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Aus: Ausgabe vom 12.01.2021, Seite 12 / Thema
Kapitalismus und Wohnungsmarkt

Ganz normale Anomalie

Der Besitz an Grund und Boden und der Mietmarkt sind Besonderheiten in der herrschenden Wirtschaftsweise. Zur Wohnungsfrage im Kapitalismus (Teil 1)
Von Theo Wentzke
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Eigentümliche Mangelerscheinung: Wohnungsnot herrscht in der Marktwirtschaft im Grunde immer. Ob Wohnungen gebaut werden, bemisst sich daran, wieviel Bauland zur Verfügung steht und wie hoch der Grundstückspreis ist, muss also für den Bauherrn rentabel sein (Wohnungsneubau in Berlin, Mai 2020)

Es herrscht akute Wohnungsnot. Wie immer mangelt es nicht an guten Vorschlägen, wie diesem Problem zu begegnen wäre. Aktivisten wettern gegen Auswüchse der Spekulation und Preistreiberei, die man politisch allemal verbieten oder bremsen könnte; progressive Parteien fordern einen Mietendeckel und sogar Enteignungen – dann wären die Mieten vielleicht wieder bezahlbar. Eigentümergesellschaften und ihre freidemokratischen Interessenvertreter können vor so etwas nur warnen: Wenn man den Eigentümern Vorschriften macht und Fesseln beim Mietpreis anlegt, dann lohnen sich Investitionen in neue Wohnungen nicht mehr und unterbleiben deswegen. Dann ist der Wohnraum knapp, und die Mieten – da kennen sie sich aus – steigen nur noch weiter. Das Gegenteil – Abräumen der Schranken für ihr Geschäft – würde helfen, dann klappt’s vielleicht auch wieder mit dem Wohnen.

Man kann gar nicht sagen, in diesem Disput hätte eine Seite recht und die andere nicht. Recht haben sie beide in dem Sinne, dass genau so die politische Betreuung der Wohnungsfrage im Kapitalismus geht: Ermächtigung und Beschränkung als Hebel der Politik. Unrecht haben sie insofern, als das ausgerufene Problem sowohl so als auch anders garantiert nicht »gelöst« wird. Denn wo Grund und Boden durch die Macht des Staates zu privatem Eigentum gemacht ist und als stattliche Einkommensquelle lizenziert wird, sind die Ansprüche des Grundeigentums so unhintergehbar wie unvereinbar mit den Wohnansprüchen eines in der Erwerbsarbeit eingehausten Volkes und den Erträgen aus dieser seiner Einkommensquelle.

Das Produkt Wohnung

Der Wohnungsmangel ist seit jeher eine Begleiterscheinung unserer Wirtschaftsform. Dabei sind solche Mangelanzeigen der Marktwirtschaft eigentlich fremd. Zu ihrem ideologischen Selbstbild passen sie nicht so recht, gemäß dem sie sich doch dafür lobt, als denkbar beste Form des Wirtschaftens die Versorgung beständig zu optimieren und für alle festgestellten oder denkbaren Mängel ein Allheilmittel zu kennen und im Prinzip verfügbar zu haben: Dann braucht es eben »mehr Geld« (Investition, Innovation, Subvention, Transferleistung, Kredit …), dann liefe die Sache. Es mag ja sein, dass in der Marktwirtschaft manche Bedürfnisse nicht zur Zufriedenheit der Betroffenen gestillt werden – aber das liegt doch stets daran, dass die Betroffenen sich eben manches zur Schau gestellte Angebot schlicht nicht leisten können. Von materieller Unterversorgung, von einem Mangel an Gebrauchswerten kann dabei wahrlich nicht die Rede sein. Aber wenn Wohnungen angeboten werden, stehen die Leute Schlange bis auf die Straße.

Wo sonst in der Marktwirtschaft muss sich der zahlungsfähige und -bereite Käufer um die Ware bewerben, die er haben will? Dieser Mangel passt insofern auch abseits des Selbstlobs der Marktwirtschaft nicht zur Realität des kapitalistischen Wachstums, um das es dieser Wirtschaftsweise zu tun ist und das mit einem beständigen »Mehr« von allem einhergeht. Diese Wirtschaftsweise erzeugt sehr zuverlässig ein Überangebot an Produkten für jeden Geldbeutel, weil so die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft für das Wachstum mobilisiert wird. In einem Land, wo zum Beispiel so etwas wie Containern zur Profession wird, käme niemand auf die Idee, von einem »Ernährungsnotstand« zu reden: Dieser Sport zeugt vielmehr von der Dimension des absoluten Überschusses, der für das Wachstum produziert und weggeschmissen wird.

