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Aus: Ausgabe vom 09.01.2021, Seite 15 / Geschichte
Ende der Sowjetunion

Provozierte Opfer

Vor 30 Jahren kamen beim Sturm sowjetischer Truppen auf das Fernsehzentrum in Vilnius 14 Menschen ums Leben
Von Reinhard Lauterbach
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Konnten sich an der Anwesenheit sowjetischer Truppen nicht erfreuen. Bürger in Vilnius im Januar 1991

Die Nachricht war damals ein »Knaller«, die »Tagesschau« vom 13. Januar 1991 widmete dem Ereignis die Hälfte ihrer Sendezeit: sowjetische Panzer im Einsatz gegen zivile Protestierende in Vilnius, Hauptstadt – ja, wessen? Des unabhängigen Litauens oder der litauischen Sowjetrepublik?

Wessen Hauptstadt?

Genau darum ging es im Kern. Die Sowjetunion war 1990 nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wirtschaft und Versorgung im freien Fall, in Moskau ein Machtkampf zwischen Michail Gorbatschow, der inzwischen das Amt des Generalsekretärs der KPdSU gegen das des sowjetischen Präsidenten eingetauscht hatte, und dem Vorsitzenden des Parlaments der Russischen Föderativen Sowjetrepublik, Boris Jelzin. Und an der Peripherie des Landes ein Nationalitätenkonflikt nach dem anderen, darunter die Bewegung für die Unabhängigkeit der drei baltischen Republiken, die im Sommer 1989 eine Menschenkette aus mehreren hunderttausend Teilnehmern von Tallinn bis Vilnius auf die Beine gestellt hatte.

Dass wachsende Teile der Bevölkerung der baltischen Republiken auf ein Leben außerhalb der Sowjetunion setzten, hatte Gründe auf zwei Ebenen. Die eine, öffentlich meist herausgestellte, war, dass unter dem Eindruck der »Perestroika« Kritik am Anschluss der baltischen Republiken an die Sowjetunion 1940 zugelassen wurde. Die Menschenkette von 1989 fand am 50. Jahrestag des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 statt, durch den Estland und Lettland – Litauen kam später im Zuge eines deutsch-sowjetischen Grenzabkommens hinzu – der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen worden waren. Im Sommer 1940 hatte die Sowjetunion diese Karte gezogen und die drei Staaten genötigt, ihren Beitritt zur UdSSR zu beantragen. Die Gründe waren strategischer Natur: Die UdSSR wollte eine Pufferzone gegen Nazideutschland schaffen. Im Selbstbewusstsein der meisten Bewohner der baltischen Republiken gilt das halbe Jahrhundert ihrer Zugehörigkeit zur Sowjetunion seitdem als »Okkupation«.

Die Durchsetzung dieser Perspektive hat aber viel mit der sich im Zuge der Perestroika zuspitzenden Wirtschaftskrise zu tun. Denn in der Sowjetunion waren die baltischen Republiken vergleichsweise wohlhabend: Ihr Sozialprodukt pro Kopf lag um 20 Prozent über dem Unionsdurchschnitt. Sie mussten daher besonders viel zur innersowjetischen Umverteilung beitragen. In dem Maße, in dem es weniger zu verteilen gab, setzte sich sogar in Teilen der örtlichen kommunistischen Parteien die Auffassung durch, man käme ohne die Union wirtschaftlich besser zurecht.

Schon im März 1989 hatte bei den Wahlen zum sowjetischen Parlament die »Volksfront« Sajudis 36 der 42 Mandate der litauischen Unionsrepublik gewonnen. Die Litauische Kommunistische Partei stand unter Schock und begann selbst auf nationalistische Positionen überzugehen. Noch im Dezember 1989 spaltete sie sich offiziell von der sowjetischen Gesamtpartei ab. Im Februar und März 1990 wurde in Litauen turnusmäßig das Parlament der Republik neu gewählt, und die Nationalisten erhielten eine Zweidrittelmehrheit. Als erste Amtshandlung setzten sie schon am 11. März, einen Tag nach dem zweiten Wahlgang, die sowjetische Verfassung außer Kraft und setzten die litauische von 1938 wieder ein. Die Eile schien geboten, weil für den 12. März die Wahl Gorbatschows zum Präsidenten der UdSSR geplant war; dem wollten die litauischen Abgeordneten zuvorkommen und vollendete Tatsachen schaffen. Außerdem fürchteten die litauischen Politiker, dass ein damals in Moskau vorbereitetes Gesetz über die Modalitäten des Austritts von Republiken aus der Union ihnen die Abspaltung erschweren könne.

