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Aus: Ausgabe vom 05.01.2021, Seite 5 / Inland
Bildung in der Krise

Homeschooling im Chaos

Komplette Öffnung der Schulen weiter nicht in Sicht. Trotz Erfahrungen mit erstem Lockdown ist darauf keiner vorbereitet
Von Susan Bonath
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Keine leichte Aufgabe: Viele Schulkinder verlieren mit dem Fernunterricht den Überblick

Wann geht die Schule weiter? Viele Schüler und Lehrer tappen derzeit weitgehend im dunkeln. Die Kultusminister der Länder sind sich in Details uneinig, wie eine Konferenz am Montag ergab. Klar ist: Viele Schulen bleiben vorerst geschlossen. In Mecklenburg-Vorpommern müssen Jugendliche ab Klasse 7 seit Montag zu Hause lernen, jüngere Kinder sollen nur bei fehlender Betreuung in die Einrichtung kommen. Berliner und Brandenburger Kindern wurde vorerst ebenfalls Homeschooling verordnet, Thüringen will die Winterferien vorziehen. Komplett geöffnet werden die Schulen vor Februar wohl in keinem Bundesland. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentschner (SPD) forderte vom Bund, die Schließung wissenschaftlich zu begründen. Diesen Dienstag sollen sich die Ministerpräsidenten auf eine Strategie einigen.

Besonders ärmeren Kindern droht nun, weiter von der Bildung abgehängt zu werden. Am Sonnabend hatten Vertreter der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und des Deutschen Lehrerverbandes (DL) in einer Stellungnahme davor gewarnt. Sie appellierten an Bund und Länder, komplette Schulschließungen zu vermeiden. Es gehe darum, »Lebenschancen von Kindern zu wahren«, so die Unterzeichner. Letztlich könne der Bildungsauftrag des Staats vollumfänglich nur mit Präsenzunterricht erfüllt werden. Das sei ein Grundbedürfnis der Minderjährigen, sagte DAKJ-Generalsekretär Hans-Iko Huppertz. Wie der »Lockdown« im Frühjahr bewiesen habe, würden andernfalls viele Kinder in ihrer psychischen, sozialen und motorischen Entwicklung dauerhaft gefährdet.

Gleichzeitig, so räumen die Verbände ein, seien Schulen zwar keine »Hotspots«, aber trotzdem Teil des Infektionsgeschehens. Deshalb müsse die Bundesregierung endlich einen bundesweiten Hygienestufenplan für die Einrichtungen erstellen und dafür sorgen, dass er umsetzbar sei. Sie fordern belüftbare Klassenräume und Lehrerzimmer, ausreichend medizinische Atemschutzmasken für Lehrer und die Bereitstellung von Coronaschnelltests. Außerdem müssten die Sanitäranlagen in einen hygienisch einwandfreien Zustand versetzt werden. Die Gesundheitsämter müssten bei Positivfällen »strukturierte Ausbruchsanalysen« vornehmen, Lehrer sollen als »Hygienebeauftragte« fungieren und Kommunen mehr Busse für den Schülerverkehr bereitstellen. Die Politik habe »die oberste Pflicht, deutlich mehr als bisher dafür zu tun, dass Unterricht ab Ende der Weihnachtsferien wieder möglich wird, damit die Zukunftschancen von Schülern nicht dauerhaft massiv gefährdet werden«, so die Autoren.

Lehrerpräsident Heinz-Peter Meidinger attestierte der Politik mit Blick auf den bisherigen Umgang mit der Krise am Montag im ARD-Morgenmagazin einen »schweren Fehler«. Die Regierung habe es im Frühjahr versäumt, »Vollgas bei der digitalen Nachrüstung der Schulen zu geben«. Noch immer habe mehr als die Hälfte der Schulen kein schnelles Internet. Auch wenn es Fortbildungsoffensiven für Lehrer gegeben habe, mangele es weiter an technischer Ausrüstung.

Das mussten viele Berliner Schüler am Montag erleben: Wie schon im Frühjahr 2020 und kurz vor den Weihnachtsferien war die digitale Plattform »Lernraum Berlin« trotz Wartung nur eingeschränkt erreichbar. So konnten viele Schüler und Eltern am ersten Schultag die Aufgaben nicht abrufen, wie die Berliner Morgenpost berichtete. Auch andernorts gibt es diese Probleme. In Sachsen-Anhalt konnten Schüler kurz vor den Weihnachtsferien, als der Lockdown verordnet worden war, nicht auf das Lernportal »Moodle« zugreifen. In Sachsen lag die Plattform »Lernsax« lahm, in Bayern fiel »Mebis« aus. Auch im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern waren die Server zusammengebrochen.

Auf staatliche Entschädigung für Lohnausfälle wegen Kinderbetreuung brauchen Eltern erneut nicht zu hoffen. Bisher pochte die Politik auf das Bürgerliche Gesetzbuch, wonach Beschäftigte, die für eine kurze Zeit »ohne eigenes Verschulden« ausfallen, ihren Lohnanspruch nicht verlieren. Das wird aber häufig vertraglich ausgeschlossen. Die Notbetreuung könnte zugleich eng begrenzt werden. Zum Beispiel soll sie nach einem neuen Thüringer Verordnungsentwurf nur für Kinder zugänglich sein, deren Eltern »in unmittelbar lebenserhaltenden Berufen« arbeiten.

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