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Aus: Ausgabe vom 02.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Ökologisches Desaster

Nickelhütte stillgelegt

Russland: Putin kritisiert umweltschädliche Produktion bei Rohstoffkonzern Nornickel. Behörde reicht milliardenschwere Klage ein
Von Reinhard Lauterbach
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Unter den wachsamen Augen Lenins – Schlote, die künftig keinen Dampf mehr ablassen (Nikel, 4.10.2018)

Eine der größten Luftverschmutzungsquellen im europäischen Norden Russlands ist Ende Dezember stillgelegt worden. Die Rede ist von der Nickelhütte in der gleichnamigen Stadt Nikel im Bezirk Murmansk, unweit der Grenze zu Norwegen. Wladimir Potanin, der Chef des Eigentümers – des Rohstoffkonzerns Nornickel –, hatte sich persönlich in die 11.000-Einwohner-Ortschaft auf der Kola-Halbinsel bemüht, um beim Abguss der letzten Ladung geschmolzenen Nickelerzes dabei zu sein. Er sprach von einem historischen Moment in der Geschichte des Unternehmens, das auf dem Weg in eine umweltfreundlichere Zukunft sei.

Allerdings ist fraglich, ob gerade der Betrieb in Nikel diesen Weg beschreiten wird. In einer Pressmitteilung, die Nornickel im Dezember 2019 verschickt hatte, klang die Begründung für die Schließung des Werks noch nüchterner: Die dort angewandte Technologie sei veraltet und nicht modernisierbar. Das Hüttenwerk, das ursprünglich Ende der 1930er Jahre ein britischer Konzern im damaligen hohen Norden Finnlands gebaut hatte, war nach Kriegszerstörungen 1946 wieder in Betrieb gegangen und hatte seitdem ununterbrochen produziert. Umweltschutz war damals kein Kriterium, auch dann nicht, als es bestimmte technische Lösungen schon gab, um das bei der Verhüttung von Kupfer- und Nickelerz massenhaft anfallende Schwefeldioxid zu vermeiden.

So erhielt die Hütte in Nikel schon 1977 eine Anlage zur Umwandlung des Abgases in Schwefelsäure. Diese wurde allerdings nach Angaben eines Nornickel-Managers 2017 gegenüber dem norwegischen Portal Independent Barents Observer kaum genutzt, weil das Verfahren »unwirtschaftlich« sei. Jetzt aber will sich Nornickel das Image eines umweltpolitisch auf der Höhe der Zeit stehenden Unternehmens verpassen. Also wurde 2019 die Schwefelsäureproduktion wieder aufgenommen, »weil wir hier nicht nur arbeiten, sondern auch leben«, wie ein regionaler Manager erläuterte. Der einige hundert Kilometer von Nikel entfernte Unternehmensstandort Montschegorsk ist von Nornickel in den letzten Jahren zur größten Kupfer- und Nickelhütte der Welt ausgebaut worden. Inzwischen werden sogar aus dem Tausende Kilometer entfernten Hauptsitz des Konzerns im sibirischen Norilsk die Erze per Schiff und Bahn dorthin transportiert. Ähnliches soll jetzt auch mit dem Erz aus Nikel geschehen.

Das ist auf den ersten Blick widersprüchlich, denn die lokalen Erzvorkommen in Montschegorsk sind bereits erschöpft. Allerdings liegt die Stadt mit ihrer Hütte verkehrsgünstig zum eisfreien Hafen von Murmansk, über den Nornickel jedes Jahr seine Metalle in alle Welt exportiert. Dadurch ist der Konzern nach Angaben der Wirtschaftsagentur Bloomberg unter den börsennotierten russischen Unternehmen das bei weitem profitabelste geworden.

Ein Problem hat Nornickel aber: Es ist in den letzten Monaten vor allem durch Umweltstörfälle aufgefallen. International am bekanntesten wurde der Austritt von 21.000 Kubikmeter Diesel aus einem Leck im Lagertank im sibirischen Norilsk im Mai 2020. Die Verschmutzung, die offenbar zunächst tagelang von niemandem bemerkt und dann verschwiegen worden war, wurde den Auswirkungen des Klimawandels zugeschrieben: Der Permafrostboden unter dem Tank sei aufgetaut, dadurch seien die ins Eis getriebenen Stützpfeiler eingeknickt.

Neu war allerdings nach diesem Vorfall die politische Antwort: Präsident Wladimir Putin soll Konzernchef Potanin zuerst mündlich »zusammengefaltet« haben, berichtete im Juli 2020 Bloomberg, und dann ließ er zu, dass die staatliche Umweltbehörde eine Schadenersatzklage über mehr als zwei Milliarden US-Dollar (1,6 Milliarden Euro) gegen Nornickel einreichte, über die derzeit verhandelt wird. Noch im Dezember bekräftigte Putin, die Sanierung sei die Sache des Verursachers. Nornickel taktiert: Einerseits rühmt der Konzern sich, 250 Millionen Euro in die Sanierung der Folgen des Ölunfalls investiert zu haben; andererseits lud er in den Wochen nach dem Unglück eine Expedition der russischen Akademie der Wissenschaften zu einem einmonatigen Forschungsaufenthalt in den geschädigten Gebieten ein. Das Ergebnis dieser gesponsorten Expedition war wie zu erwarten: Alles sei halb so schlimm, lauteten die Mitte Dezember vorgelegten Ergebnisse. Die Artenvielfalt der Tundra sei ohnehin gering, die Pflanzenwelt vor Ort könne von sich aus Öl zersetzen, und die größten Schäden seien nicht an der Oberfläche gemessen worden, sondern in 30 bis 40 Zentimeter Tiefe. Also: Altlasten. Bloomberg schrieb, selbst wenn die Strafe in voller Höhe verhängt würde, wäre das nur halb soviel, wie der Konzern seinen Aktionären jährlich an Dividende ausschütte.

Nornickels Interesse an einem positiven Umweltimage ist dabei nicht nur idealistisch. Einen Großteil seiner Metalle verkauft das Unternehmen an die Produzenten von Elektroautos. Und die behaupten ja, ihre Fahrzeuge seien umweltfreundlich, und wollen sich nicht die miesen Produktionsbedingungen für die Batterierohstoffe anrechnen lassen. So hat Nornickel für das nächste Jahrzehnt Umweltinvestitionen von umgerechnet 5,5 Milliarden US-Dollar angekündigt.

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