Der Rest des Jahres verlief zwischen Moskau und Vilnius als eine Kette wechselseitiger Ultimaten. Im April verhängte Gorbatschow eine Wirtschaftsblockade gegen Litauen, in der Hoffnung, der Bevölkerung ihre Abhängigkeit von der Sowjetunion deutlich zu machen. Doch der Schuss ging nach hinten los, weil zum Beispiel das Gebiet Kaliningrad den Großteil seines Stroms aus Litauen bezog und Litauen nunmehr seine Molkereiprodukte nicht mehr in die russische Republik lieferte. Anfang Juli hob Gorbatschow die Blockade wieder auf, gegen die Zusage der litauischen Führung, ihre neue/alte Verfassung für 100 Tage auszusetzen. Doch Verhandlungen über das künftige Verhältnis zwischen Litauen und der Union blieben ergebnislos, weil die litauische Seite auf ihrer Abspaltung bestand. Am 28. Dezember 1990 wurde die litauische Verfassung wieder in Kraft gesetzt, und in den ersten Januartagen beschloss die neue Regierung unter Leitung der »reformkommunistischen« Ministerpräsidentin Kazimiera Prunskiene eine Erhöhung der meisten Lebensmittelpreise. Dagegen gab es Demonstrationen. Am 10. Januar forderte Gorbatschow Litauen ultimativ auf, die »verfassungswidrigen Aktivitäten« einzustellen. Gleichzeitig muss er – auch wenn er es im nachhinein bestritten hat – den Befehl gegeben haben, Elitetruppen nach Vilnius in Marsch zu setzen, um »Parteieigentum zu sichern« und das für die Propaganda der Nationalisten genutzte Fernsehsendezentrum zurückzuerobern.

Politisches Debakel

Die Aktion, durchgeführt von Fallschirmjägern aus Pskow und einer Gruppe der Antiterroreinheit »Alpha«, verlief militärisch erfolgreich: Der Fernsehturm wurde besetzt. Aber politisch geriet sie zum Debakel. Vor dem Fernsehturm standen sich sowjetische Soldaten und litauische Demonstranten gegenüber. Unter Umständen, die bis heute nicht geklärt sind, fielen Schüsse, die insgesamt 14 Todesopfer zur Folge hatten: 13 Litauer und ein sowjetischer Soldat kamen ums Leben, angeblich durch »Friendly fire«.

Dass dieser Soldat, der Schlussmann seiner Kolonne, von hinten erschossen wurde, ist eines der Hauptargumente dafür, dass die Theorie vom »irrtümlichen Beschuss« nicht stimmen kann. Augenzeugen berichteten später, sie hätten gesehen, wie Scharfschützen von umliegenden Gebäuden aus in die Menge gefeuert hätten. Eine Untersuchung der litauischen Staatsanwalt kurz nach den Vorfällen ergab, dass mindestens fünf der 13 Toten aus steilen Winkeln getroffen worden waren, andere mit Kugeln uralter Jagdgewehre. Der damalige Leiter des litauischen »Landesverteidigungsamtes«, der spätere Verteidigungsminister Audrius Butkevicius, erklärte später in zahlreichen Interviews, er habe bewusst Zivilisten zum Fernsehturm beordert und sie der Gefahr ausgesetzt, getötet zu werden, um die sowjetischen Truppen psychologisch unter Druck zu setzen. Nach anderen Darstellungen soll Butkevicius auch Beamte des litauischen Grenzschutzes in Zivil auf dem Fernsehturm plaziert haben mit der Aufgabe, durch Schüsse in die Menge Chaos zu stiften.

Was wirklich passiert ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die litauischen Ermittlungen waren einseitig auf Belastung der sowjetischen Soldaten ausgerichtet, die russischen Akten hat Boris Jelzin 1993 Litauen überlassen. Russische KGB-Veteranen sagen heute, der Sturm auf das Fernsehzentrum sei eine Dummheit gewesen: Einfach dem Fernsehen den Strom abzustellen hätte denselben Effekt gehabt und niemanden gefährdet. Zumal die sowjetische Seite ihren Teilerfolg, den Fernsehturm erobert zu haben, nicht ausnutzte. Die Truppen wurden schon Tage später wieder abgezogen.

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