Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Dienstag, 19. Januar 2021, Nr. 15
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Globale Ungleichheit

Kampf ums Serum

Reiche Staaten horten Coronavakzin. »Impfstoffnationalismus« erinnert an Umgang mit HIV-Epidemie
Von Gerrit Hoekman
imago0101770361h.jpg
Gegen HIV ist auch nach Jahrzehnten kein wirksamer Impfstoff entwickelt worden (AIDS-Aufklärungskampagne in Kisumu, Kenia, aus dem Jahr 2013)

Während die Politik in der BRD aktuell darüber streitet, ob man bei der Impfstoffbeschaffung nicht hätte offensiver und in Eigenregie bestellen sollen, steht für viele Teile der Welt folgendes schon fest: Es wird noch Jahre dauern, bis sie das Vakzin bekommen. So beklagte am Montag WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, dass sich wohlhabende Länder praktisch alle zur Verfügung stehenden Impfdosen gesichert haben und in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen kaum Impfkampagnen gestartet sind. Er forderte, die Coronaimpfung für Gesundheitspersonal und Menschen, die besonders gefährdet sind, solle in allen Ländern der Welt innerhalb der nächsten 100 Tagen beginnen.

»Die reichen Staaten haben soviel Impfstoff gekauft, dass die anderen Länder ganz hinten in der Warteschlange stehen müssen«, sagte auch Winnie Byanyima am Sonntag in einem Interview mit der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad. Die Direktorin des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/AIDS (UNAIDS) fühlt sich an den Kampf gegen das HI-Virus erinnert. Sie nennt das Verhalten der reichen Länder in der Pandemie »Impfstoffnationalismus«. Die Folgen davon hat das britische Analyseinstitut Airfinity im Dezember ausgerechnet: In den 70 ärmsten Ländern der Welt werden am Ende des Jahres voraussichtlich nur zehn Prozent der Menschen geimpft sein. Die reichen Staaten, die nur 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, haben hingegen 53 Prozent des verfügbaren Impfstoffs für sich reserviert. Damit könnten sie ihre Bevölkerung dreimal komplett durchimpfen. Allen voran Kanada, das sogar fünfmal soviel Vakzin geordert hat, wie es sofort verbrauchen kann. Die reichen Länder seien nur auf den Schutz der eigenen Bevölkerung konzentriert, anstatt nach globalen Lösungen zu suchen, so ­Byanyima.

Und: Das sei bei der HIV-Epidemie genauso gewesen. »Damals dauerte es sechs Jahre, bis die Behandlung für Entwicklungsländer erschwinglich wurde. In der Zwischenzeit starben Millionen von Menschen, während die Pharmaindustrie enorme Gewinne erzielte.« Nun werde deutlich, was die Forschung leisten könne, wenn die reichen Länder ein existentielles Interesse daran hätten. Gegen AIDS hingegen sei auch nach Jahrzehnten kein wirksamer Impfstoff entwickelt worden. »Weil sie es selbst unter Kontrolle haben, betrachten reiche Staaten HIV als ein Problem armer Länder.«

Während der ersten Pandemiewelle im Mai sprach sich UNAIDS gemeinsam mit Oxfam für einen Impfstoff ohne Patent aus. Sie nannten die Initiative »Volksvakzin«. Zu den 140 Unterzeichnern gehören u. a. der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa, der frühere Chef der EU-Kommission José Manuel Barroso sowie der ehemalige niederländische Premierminister Jan-Peter Balkenende, aber kein einziges aktives Staatsoberhaupt der westlichen Welt. Ein wenig habe der Aufruf geholfen, so Byanyima im NRC-Interview. Der britisch-schwedische Pharmakonzern Astrazeneca habe versprochen, 64 Prozent seines Impfstoffs für ärmere Länder zu reservieren. »Aber ein einziger Betrieb kann nicht die ganze Welt versorgen. Zwei oder drei Firmen ebensowenig. Sie müssen ihr Wissen teilen«, forderte Byanyima.

Doch der Widerstand ist groß: Als Indien und Südafrika im Oktober in einer WHO-Sitzung vorschlugen, in Bezug auf Covid-19 das Patentrecht zeitweise auszusetzen, war unter anderem die EU dagegen, weil der Vorschlag angeblich die Bereitschaft für die Entwicklung eines Impfstoffs verringere. Im März schlossen sich Industriestaaten der WHO-Impfinitiative Covax an. Bis Ende 2021 wollen sie zwei Milliarden Impfdosen für die fast hundert armen Länder finanzieren. Mit der Menge kann aber auch nur ein Fünftel der Bevölkerung versorgt werden. »Ich bitte die Staaten und Hersteller dringend darum, diese bilateralen Deals auf Kosten von Covax zu stoppen«, sagte WHO-Generaldirektor Ghebreyesus am vergangenen Freitag. Doch er stieß auf taube Ohren. Am selben Tag gab die EU bekannt, sie habe bei Pfizer/ Biontech weitere 300 Millionen Dosen bestellt.

»Covax geht nicht gegen Impfstoffmonopole vor und zwingt Unternehmen nicht dazu, ihre Impfstofftechnologie zur Verfügung zu stellen«, kritisiert Byanyima. Die Direktorin von UNAIDS versteht, dass Konzerne kein Geld verlieren wollen, indem sie ihr Wissen mit anderen teilen. Aber Menschenleben zu retten sei in diesem Fall wichtiger als positive Bilanzen.

Teste die Beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dr. med. Gabriele Heine: Verantwortliche benennen Zu dem Artikel von Gerrit Hoekman möchte ich Folgendes bemerken: 1. Winnie Byanyima, Direktorin von UNAIDS, wird auf die Frage, warum es gegen AIDS auch nach Jahrzehnten noch keinen wirksamen Impfsto...
  • Klaus Burghardt: Impfen nach Kolonialherrenart Wir kritisieren zu Recht den Masken- und Abstandsverweigerer, zeihen ihn des Egoismus und der Rücksichtlosigkeit, da er Gesundheit und Leben anderer Menschen gefährdet. Aber legt nicht – in sehr viel ...

Ähnliche:

  • Je ärmer die Gesellschaft, desto größer ist die Bedrohung durch ...
    01.12.2020

    Krank durch Ausgrenzung

    Coronabedingt fallen viele Aktivitäten zum Welt-AIDS-Tag aus, die Forderungen nach Solidarität, Zugang zu Gesundheitsversorgung, insbesondere zu Medikamenten und Impfstoffen bleiben höchst aktuell

Mehr aus: Kapital & Arbeit