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Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona und die Folgen

»Teilzeitöffnungen können wir nicht lange durchhalten«

Über die Tücken von Corona für das linke Kneipenwesen. Ein Gespräch mit dem Wirt Matthias Bogisch
Von Frank Willmann
Baiz
»Irgendwie links sind noch viele, aber wer kann sich hier noch eine Wohnung leisten?« Die Baiz in Berlin-Prenzlauer Berg

Matthias, wie geht’s?

Den Umständen entsprechend, man versucht, das Beste draus zu machen, ein wenig Selbstreflexion in den Lockdownen schadet nix.

Seit wann ist die Baiz geschlossen?

Im Jahr 2020 hatten wir insgesamt fünf Monate zu, aktuell ist es seit dem 2. November zappenduster.

Wovon leben die von der Schließung betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Einige haben zusätzliche Standbeine, sonst bleiben nur Hartz IV oder Kurzarbeitergeld.

Was gibt es vom Senat oder anderen Institutionen für Unterstützung?

Über die Hilfen von Bund und Land fürs Baiz direkt können wir uns nicht wirklich beschweren, aber wir hatten zum Glück dabei engagierten Support, mit weniger Kompetenz und Beharrlichkeit oder bei Sprachbarrieren wäre das bürokratisch vermutlich schlechter gelaufen.

Wie hattet ihr bis zum neuerlichen Shutdown die Coronamaßnahmen umgesetzt? Wie diszipliniert waren eure Gäste?

Natürlich wollten wir soviel ermöglichen, wie uns vertretbar schien, und dabei keine neuen Infektionsketten anschieben. Da es nur sehr selten Kritik über ein Zuwenig oder ein Zuviel gab, haben wir wohl einen gesunden Mittelweg gefunden, der von den allermeisten Gästen mitgetragen wurde. Die wenigen Ausnahmen, wo vermeintliche Freiheitskämpfer ausfallend wurden, braucht jedenfalls keiner.

Vor Corona fanden jede Woche Lesungen, Filmabende, politische Diskussionsrunden statt? Was ist aus eurem Kulturprogramm geworden?

Das ist weitgehend im Shutdown, die Reformbühne Heim und Welt streamt momentan eigenständig. Im Oktober haben wir einen Baiz-Videokanal gestartet, der bald wieder mit neuen Veranstaltungen gefüttert werden soll. Bis jetzt sind fünf Reformbühnen und eine Drecksack-Release im Angebot.

Wo ist euer Kanal zu finden, und was ist demnächst geplant?

Bei Youtube einfach nach Baiz Berlin suchen und gerne abonnieren, mit über 100 Abonnentinnen könnten wir dann einen einprägsamen Link auswählen. Wenn es klappt, zeichnen wir im Februar was zum neuen Buch über die Mainzer Straße im Ch.-Links-Verlag auf. Mit anderen Veranstalterinnen und Veranstaltern bin ich ebenfalls im Gespräch, sonst auch gerne selber auf uns zukommen: Die Technik ist da, und kosten tut das Ganze wie immer nix, nur in unser Portfolio passende Inhalte müssten mitgebracht werden.

Der zuständige Stadtrat in Pankow für das Ordnungsamt, Abteilung Umwelt und öffentliche Ordnung, ist ein AfD-Mann. Wie läuft’s mit ihm, mag er euch?

Außer, dass uns die AfD-Fraktion vor ein paar Jahren mal per Anfrage in der Bezirksverordnetenversammlung die – übrigens nie vorhandenen – Fördergeldhähne zudrehen wollte, gab es da bisher keine Berührungspunkte.

Die Baiz ist eine Kneipe, die von Linken frequentiert wird. Ist das im Prenzlauer Berg inzwischen ein Anachronismus?

Ich glaube, irgendwie links sind nach wie vor viele, das Problem ist eher, wer sich hier noch eine Wohnung leisten kann und dann auch im Kiez engagiert, sei es politisch oder subkulturell. Diese bis weit nach der Wende noch alltäglichen Impulse sind mittlerweile leider eher die Ausnahme.

Was ist mit der Solidarität unter Linken in der Coronazeit? Bekommt ihr davon etwas zu spüren?

Wir wollten anfangs keine eigene Kampagne ins Leben rufen, weil es uns vergleichsweise gut ging. Nach vielen Spendenangeboten haben wir uns dann doch bei Kneipenretter.org eingereiht und gehören da zu den am meisten unterstützten Läden, noch mal vielen Dank den zahlreichen Spenderinnen und Spendern!

Glaubst du, im März ist alles wie früher? Welche Perspektive siehst du für die Baiz nach Corona?

Zunächst würden wir uns wirklich freuen, endlich mal wieder mit der Baiz-Community anstoßen zu können. Großartig wäre auch, wenn vielleicht ab Ostern wieder ein halbwegs geregelter Veranstaltungsbetrieb möglich wird. Teilzeitöffnungen mit personellen Obergrenzen könnten wir bei unseren eher günstigen Preisen nicht lange durchhalten, das war neben den zwei eingestampften Programmheften in 2020 wirklich fatal. Also, hoffen wir das Beste für das neue Jahr!

Matthias Bogisch ist Wirt und Programmmacher der Berliner Kultur- und Schankwirtschaft Baiz in der Schönhauser Allee.

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