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Aus: Ausgabe vom 02.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

»Statt Hand aufhalten Hände waschen«

Die Bundeskanzlerin zur Lage der Nation
Von Helmut Hammerbauer
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Ansprüche runter, Wasser trinken

Besondere Bedingungen erfordern besondere Maßnahmen. Weil die Bevölkerung unter den Coronauflagen ächzt, will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erneut in einer Rede an die Deutschen wenden, um das Land auf die permanente Verlängerung des Shutdowns einzustimmen. Unser Reporter ist an das Manuskript gelangt, welches wir hier exklusiv vorab veröffentlichen. (jW)

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

das Leben hat sich im vergangenen Jahr dramatisch verändert. Alles wird nach wie vor auf eine harte Probe gestellt. Millionen von Ihnen sind natürlich in dieser Situation weiter voller Fragen und voller Sorgen. Ich wende mich nun an Sie, weil ich Ihnen ganz offen sagen will, was mich als Bundeskanzlerin und meine schwer arbeitenden Kollegen in der Bundesregierung leitet.

Deswegen lassen Sie mich sagen: Seit der beglückenden Vereinigung, nein, eigentlich seit der missglückten Befreiung Sowjetrusslands gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf Ihr solidarisches Handeln mit Ihrer Regierung ankommt. Ich möchte Ihnen erklären, wo wir aktuell stehen in dieser unserer Krise. Warum es Sie jetzt, wo wir Licht am Ende des Tunnels sehen, unbedingt dafür braucht.

Alles, was ich Ihnen dazu sage, wurde in den ständigen Beratungen der Bundesregierung mit den uns vertrauten Experten des »Institut der deutschen Wirtschaft«, den Wirtschaftweisen und weiteren Experten erarbeitet. Es wird EU-weit unter Hochdruck durchregiert. Es gibt ein Durchstarten beim Impfstoff, aber wir sind nicht über den Berg.

Solange das so ist, gibt es nur eines, und das ist die Richtschnur all unseres Handelns: Zeit zu gewinnen. Zeit, damit unsere bewährte Marktwirtschaft mit ihrer unsichtbaren Hand uns zum guten Ende führen kann. Wir müssen dabei vor allem auf eines setzen: ihre liebgewonnenen Ansprüche, soweit es geht, auch weiterhin herunterzufahren. Selbstverständlich mit systemrelevantem Weitblick und Augenmaß der schwäbischen Hausfrau.

Ich weiß, wie dramatisch schon bisher die Einschränkungen waren: verlorene Einnahmen und Nebeneinkünfte, keine Messen, kein Freizeitfußball und kein Opernball mehr. Ich weiß, es bleibt hart und durchgreifend. Lassen Sie mich versichern: Für jemanden wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Verbote nur in diesem absolut freiheitsliebenden Land zu rechtfertigen. Sie sind nur zum Schutz unseres Wirtschaftslebens beschlossen und im Moment unverzichtbar, um auch Ihren Job zu retten. Dabei können und werden wir alles einsetzen, was es braucht, um mit erprobter Sozialpartnerschaft durch die schwere Prüfung zu kommen. Glauben Sie mir, das ist vollkommen solidarisch.

Und lassen Sie mich auch hier erneut einen Dank hinzufügen an Menschen, die bisher zuwenig beachtet wurden. Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt, aber auch im hektischen Börsensaal schwitzt oder unsere Botschaften weiterverbreitet, der macht einen der mutigsten Jobs, die es zur Zeit gibt. Danke, dass Sie da sind für uns.

Jetzt zu dem, was mir heute das Dringendste ist: Das ist Ihr guter Wille. Vor dem, was auf uns zukommt, muss jede und jeder mitbekommen, worum es uns geht. Nämlich nicht in Ungeduld oder Panik verfallen, auch nicht beim Blick ins Portemonnaie. Und bitte keinesfalls denken, ich bin ohnehin nur Kanonenfutter. Glauben Sie mir: Alle zählen, es braucht in allernächster Zeit unser aller Durchhalten. Der Rat erfahrener Krisenexperten ist ja eindeutig: Nicht einfach die Hand aufhalten, dafür einmal mehr die Hände waschen, auch Sozial- und Arbeitsämter möglichst nicht unnötig aufsuchen. Der schnelle Ruf nach dem Vater Staat – ja, das kann auch anstecken und sollte jetzt wirklich nicht zur Regel werden. Im Gegenteil, es ist eine historische Chance zu sehen, wie mit Ihnen auch eine solche Herausforderung zu schaffen ist. Wir können davon ausgehen, dass Sie die notwendigen Maßnahmen einsehen. Jetzt starten wir erst mal mit dem Impfstoff durch.

Als letztes, bitte erwarten Sie von mir keine Wunder. Ich bleibe hier bei Helmut Kohl, der schon wusste: »Entscheidend ist, was hinten rauskommt.« Oder, um mich auch mal selbst zu zitieren: »Wir schaffen auch das.« Ermuntern Sie Ihre Liebsten, besonders die Großeltern. Ich danke Ihnen allen und wünsche Ihnen kostenfreie Masken und ein spendierfreudiges Jahr!

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