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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 1 / Titel
BRD schiebt ab

Kälte, Hunger, Bomben

Trotz Kriegs, dschihadistischer Anschläge und humanitärer Katastrophenlage: BRD schiebt erneut nach Afghanistan ab
Von Matthias István Köhler
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Vor allem Kinder leiden: Ein geflüchteter Junge vor seiner Unterkunft in Kabul am 23. November 2020

Die Bundesrepublik verliert im neuen Jahr 2021 keine Zeit: Am Mittwoch morgen ist in Kabul wieder ein Flugzeug mit 26 abgeschobenen Afghanen gelandet, wie dpa meldete. Das ist die 35. Sammelabschiebung seit 2016. Fast 1.000 Männer wurden auf diese Weise bisher nach Afghanistan zurückgebracht.

Die katastrophale Situation in dem Land – in dem die islamistischen Taliban so viele Gebiete kontrollieren wie seit Beginn des US-Angriffs 2001 nicht mehr – wird den Verantwortlichen in Berlin bekannt sein. So lässt sich erklären, dass eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums laut dpa betonte, dass 25 der am Mittwoch abgeschobenen Männer strafrechtlich verurteilt seien. Nach Ansicht der Bundesregierung haben sie also ihr Recht verwirkt, nicht in einem unter Krieg leidenden Land leben zu müssen.

Denn die Meldungen über Gefechte und Anschläge von Dschihadisten in Afghanistan reißen nicht ab. Wegen der anhaltenden Kämpfe in der Provinz Kandahar, einer Hochburg der Taliban, sind derzeit beispielsweise Tausende Familien auf der Flucht. Wie die Behörden vor Ort am vergangenen Donnerstag mitteilten, seien 35.000 Menschen in die Provinzhauptstadt geflüchtet. Weitere 10.000 Familien hätten anderweitig Schutz gesucht. In der Stadt Kandahar seien für die Geflüchteten zwar provisorische Lager eingerichtet worden, wie der Leiter der Behörde für die Vertriebenen der Nachrichtenagentur AFP erklärte, doch Lebensmittel gebe es nur für etwa 2.000 Familien.

Auch der Wintereinbruch in Afghanistan macht auf die Verantwortlichen in Berlin keinen Eindruck. Unter diesem leiden vor allem die Kinder im Land. Die in London ansässige Hilfsorganisation Save the Children hatte bereits Ende Dezember mitgeteilt, dass in Afghanistan in diesem Winter mehr als 300.000 Kinder ohne Heizung und angemessen warme Kleidung von Krankheit und Tod bedroht seien. Tausende von ihnen würden wegen der Zerstörungen im Krieg in Obdachlosenlagern leben. »Dort riskieren sie Hunger, Krankheiten einschließlich Covid-19 und sogar den Tod durch eisige Temperaturen.«

Auch das Amt der Vereinten Nation für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) schlägt Alarm. Trotz der begonnenen Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban bleibe die Zahl der zivilen Opfer dramatisch hoch – »ohne Anzeichen für ein Ende der Kämpfe«. In seiner Prognose für das Jahr 2021 geht ­UNOCHA davon aus, dass fast die Hälfte der 40 Millionen Einwohner des Landes auf humanitäre Hilfe angewiesen sein werde – fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr.

Hauptgrund hierfür sind die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie. Fast 60 Prozent der Haushalte in Afghanistan müssten deswegen laut UNOCHA mit noch weniger Geld zurechtkommen als im Jahr zuvor – bei 17 Prozent der Haushalte werde die Lage »katastrophale« Ausmaße annehmen. Konkret bedeutet das, dass 16,9 Millionen Afghanen in diesem Jahr voraussichtlich mit Hunger und Unterernährung zu kämpfen haben. Hinzu kommt, dass – in Zeiten der Pandemie – drei Viertel der Bevölkerung in den ländlichen Gegenden keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen haben. Besonders betroffen von den Folgen der Coronakrise sind Frauen, die verstärkt häuslicher Gewalt ausgesetzt sind.

Doch auch wenn all das den Verantwortlichen in Berlin bekannt ist: Der nächste Abschiebeflug ist sicher schon in Planung.

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