen in einem Haushalt ganz ohne Einkommen. Nachdem die Ausgangssperre wieder aufgehoben wurde, standen rund 40 Prozent von ihnen auf der Straße; ihnen wurde gekündigt. Nicht einmal eine Abfindung erhielten sie. Ein weiteres Fünftel der Befragten hatte mit deutlichen Lohneinbußen zu kämpfen.

Es wird in der Studie der Fall einer Frau geschildert, der verdeutlicht: Frauen sind in der Krise extra stark betroffen. Sie können ihr Einkommen verlieren und mitunter gezwungen werden, sexualisierte Gewalt zu erdulden. Diese Frau hatte bis zum »Lockdown« für umgerechnet 45 Euro im Monat in einer Gerberei gearbeitet. Nicht nur, dass sie ihren ausstehenden Lohn nicht bekommen hat, sie wurde nach Ende der Ausgangssperre auch als einzige nicht wieder eingestellt. Der vermutete Grund: Sie hatte sich kurz vor dem Lockdown über einen Vorgesetzten beschwert, der sie missbraucht hatte.

Die Politik nicht gezahlter Löhne ist nicht neu. In der Studie heißt es, sie habe schon vor der Pandemie auf der Agenda der indischen Regierung gestanden. Es geht dabei um das Schaffen eines Standortvorteils im internationalen Wettbewerb, und bislang sei das immer auf Kosten des Umwelt- und Arbeitsschutzes gegangen, erklärte Hinzmann. So hatten die Regierungen verschiedener indischer Bundesstaaten im Lockdown Arbeitsschutzgesetze ausgehebelt. Allen voran Uttar Pradesh: Dort wurden im Mai 35 von 38 Arbeitsschutzgesetzen für drei Jahre außer Kraft gesetzt.

Indien ist einer der großen Produzenten von Schuhen. Weltweit wurde 2019 eins von zehn Paaren dort gefertigt. Unter den weltweit größten Schuhexporteuren nimmt das Land den fünften Rang ein, und elf Prozent der exportierten Schuhe (18,5 Millionen Paar) wurden 2019 nach Deutschland geliefert. Zu den Einzelhändlern, die sie hier vertreiben, gehören »Zalando, Rieker, Görtz, Gabor, Deichmann, Lloyd«, so Hinzmann.

Westliche Konzerne haben der Studie zufolge versucht, in der Pandemie die Gunst der Stunde für sich zu nutzen, um bei ihren indischen Zulieferern niedrigere Preise durchzusetzen. Während des Lockdowns zwischen März und Juni seien Aufträge storniert worden, oder Lieferungen wurden nicht bezahlt. Vertreter der indischen Lederindustrie hatten demnach Ende April beklagt, dass die aus Europa und den USA stornierten Aufträge einen Wert von einer Milliarde Euro gehabt hätten.

Hinzmann plädiert für ein Lieferkettengesetz, das einen verbindlichen Rahmen für die Industrie setzt. Dass es in der Wirtschaft auch nachhaltig und in der Krise auch mit anderen Einkaufspraktiken gehen könne, hätten einige Unternehmen unter Beweis gestellt.

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