Wie gesagt: nicht so in der Wohnungsfrage; in dieser Unterabteilung der Marktwirtschaft herrscht – eigentlich immerzu – eine Wohnungsnot. Woran liegt diese eigentümliche Mangelerscheinung?

Soweit es ein kapitalistisches Produkt namens »Wohnung« gibt, besteht eigentlich kein Problem; vielleicht mag es auch dort mal Kapazitätsengpässe geben, aber die werden vom Kapital auf seine Art beantwortet: Sie sind eine Frage der lohnenden Produktion und werden vom Baugewerbe mit den Techniken der Erhöhung der Produktivität und dem Einsatz billiger Arbeit entsprechend in Angriff genommen. Das Kapital sorgt dann auch in diesem Sektor dafür, dass sich die Produktion nützlicher Güter für es lohnt. Daraus resultieren dann so wunderbare Einfälle wie das modulare Bauen, wo man Wohnzimmer und Nasszellen nur noch mit dem Kran aufeinanderzustapeln braucht, und fertig ist die Bude. Wenn staatliche Vorschriften solchen Fortschritten im Wege stehen, werden sie aus dem Weg geräumt.

Soweit der Mangel also ein Produkt betrifft, das von Kapitalisten hergestellt wird, gelten alle Gesetze des Wachstums, und dann kann von Wohnungsnot in dem Sinn, es sei eben zuwenig gebaut worden, eigentlich nicht die Rede sein. Diejenigen, die das jetzt so sagen, beziehen sich damit nicht auf unzureichende Kapazitäten in Baugewerbe und Wohnungswirtschaft, sondern auf zu knappes Bauland und zu hohe Grundstückspreise. Die Bauherren verkünden, dass die Schaffung von billigem Wohnraum für die Massen an vielen Orten für sie schlicht nicht mehr als lohnendes Geschäft in Betracht kommt und deswegen unterbleibt. Sie verweisen auf Grundstückspreise bzw. -pachten, welche die Schaffung von günstigem Wohnraum noch mit dem billigsten Fertigbau in der Gewinnkalkulation nicht rentabel erscheinen lassen.

Hier ist also wirklich eine Anomalie innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu verzeichnen, die normalerweise für jede Zahlungsfähigkeit, und sei sie noch so bescheiden, passende, das heißt für den schmalen Geldbeutel gebrauchswertgeminderte Produkte fertigt, um sie in der Gewissheit, dass »Kleinvieh auch Mist macht«, für sich abzugrasen: Hier bleiben zahlungsbereite Bedürfnisse unbedient, weil sich ihre geschäftliche Ausnutzung nicht lohnt – und das ist explizit keine Frage der lohnenden Produktion, sondern hängt an Preis und Verfügbarkeit von Grund und Boden, die hier das Hindernis darstellen. So ist am Ende von zuwenig bezahlbarem Wohnraum die Rede, ohne dass die Herstellung von Wohnraum in der modernen Gesellschaft irgendein Problem darstellen würde.

Sonderfall Grund und Boden

Grund und Boden ist also das entscheidende Stichwort. Was ist das? Erstens ist es im Unterschied zur Warenwelt eben überhaupt nichts, was produziert worden ist: Es ist ein nicht produziertes, also auch nicht vermehrbares Gut. Man hat es nicht mit einem Produkt zu tun, dessen Herstellung und Angebot dem Wachstumsbedarf des Kapitals folgt und in dem Maße dann auch hergestellt wird und vorhanden ist.

