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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 5 / Inland
Wohnungslosigkeit

Todesursache Elend

Die Not der Obdachlosen wächst. Hamburg meldet seit Jahresbeginn bereits fünf Kälteopfer. Senat der Hansestadt reagiert verhalten
Von Susan Bonath
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Im Stich gelassen: Obdachlose Menschen stehen für die Regierenden auch in Pandemiezeiten hinten an

Sie haben keinen Zufluchtsort und leiden oft unter schweren Erkrankungen: Obdachlose Menschen stehen für die Regierenden auch in Pandemiezeiten hinten an. Sie verlassen sich auf karitatives Engagement, doch es mangelt an Unterkünften und Sozialarbeitern. Zahlreiche Betroffene fielen diesen Umständen bereits zum Opfer, allein in Hamburg waren es fünf. Das waren so viele wie noch nie in einem so kurzen Zeitraum in der Hansestadt. Die CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft beantragte deshalb eine Sondersitzung des Sozialausschusses. Wie die Fraktion der Partei Die Linke fordert nun auch sie vom Senat, Obdachlose in leerstehenden Hotels unterzubringen. Noch im Dezember 2020 hatte die CDU dagegen votiert.

Ein Passant fand am Vormittag des 8. Januar das fünfte Opfer regungslos mitten auf einem Gehweg auf der Reeperbahn und informierte die Polizei. Doch für den Mann kam jede Hilfe zu spät. »Die Beamten versuchten den 66jährigen wiederzubeleben – jedoch ohne Erfolg«, teilte der Lagedienst einen Tag später mit. Wie das Hamburger Straßenmagazin Hinz & Kunzt (vgl. Interview jW vom 13.1.) informierte, starb bereits in der Neujahrsnacht ein 48jähriger Wohnungsloser nahe den Landungsbrücken. Am nächsten Tag fanden Fußgänger einen 59jährigen tot auf seiner Isomatte im Schanzenpark auf. Kurz darauf fiel ein 65jähriger seinen Lebensumständen auf der Straße zum Opfer. In der Nacht zum 4. Januar wurde die Leiche eines 45jährigen unter der Überdachung eines Mehrfamilienhauses gefunden, wo er wohl Schutz gesucht hatte.

Der Senat müsse in der beantragten Sondersitzung, für die noch kein Datum feststeht, erklären, warum er an unzureichenden Sammelunterkünften festhalte, statt Betroffene in leeren Hotels einzuquartieren, teilte der sozialpolitische Sprecher der Hamburger CDU-Fraktion, Andreas Grutzeck, zu Wochenbeginn mit. An den Kosten liege das wohl nicht. In kleinen Hotels würden 30 Euro pro Tag fällig. Im Winternotprogramm sei ein Platz fast doppelt so teuer. Zudem frage er sich, weshalb der Senat seit einiger Zeit die Auslastung der einzelnen Unterkünfte nicht mehr melde. »Nur dank privater Spenden und des Engagements mehrerer Träger können wenigstens einige Obdachlose in Hotels untergebracht werden«, so Grutzeck. Hinz & Kunzt meldete am Dienstag, dass 90 Menschen durch karitatives Wohlwollen vorübergehend unterkamen.

Die Hamburger Linksfraktion verlangt schon länger nach einem sozialpolitischen Konzept. Nach dem vierten Todesfall binnen weniger Tage mahnte deren sozialpolitische Sprecherin Stephanie Rose gravierende Missstände an. Der Senat aus SPD und Grünen unternehme zuwenig gegen die Verelendung. Er müsse auch analysieren, weshalb viele Betroffene die städtischen Unterkünfte mieden. Ihre Fraktion habe vorgeschlagen, Notunterkünfte ganztägig zu öffnen, Menschen in Hotels unterzubringen und einen »runden Tisch« einzurichten, um Versorgungslücken aufzudecken. »Doch alle unsere Anträge wurden in der Bürgerschaft abgelehnt«, kritisierte sie. Eine Anfrage von jW zu den aktuellen Bedingungen und weiteren Bemühungen des Senats beantwortete die Sozialbehörde bis zum Redaktionsschluss am Mittwoch nicht.

Hamburg, laut Statistischem Bundesamt die Stadt mit den meisten Millionären, ist ein sozialer Brennpunkt. Im März 2018 wurden bei einer Zählung knapp 2.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf angetroffen – fast doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Tatsächlich seien wohl Hunderte weitere betroffen, Tendenz steigend, vermutet man bei Hinz & Kunzt.

Auch anderswo fehlt es an politischem Engagement, das wachsende Straßenelend zu beseitigen. Vergangene Woche starb ein 54jähriger Wohnungsloser in der Augsburger Innenstadt. Ein 40jähriger Mann erfror auf einer Parkbank in Wolfsburg. In Mainz wurde im Dezember eine 72jährige obdachlose Frau nahe der Universitätsklinik tot aufgefunden. Laut Polizei war sie erfroren. Im Freiburger Stadtgarten war im November eine 58jährige ebenfalls an Unterkühlung gestorben.

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