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Aus: Ausgabe vom 05.01.2021, Seite 7 / Ausland
Irische Unabhängigkeit

Keine Kompromisse mit London

Die Waffenstillstände 1994 und 1997 lehnte er ab: Gründer der Real IRA, Michael McKevitt, verstorben
Von Dieter Reinisch
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Ein »AK-47« aus Pappe hängt an einer Straßenlampe in der nordirischen Stadt Newry

Der ehemalige Quartiermeister der irisch-republikanischen Guerillaarmee Irish Republican Army (IRA), Michael McKevitt, ist im Alter von 71 Jahren an den Folgen einer schweren Krebserkrankung verstorben. An seinem Leben lassen sich exemplarisch die Auseinandersetzungen in der IRA-Führungsriege im Umgang mit dem Friedensprozess zeigen. Der Schwager des IRA-Hungerstreikenden Robert »Bobby« Sands lehnte jeden Kompromiss mit der britischen Regierung ab und gründete 1997 die »Real IRA«.

Michael McKevitt wurde am 4. September 1949 in der Grafschaft Louth geboren. Nach dem Ausbruch des Nordirlandkonflikts schloss er sich Ende 1969 der IRA an. In den 1980ern stieg er in ihre Leitungsebene auf, wurde Quartiermeister und war somit für die Waffenlager zuständig.

Der libysche Staatschef Muammar Al-Ghaddafi intensivierte zu dieser Zeit seine Unterstützung für die IRA. Nachdem Libyen mehrere Tonnen an Waffen, darunter den Plastiksprengstoff Semtex und Boden-Luft-Raketen nach Irland geschmuggelt hatte, war McKevitt dafür zuständig, die Waffenverstecke zu koordinieren.

Viele IRA-Mitglieder erhofften sich mit diesen Waffen Militäroperationen nach dem Vorbild der Tet-Offensive des Vietkongs 1968. Doch statt dessen hatte der Sinn-Féin-Präsident Gerard »Gerry« Adams bereits heimlich Gespräche mit der britischen Regierung begonnen.

McKevitt lehnte die Waffenstillstände von 1994 und 1997 ab. Er sah sie als Kniefall, die IRA habe damit ihre Ziele aufgegeben. Im Herbst 1997 kam es auf einem Kongress zum Bruch. Als Adams eine Mehrheit hinter sich versammeln konnte, spaltete sich McKevitt ab und gründete eine neue IRA. Er behauptete, die Adams-Fraktion hätte die IRA-Statuten gebrochen und seine Gruppe sei die »wahre IRA«.

Die Real IRA versammelte erfahrene Republikaner und hatte dank McKevitt Zugriff auf die alten Waffenlager. Gleichzeitig gründete seine Ehefrau Bernadette Sands, die Schwester des 1981 im Hungerstreik gestorbenen IRA-Gefangenen Bobby Sands, die politische Organisation 32 County Sovereignty Movement. Zu den prominentesten Mitgliedern der neuen Bewegung gehörte die frühere Hungerstreikende Marian Price.

Am 15. August 1998 detonierte in der Kleinstadt Omagh eine Bombe, 29 Menschen starben. Die Real IRA hatte zuvor Warnanrufe an den Fernsehsender UTV und Notfallmediziner getätigt und das anerkannte IRA-Codewort »Martha Pope« verwendet. Von der Polizei wurde dennoch das falsche Straßenende evakuiert. Der Geheimdienst hatte bereits tagelang das Auto, in dem die Bombe transportiert wurde, beobachtet. Der MI5 hatte die Toten in Kauf genommen, um die Real IRA zu diskreditieren.

Bis zu seinem Tod leugnete McKevitt eine Beteiligung an dem Anschlag. 2009 wurde er mit drei weiteren IRA-Mitgliedern zivilrechtlich zu Schadensersatz verurteilt, strafrechtlich konnte ihm keine Verbindung nachgewiesen werden.

Die Real IRA konnte sich von dem Schock erholen und griff zwei Jahre später das Hauptquartier des Auslandsgeheimdienstes MI6 in London an. 2001 wurde McKevitt aufgrund der Aussage des FBI-Agenten David Rupert, der mehrere republikanische Organisationen infiltriert hatte, zu 20 Jahren Haft verurteilt. 2016 wurde er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Hochsicherheitsgefängnis Portlaoise entlassen. Für seine Freilassung hatten sich der ehemalige Fianna-Fáil-Minister Éamon Ó Cuív und mehrere linke Parlamentsabgeordnete eingesetzt.

Das Republican Network for Unity, dem McKevitt nahestand, schrieb in einer Stellungnahme: »Wir und die ganze republikanische Familie erinnern uns an Michael als einen Genossen, Freund und überzeugten republikanischen Anführer, der sein ganzes Leben lang gegen die Macht des britischen Establishments kämpfte.« McKevitt verstarb am frühen Sonnabend morgen im Kreis seiner Familie in einem Dubliner Krankenhaus.

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Debatte

  • Beitrag von Manfred G. aus H. ( 5. Januar 2021 um 11:39 Uhr)
    Mein Beileid an die Hinterbliebenen und die Real IRA.

    Michael McKevitt war ein unbeugsamer IRA-Kämpfer, der verstanden hat, dass der englische Imperialismus und Kolonialismus nur mit Waffengewalt zu Zugeständnissen gezwungen werden kann.

    Im Gegensatz zu Gerry Adams, der mit seiner Politik die IRA zerstört hat und dem Parlamentarismus zugeneigt ist, hat Michael McKevitt die Grundsätze der IRA nie aus den Augen verloren.

    Die Iren sind ein mutiges und kämpferisches Volk, das, da bin ich mir sicher, noch viele Michael McKevitts zur Welt bringen wird.

    Es lebe Michael McKevitt, es lebe die Real IRA.
  • Beitrag von Ernst H. aus R. ( 5. Januar 2021 um 13:41 Uhr)
    In den Artikeln von Herrn Reinisch scheint immer wieder die Ansicht durch, dass sich die Konflikte in Irland und die zwischen Irland und den imperialistischen Mächten auch derzeit militärisch lösen lassen. Die Kräfte, die derzeit an politischen Lösungen arbeiten, sind von weitaus größerer Bedeutung und haben einen wesentlichen Teil der irischen Bevölkerung hinter sich – nicht eine bedeutungslos gewordene, wie auch immer geartete IRA.

    Ernst Herzog, Galway

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