Eines dieser berüchtigten »knappen Güter« also? Dass man es bei Grund und Boden mit einem quantitativ bestimmten, also beschränkten Stück Natur zu tun hat, erklärt noch überhaupt nichts. Naturstoffe, die als solche allesamt nicht vermehrbar sind, gibt es viele. Sie mögen alle »endlich« sein und vielleicht sogar irgendwann aufgebraucht. Solange gehen sie eben als Rohstoffe und Grundstoffe in einen Produktionsprozess ein – also als Produktionsmittel. Das ist ihr ökonomischer Begriff, und dementsprechend geht das Kapital mit ihnen um: Es beschafft sie sich, um sie in seinen Produktionsprozess einzuverleiben. So fallen auch sie unter die Logik des kapitalistischen Wachstums, und am Ende werden aus knappen Naturgütern im Überfluss verfügbare Produkte gefertigt. Bei Grund und Boden liegt die Sache grundsätzlich anders: Er wird ja überhaupt nicht verbraucht beim Produzieren. Er geht nicht als Produktionsmittel in den Produktionsprozess ein. Er ist überhaupt kein Produktionsmittel, sondern eine Produktionsbedingung.

Was auch sonst: Grund und Boden – das ist eben nur das Stück Erdkruste, der Platz, auf dem das alles stattfindet. Aber was heißt da »nur«: Es gibt ja kein Gebiet auf der Welt, über das nicht eine politische Herrschaft gebietet, die das Regime über die Fläche hat, auf der Staat gemacht wird und das gesellschaftliche Leben stattfindet. Und die bürgerliche Herrschaft hat sich einfallen lassen, dass dieses Gebiet als Flickenteppich von Parzellen existieren soll, die alle privates Eigentum sind.¹ So entfalten dann die Bestimmungen von eben ihre Bedeutung: Der Witz an Grund und Boden ist nicht seine Unvermehrbarkeit, ist nicht die quantitative Begrenztheit der vorhandenen Fläche, sondern deren Qualität als Privateigentum – so werden diese für sich genommen banalen Bestimmungen überhaupt erst zur Schranke: Die ebenso banale wie unabdingbare Voraussetzung alles Lebens und Produzierens – dass es eben irgendwo stattfinden muss – unterliegt einem Recht der exklusiven Verfügung. Das leistet das staatliche Dekret des Privateigentums, wenn es auf Grund und Boden erstreckt wird. Diesem Eigentum liegt nichts anderes zugrunde als das staatliche Dekret – nichts anderes, denn es hat ja niemand etwas produziert, das der Staat mit seiner Eigentumsgarantie schützt. Hier hat das Eigentum überhaupt nur diese negative Bestimmung: Es stiftet die Exklusivität des Verfügens über eine allgemeine Bedingung mittels der entliehenen Staatsgewalt.

Davon halten die sogenannten Grundeigentümer ein Stück als im Grundbuch eingetragenen Rechtstitel in Händen. Das schließt die staatliche Genehmigung für sie ein, aus dieser Teilhabe an der Staatsgewalt als Privatpersonen eine Erwerbsquelle für sich zu machen. Wie geht das?

Grundeigentum – unkapitalistisch

Grundeigentümer nutzen für sich aus, dass ein jeder braucht, was sie haben und für sich nicht benutzen. Sie sichern sich ihren Verdienst, indem sie das exklusive Verfügungsrecht, das sie über diese umfassende Bedingung innehaben, auf Zeit abtreten an jene, die ihren Flecken Boden brauchen und dafür zahlen.² Für die Überwindung der Schranke, die das Recht allen setzt, die kein Eigentum haben, verlangen sie ihren Tribut. Das mag in Form einer Wohnungsmiete passieren, die sich aus noch anderen Elementen als dem Tribut an das Grundeigentum zusammensetzt – eingeschlossen ist dieser Tribut in die insgesamt bezahlte Miete allemal. Und auch gänzlich unbebauter Boden wirft den Tribut ab, um den es hier geht.

Damit machen die Grundeigentümer sich zunutze, dass in der kapitalistischen Gesellschaft allenthalben Geld verdient wird, das in ihr als Reichtum erst einmal produziert worden ist. Kapitalismus: Das ist eben eine Produktionsweise, in der – in welcher konkreten Form auch immer – beständig neues Eigentum geschaffen wird, das im Geld seine letztgültige Form hat. Die die Produktion kommandierende Klasse der Unternehmer und die unter deren Regie produzierende Klasse der Arbeiter leben – ganz verschieden zwar, aber allemal – von diesem Umstand, aber eben nicht nur diese beiden kapitalistisch produktiven Klassen, sondern per Tribut für Grund und Boden auch die Klasse der Grundeigentümer. In der Form des moralischen Vorwurfs des Schmarotzertums ist das dem bürgerlichen Verstand auch durchaus geläufig: Grundeigentümer leben davon, dass andere anderswo in der Gesellschaft Reichtum vermehren und sie sich davon etwas abgreifen. Zum System des Gelderwerbs durch die Schaffung von neuem Eigentum, an dem sie auf diese Weise partizipieren, tragen sie nichts bei.

