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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 2 / Sport
Sport in der Coronapandemie

»Das Schlagwort der Stunde heißt Solidarität«

Sachsen: Sportvereine verlieren in der Pandemie Mitglieder. Einnahmeverluste trotz staatlicher Förderung. Ein Gespräch mit Christian Dahms
Interview: Andreas Müller
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Schwimmbäder, wie hier in Leipzig, bleiben noch etwas länger zu (2.11.2020)

Wie groß ist der Aderlass bei den sächsischen Sportvereinen in der Coronapandemie?

Rund 80 Prozent von unseren knapp 4.500 Sportvereinen im Freistaat haben weniger als 200 Mitglieder. Das sind recht familiäre Strukturen mit engen Bindungen. Trotzdem gehen wir davon aus, dass sich zum Jahreswechsel etwa fünf Prozent der Mitglieder abgemeldet haben. Bei insgesamt rund 675.000 Vereinsmitgliedern sind das zirka 35.000 – das ist exorbitant. Hinzu kommt, dass es einen schleichenden Prozess darstellt. Das wahre Ausmaß wird erst Ende des Jahres sichtbar. Mit den Menschen gehen selbstverständlich auch Mitgliedsbeiträge verloren.

Die Landesregierung hat dem Landessportbund Sachsen, LSB, jüngst 52 Millionen Euro für den Doppelhaushalt 2021/22 bewilligt, das sind 3,8 Millionen Euro mehr als bisher. Reicht das in der Pandemie?

Die Aufstockungen sind in der Hauptsache für unsere lizenzierten ehrenamtlichen Übungsleiter bestimmt. Sie sollen damit den Ehrenamtlern aus anderen Bereichen wie der Kultur, die unter dem Dach der Stiftung »Wir für Sachsen« tätig sind, gleichgestellt werden und ebenfalls bis zu 440 Euro im Jahr bekommen. Im nächsten Jahr wird sich die Pauschale auf 480 Euro erhöhen.

Pandemieschäden sind demnach im neuen Etatansatz noch gar nicht eingepreist?

So ist es, das muss man ganz deutlich so sagen. Wir hoffen, dass sich die Einnahmeverluste für die kleinen, ausschließlich ehrenamtlich geführten Vereine ohne hauptamtliches Personal in Grenzen halten. Das Schlagwort der Stunde heißt »Solidarität der Mitglieder«, damit nicht noch mehr von ihnen abspringen. Die gute Nachricht ist, dass die staatliche Förderung wie bisher sicher ist. Im vorherigen Jahr hat das Land zur Abfederung jeweils zusätzlich zehn Millionen Euro für Vereine sowie für den semiprofessionellen Sport bereitgestellt. Ob und welche Hilfen noch gebraucht werden, wird sich noch zeigen. Anders als in der Wirtschaft sind Verluste im Vereinssport wegen ganz anderer Bilanzerhebungen immer erst mit Verzögerungen und schwerer ganz konkret nachzuweisen.

Zu erkennen ist schon jetzt manche Unzufriedenheit im Lockdown. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, kritisierte die Situation ebenso wie der Chef des Sächsischen Fußball-Verbands, Hermann Winkler. Dieser sagte, das komplette Verbot des Amateursports sei falsch. Hat er recht?

Der Breitensport steckt in einem echten Dilemma: Einerseits ist er für die Gesellschaft unverzichtbar, auf der anderen Seite gibt es mit den hohen Infektions- und Opferzahlen unbarmherzige Fakten. Wir stehen mit der Stabsstelle des Innenministeriums im engen Kontakt und werden dort als organisierter Sport gehört. Gegen die Todeszahlen können wir mit Argumenten kaum etwas ausrichten, obwohl wir von seiten des LSB lieber heute als morgen Erleichterungen durchsetzen würden.

Welche?

Im Lockdown fühlen sich alle Breitensportler wie kaserniert, doch für Kinder und Jugendliche ist das eine besondere Fessel, sie trifft es besonders hart. Im Sommer hatten die Vereine tolle Hygienekonzepte entwickelt, die wenigstens dem Nachwuchs zugute kommen sollten. Damit hätten zugleich unsere Übungsleiter eine Aufgabe. Wir wollen die Menschen ja nicht in den Tod schicken. Wir wollen für unsere Mitglieder das Sprachrohr sein und für differenzierte Regelungen werben.

Gastronomen oder Friseure könnten das ebenfalls reklamieren. Mancher meint, der Breitensport gehört in diesen Zeiten zu den eher verzichtbaren Dingen des Lebens.

Im Gegenteil, die Basis des Sports gehört bundesweit mindestens so sehr in den Fokus wie unsere rund 5.000 Leistungssportler, eher mehr. Jeder dritte Einwohner ist statistisch gesehen im Sport organisiert, hinzu kommen die vielen anderen Hobby- und Freizeitsportler. Für sie alle ist das ein Lebenselixier. Was sie jetzt durchmachen, ist eine große Einbuße an Lebensqualität. Ich erlebe das täglich hautnah in der Familie, wenn meine sechsjährige Tochter und meine Eltern, beide über 80 Jahre alt, erzählen, wie sie sich ohne Sport und die persönlichen Kontakte fühlen: schlecht, sehr schlecht.

Christian Dahms ist Generalsekretär des Landessportbundes (LSB) Sachsen

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