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Aus: Ausgabe vom 09.01.2021, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Genügend Potential

Zu jW vom 31.12./1.1.: »Kapital kriegt Kontra«

Die Epoche des Sozialismus ist nicht zu Ende. Was den westlichen Spätkapitalismus betrifft, hat seine absolute Überakkumulation zu einer dramatischen Verengung der Kapitalverwertungsbedingungen geführt. Sie ist die Ursache der bestehenden Dauerkrise und ihrer immer destruktiveren Auswirkungen. Friedrich Engels’ an Prägnanz kaum zu übertreffende Formulierung objektiver und subjektiver Voraussetzungen der sozialistischen Revolution sollte (…) in diesem Zusammenhang endlich in ihrer Bedeutung und Tragweite begriffen werden: Die Produktionsweise »entwickelt einerseits Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise, eine Beseitigung ihres kapitalistischen Charakters, zur zwingenden Notwendigkeit erheben (…); und sie entwickelt andererseits in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen« (MEW 19, 193). Legt man diese Erkenntnis zugrunde, stellt sich die Frage, ob die Oktoberrevolution 1917 auf den genannten Voraussetzungen aufbauen konnte. Das konnte sie nicht. Die nachholende Modernisierung war um des Überlebens willen unausweichlich. Zudem musste die junge Sowjetunion der Beutegier des westlichen Imperialismus widerstehen und sich unter härtesten Bedingungen industrialisieren. Kein einziges Land des späteren sozialistischen Lagers erfüllte die objektiven und subjektiven Bedingungen, die eine sozialistische Revolution voraussetzt. Dennoch gibt es nicht zu übergehende Gründe, den sozialistischen Versuch nicht zu diskreditieren, ihn vielmehr in einen weit größeren historischen und gesamtstrategischen Rahmen zu stellen und zu analysieren. Ohne ihn gäbe es heute keine Mächte wie China und Russland, die dem immer aggressiveren US-Imperialismus Schranken setzen. (…)

Die genannte absolute Überakkumulation hat die führenden westlichen Industriestaaten heute in eine Krise getrieben, die immer deutlichere Züge einer finalen annimmt. Zunehmende Destruktion der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie die daraus resultierende Entfesselung nicht mehr beherrschbarer autodestruktiver Prozesse sind inzwischen Realität. Die hochentwickelten Produktivkräfte revoltieren gegen die Systemgrenzen (…). Die Antwort der Spätbourgeoisie darauf ist so brutal wie hilflos. Sie muss Sozialismus als Alternative verteufeln, um einem neuen Aufbruch das strategische Ziel zu nehmen, das heißt, ihn im Keim ersticken. Folglich setzt sie »Realsozialismus« und Sozialismus gleich, um mit einem abschreckenden Beispiel operieren zu können. Dies zu bezeugen ist kontraproduktiv und strategisch verheerend. Zudem betrifft es die Bündnisfrage. Ohne ein Bündnis mit demokratischen Kräften wird ein neuer Aufbruch kaum möglich sein. Um mit ihnen durch Dialog und Diskussion ein Einvernehmen zu erreichen, muss mit Glaubensartikeln und Dogmen aufgeräumt werden. Der noch nicht erfüllte subjektive Faktor ist nur durch die Einverleibung demokratischer Errungenschaften der bürgerlichen Epoche herzustellen. Schluss muss insbesondere damit sein, vor drittklassiger Ideologie einzuknicken. Revolutionärer Humanismus und kommunistische Intention verfügen über genügend geistiges Potential, ihr entgegenzutreten.

Willi R. Gettél, per E-Mail

Ursache liegt hier

Zu jW vom 31.12./1.1.: »›Sie wohnen dort wie in Zelten‹«

Zunächst ein Brecht-Zitat: »Er sagte, er könne nicht allen helfen, also half er keinem!« (…) Ja, es stimmt, dass »wir« zu den »Kolonisatoren« gehören, die dafür verantwortlich sind, dass Menschen aus den von »uns« gebeutelten Ländern fliehen, und wir sollten unser Veto dazu deutlicher zur Geltung bringen als bisher. Denn wer kann und will die Gefahren einer Flucht, bei der man im Mittelmeer ertrinken oder in der Wüste verdursten kann, auf sich nehmen? Wer einen solchen Preis bezahlen wollen? Wie groß muss die Not sein, wenn jemand diese Risiken auf sich nimmt? (…) Ich kannte Ende der 80er Jahre bereits einen jungen Mann, er war Tamile und auf Geheiß seiner Eltern aus dem Bürgerkriegsland Sri Lanka geflohen. Seine Eltern hätten sich gewünscht, sagte er, dass wenigstens einer aus der Familie überlebe … Wie sähe unsere Welt aus, wenn es die vielfach verächtlich gemachten »Gutmenschen« nicht gäbe, wenn sich nicht einmal mehr Fürsprecher für die bei uns Gestrandeten fänden?

Josie Michel-Brüning, Wolfsburg (Onlinekommentar)

Großer Charakter

Zu jW vom 31.12./1.1.: »Keine andere Wahl«

George Blake war ein großer Charakter. Die Bombardements nordkoreanischer Städte während des Koreakrieges waren barbarisch. Bei Totenziffern von 25 Prozent – in Dresden waren es sieben bis acht – muss man schon fragen, ob die US Air Force überhaupt noch etwas Menschliches hatte. (…) Unter den sowjetischen Aufklärern waren hochbegabte Analysten, die viele Nachrichtendienste nicht unbedingt haben, die aber den Kern ihrer Arbeit darstellen: Richard Sorge, Kim Philby, Sandor Rado (Dora) und weitere übermittelten der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs (Philby vor allem danach) wertvolle Informationen. Sorges Analysen zu Japan vor dem Zweiten Weltkrieg sollten auch heute von jedem Historiker berücksichtigt werden. Alle riskierten ihr Leben. Sorge wurde am Jahrestag der Oktoberrevolution hingerichtet. Man kann nur den Hut ziehen vor diesen Menschen! Ihre Entscheidung für die Sowjetunion war richtig. Dass seit Breschnew das sowjetische System immer mehr erstarrte und unfähig war, sich zu reformieren, muss sicherlich nicht nur George Blake geschmerzt haben.

Achim Lippmann, Shenzhen/China

Zuhören und diskutieren

Zu jW vom 31.12./1.1.: »Verfolgt, verdrängt, ­vergessen«

Vielen Dank, dass solche Menschen wie Oskar Stillich und ihre Ideen vor dem Vergessen bewahrt werden. Manchmal verdrängen wir, dass konsequent humanistisches Denken auch außerhalb des Marxismus existiert, und stoßen dessen Anhänger vor den Kopf, statt ihnen zuzuhören und mit ihnen um gemeinsame Ziele und Aufgaben zu disputieren.

Agnes Schleicher, Chemnitz (Onlinekommentar)

Wie sähe unsere Welt aus, wenn es die vielfach verächtlich gemachten ›Gutmenschen‹ nicht gäbe, wenn sich keine Fürsprecher für die bei uns Gestrandeten mehr fänden?

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