Insofern trifft der Schmarotzer-Vorwurf an das Grundeigentum also durchaus etwas. Diejenigen, die ihn gerne erheben, sollten sich aber nicht täuschen: Was sie da am Wickel haben, ist keine moralische Entgleisung und viel mehr als eine asoziale Charaktereigenschaft der Grundeigentümer, nämlich eben das unproduktive Moment von deren Einkommensquelle, dem Grundeigentum. Wer es im Kopf nicht aushält, dass hier ohne Gegenleistung die Hand aufgehalten wird, der mag mit dieser Kritik ein erzkapitalistisches Ideal und insofern eine im Kapitalismus gut beheimatete Tradition bedienen – verkehrt ist dieser Maßstab dennoch: Als ob der Kapitalismus in anderen Sphären des Händewechsels von Geld, Waren, Dienstleistungen und nicht zuletzt dem Arbeitsfleiß je dadurch glänzen würde, dass er produktive Beiträge gerecht vergütet! Mit diesem Gerechtigkeitsmaßstab im Kopf könnte man problemlos über den ganzen Kapitalismus verrückt werden, wenn er doch Gott und die Welt dem Eigentum und dessen autonomer Vermehrung unterwirft und damit lauter quasiautonome Rechtstitel zum Geldverdienen schafft. Und wir werden auch noch dazu kommen, inwiefern das Grundeigentum dazu ganz wunderbar passt und der Reichtum, der da verdient wird, seine gute kapitalistische Ordnung hat.

Allerdings stehen die Grundeigentümer im eben erläuterten Sinne außerhalb des kapitalistischen Produktions- und Lebensprozesses mit nichts als ihrer staatlich zugesicherten exklusiven Verfügung über dessen elementare Bedingung. Das Grundeigentum ist in diesem Sinne etwas per se Unkapitalistisches. Natürlich gehört es zum Kapitalismus insofern dazu, als es von dessen Erträgen lebt – wovon auch sonst? Aber unkapitalistisch ist es im Verhältnis dazu, was der Kapitalismus als Produktionsweise leistet. Denn zur kapitalistischen Logik der Schaffung von Privateigentum durch die Anwendung der gesellschaftlichen Arbeit, welche diese Produktionsweise auszeichnet, steht es extern.

Das Unkapitalistische bemerkt man auch, wenn man mal die Preisfrage aufwirft: Was soll sie denn kosten, die zeitweise Herausgabe dieser elementaren Lebens- und Produktionsbedingung? Wonach bestimmt sich der Preis, zu dem die Nutzung des Bodens einem Interessenten auf Zeit überlassen wird? Hier wird nach etwas gefragt, das scheinbar an und für sich unbestimmt ist. So geht es also zu, wenn das angeblich allgemeingültige Gesetz der Marktwirtschaft, Preise seien das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, mal wirklich stimmt. Jetzt können einem tausend Gesichtspunkte einfallen, die hier unbestreitbar eine Rolle spielen, die Schönheit der Umgebung oder die Nähe zur Autobahn – gebrauchswertmäßige Bestimmungen, die von lebenspraktischen Notwendigkeiten bis zu Fragen des persönlichen Geschmacks herunterreichen. Die haben zwar auch ihren Begriff und sind insofern nicht beliebig: Sie betreffen das selbstbewusste Sicheinrichten und -einhausen in einer Welt des Gelderwerbs. Als solche gehen sie alle in das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ein – und geben keinen Deut Objektivität für die soeben aufgeworfene Preisfrage her.

Aus der politischen Ökonomie des Werts hat man sich damit verabschiedet. Hier existiert überhaupt kein Wert, um den Preise je nach Verhältnis von Angebot und Nachfrage oszillieren könnten, der Mietpreis richtet sich nach nichts als der Konkurrenz um das angebotene und nachgefragte Gut. Hier gibt es keine Produktion, die der Preiskonkurrenz ihr objektives Datum setzt, wonach durchschnittlich soundsoviel Arbeitsaufwand notwendig ist und die Unternehmer sich in ihrer Konkurrenz um ein zu optimierendes Verhältnis von Vorschuss und Überschuss auf irgendeinen marktgängigen Preis herunterwirtschaften. Umgekehrt kann man beim Bodenpreis ex negativo studieren, was mit der sogenannten »Wertlehre« gemeint ist: Das letzte ökonomische Regulativ der Marktpreise von Waren – nicht von Grund und Boden – ist eine Frage des Werts, der aus der Sphäre der Produktion herrührt. Im Produktionsprozess und in dessen Einsatz der Arbeit für den Tauschwert liegt das Geheimnis der politischen Ökonomie des Kapitalismus, das Marx in »Das Kapital« erklärt hat und das sich beim Grundeigentum im Negativen studieren lässt. Daran kann man bemerken, dass die Preisbestimmung bei Grund und Boden, gerade weil sie durch nichts als Angebot und Nachfrage gegeben ist, eine Abweichung von der kapitalistischen Normalität darstellt.

Grundeigentum – antikapitalistisch

Der Grundeigentümer ist vom Kapitalismus, der in der Produktion Eigentum schafft, abhängig. Die Interessen und Bedürfnisse, auf die er sich bezieht und die er ausnutzt, sind natürlich allesamt kapitalistisch – die besonderen Gesichtspunkte von Angebot und Nachfrage folgen den Gesetzen des kapitalistischen Wachstums, das an einem Ort Bevölkerung zusammenballt und andere Orte entvölkert usw. Nur: Womit der Grundeigentümer sich in dieses ökonomische System einklinkt, hat eben nicht den Charakter eines Beitrages dazu, sondern den eines Abzugs davon.

Diese Form der Abwicklung einer allgemeinen Produktions- und Lebensbedingung hat etwas dezidiert Antikapitalistisches: Sie ist ein reiner Kostenfaktor, stellt einen dauernd fälligen Abzug dar von dem, worum es geht, bloß um dieses Hindernis immerzu zu überwinden. Und dieses Hindernis wird im Zuge des kontinuierlichen Wachstums nicht marginalisiert, verliert nicht an Bedeutung, sondern im Gegenteil!

In dem Maße, in dem das Kapital mit seinem Rattenschwanz an gesellschaftlichem Leben auf einem Fleck wächst und gedeiht, wächst auch die Macht des Grundeigentums, von den Erträgen des kapitalistischen Wachstums seinen Tribut abzugreifen. Es ist das Kapital selbst, das das Grundeigentum in diese bequeme Lage versetzt: Mit seiner Konkurrenz um vorteilhafte Standorte sorgt es für die steigende Nachfrage, die das Grundeigentum als Monopolist über den Zugang zu entsprechenden Flächen mit Preisaufschlägen beantwortet. Für den einzelnen Unternehmer mag der Anspruch des Grundeigentums ein Kostenfaktor unter vielen sein, den er selbstverständlich nur dann auf sich nimmt, wenn sich sein Geschäft für ihn unterm Strich auch lohnt. Wenn er den Pachtpreis bezahlt hat, hat er sich damit ja auch sein exklusives Nutzungsrecht samt Freiheit seiner geschäftlichen Verwendung gesichert. Für diese Produktionsweise als Ganze wird die pure Bedingung, dass sie eben irgendwo stattfinden muss, damit aber glatt zu einem Hindernis ihres Erfolgs, je erfolgreicher das Produzieren von Geldreichtum – lokal und insgesamt – vonstatten geht. Eine Behinderung im Sinne einer Wachstumsbremse ist das Grundeigentum für den Kapitalismus immer – sein Tribut ist fürs Kapital ein Kostenfaktor, der verlässlich mit seinem Wachstum mitwächst.

Dabei kann das Grundeigentum bis zu einer Verhinderung des Wachstums geraten. In Einzelfällen sowieso: Steigende Mieten treiben den Ausleseprozess zwischen den konkurrierenden Unternehmern voran, bis zu dem Punkt, dass manche sich ihr Geschäft aufgrund der Grundstückspreise oder -mieten am bisherigen Standort nicht mehr leisten können, sich aus Innenstädten zurückziehen usw. Aber auch allgemein: Inzwischen ist wieder das interessante Problem im Gespräch, dass »Arbeitgeber« Probleme bekommen, weil ihre Dienstmannschaften sich das Wohnen in der Nähe der Betriebsstätten nicht mehr leisten können. Das ist ein Problem des Kapitals, das das Grundeigentum ihm seit jeher bereitet: Es hat schon vor 150 Jahren philanthropische Unternehmer gegeben, die mit diesem Umstand umgegangen sind. Sie haben der antikapitalistischen Natur des Grundeigentums, wie sie ihnen in die Quere gekommen ist, die Spitze abgeschnitten, indem sie selber zu Grundeigentümern geworden sind und ihren Arbeitern Werkssiedlungen hingestellt haben. Nicht nur Unternehmer, auch Staat und Gewerkschaften haben sich darum gekümmert – unheilige Allianzen gegen das Grundeigentum, wo es mit der Verhinderung des Wohnens der Arbeiter das Geschäft mit ihrer Arbeitsleistung torpediert.

Heutzutage hört man aus schönen Städten wie München schon ähnliche Klagen von »Arbeitgebern«, ihre bisherigen und für künftiges Wachstum anzuheuernden Angestellten könnten sich das Leben in der Nähe der Wirkungsstätte nicht mehr leisten. Die Deutsche Bahn etwa entdeckt auf ihrer Mitarbeitersuche die gute alte Tradition der Werkswohnungen wieder. Und die Politik macht sich durchaus daran zu schaffen, dass die Ansprüche des Grundeigentums ein Problem für den gedeihlichen Fortgang des Wachstums darstellen, wenn sie das Wohnen zu »einer zentralen sozialen Frage unserer Zeit« erklärt und damit den antikapitalistischen Charakter, den das Grundeigentum für das Kapital selber darstellt, an dem Problem ausdrückt, das die Angestellten und Arbeiter in ihrer nützlichen Rolle fürs Wachstum beim Zurechtkommen mit unbezahlbaren Mieten haben.

Das Un- und Antikapitalistische des Grundeigentums gibt den politökonomischen Grund, die Notwendigkeit dafür ab, dass Fragen solcher Art immer wieder aufkommen. Der Staat denkt zwar nicht einmal daran, seine Lizenzierung des Grundeigentums grundsätzlich zu widerrufen, aber immerhin gibt ihm der Gegensatz des Grundeigentums zu den kapitalistischen Einkommensquellen dauerhaft zu tun. Die politische Streitkultur bringt es sogar bis zu solchen Forderungen wie der nach »Enteignung«. Die Frage, wie das Grundeigentum mit seinen Ansprüchen einzupassen ist in das bürgerliche Gemeinwesen, ist für dessen politische Hoheit jedenfalls dauerhaft präsent.

Anmerkungen

1 Was für ein staatlicher Akt das ist und was von dieser Rechtsform alles abhängt, wird explizit kenntlich bei der Annexion der DDR: Da ist entschieden worden, dass der Systemwechsel zum Privateigentum auch vor dem Grundeigentum nicht haltmacht, und die spannende Frage lautete, wer als Eigentümer eingesetzt wird bzw. den Zuschlag bekommt. Das hat dortige proletarische und bäuerliche Lebensverhältnisse schwer auf den Kopf gestellt.

2 Gegenprobe ist der Bauer: Der (ge-)braucht sein Land selbst, weswegen es kein Einkommen für ihn abwirft. Er macht zu seiner Erwerbsquelle, was er der Bearbeitung des Bodens mit seiner Arbeit an verkäuflichen Produkten entlockt – was seinerseits eine Reihe von Eigentümlichkeiten aufmacht, die mit der Wohnungsfrage nichts zu tun haben. Mit der hat ein Bauer nur dann etwas zu tun, wenn eine Kommune sein landwirtschaftlich genutztes Land als Bauland ausweist.

Weiterführendes zur Wohnungsfrage im Kapitalismus erklärt der Artikel »Wohnungsnot und Mietpreisexplosion. Das Grundeigentum und der Wohnungsmarkt«, der in Gegenstandpunkt 2/2014 erschien. Das Heft ist im Buchhandel und beim Verlag unter https://de.gegenstandpunkt.com zu beziehen.

Theo Wentzke schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 16. Dezember 2020 über die Rolle Alexej Nawalnys in der russischen Politik.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Emmo Frey, Dachau: Wuchtige Worte Die beiden Aufsätze von Theo Wentzke zum Grundeigentum haben mir gut gefallen, danke dafür. Passend zum Thema fand ich im Fotobuch »Terra« des Sebastião Salgado (1997 bei Zweitausendeins) eine Vorrede...
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