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Aus: Ausgabe vom 04.01.2021, Seite 8 / Inland
Peruanische Diaspora in der BRD

»Wir schrien und protestierten mit einer Stimme«

Peruanische Diaspora in BRD ist solidarisch mit Demonstrationen nach Wechsel von Interimspräsidenten. Ein Gespräch mit Charo Mendívil
Interview: Amanda Trelles Aquino
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Auch in den Niederlanden protestieren Peruanerinnen und Peruaner gegen die Präsidentschaft Merinos (Amsterdam, 15.11.2020)

Peru erlebte landesweite Proteste, nachdem Interimspräsident Martín Vizcarra des Amtes enthoben und der noch weiter rechts stehende Manuel Merino zum Nachfolger erklärt wurde. Wie wirkten sich die Proteste auf Peruanerinnen und Peruaner in Deutschland aus?

Sie bringen uns in der Diaspora zusammen. In diesem Fall ging es nicht nur um den Rücktritt von Merino und die Änderung der Verfassung, sondern auch um den Protest gegen die Ermordung zweier junger Männer: Inti Sotelo Camargo, 24 Jahre alt, und Bryan Pintado Sánchez, 22 Jahre alt, waren von Einsatzkräften durch Schrotkugeltreffer ins Gesicht, in den Nacken, in den Rücken und im Fall von Inti durch einen Schuss ins Herz getötet worden. Wir schrien und protestierten mit einer Stimme.

Wie setzt sich die peruanische Dias­pora hierzulande zusammen?

Wir haben drei bis vier Generationen von Peruanerinnen und Peruanern. Einige sind hier geboren, andere haben das Land aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen verlassen. Der Anteil der Diaspora, die zum Studieren hierher gekommen ist, ist minimal. Es gibt auch einen sehr hohen Anteil, die hier ohne Papiere leben. Wir haben Menschen im Alter von bis zu 70 Jahren in der Diaspora in Deutschland. Es gibt Intellektuelle, Professionelle aus verschiedenen Bereichen wie Pädagogik, Wissenschaft, Medizin, Bildende Künste etc. sowie eine Reihe ungelernter Arbeiter.

Seit wann wird auch in der BRD mobilisiert?

Lange vor Merinos Putsch zeigten die Menschen bereits ihre Unzufriedenheit. Peru ist ein Land mit wenigen wirtschaftlichen Ressourcen. Es gibt kein Recht auf kostenlose Bildung und eine Reihe anderer Mängel. Seit der SARS- CoV-2-­Pandemie ist das Land extrem angeschlagen. Das peruanische System ist ein ausbeuterisches, das der Oligarchie dient.

Als Merino am 11. November als Präsident des Kongresses die Präsidentschaft des Landes übernahm, wurden die Proteste intensiver. Studierende und junge Menschen im ganzen Land gingen auf die Straße. Ein Marsch durch das Zentrum von Lima formierte sich am 14. November. Auch aus Deutschland haben wir über soziale Netzwerke unsere Solidarität gezeigt. Von diesem Moment an waren die Motoren sozusagen schon stark angelaufen. Als Merino am 15. November zurücktrat, übernahm Francisco Sagasti die Präsidentschaft von Peru, ein neoliberaler Sozialdemokrat. Eine Geste der Versöhnung gegenüber einem aufgebrachten Volk. Die Proteste gingen, wenn auch mit weniger Intensität, weiter.

Was waren die zentralen Forderungen?

Die aus der Diaspora waren eindeutig: Sie ist gegen den Putsch, ohne für Vizcarra zu sein. Gegen die Installation eines Präsidenten, der von 105 Abgeordneten vertreten wird, von denen 68 wegen Enteignung, Betrugs, Beschlagnahme von Staatsgeldern usw. bereits angezeigt wurden. Die aktuelle peruanische Verfassung erlaubt diesen jedoch Immunität. Eine Verfassung, die 1993 von der Regierung des Mörders Alberto Fujimori überarbeitet worden war. Deshalb ist die zentrale Forderung, die Verfassung zu ändern.

In Peru herrschte von 1980 bis 2000 Krieg. Viele leben bis heute im politischen Exil in Deutschland. Sehen Sie eine Verbindung zwischen dieser Generation linker Aktivisten und den aktuellen Protesten in dem Land?

Das ist ein heikles Thema. Im Exil gibt es unterschiedliche Positionen, einige neigen zum Marxismus, andere expliziter zum Maoismus. Wieder andere unterstützen den MRTA (Movimiento Revolucionario Túpac Amaru, eine bis in die 1990er Jahre aktive guevaristische Guerrilla in Peru, jW). Einige haben in Deutschland Asyl bekommen, weil sie in der Armee oder bei der Polizei gedient haben. Eine einheitliche Kraft dieser alten linken Aktivistinnen und Aktivsten gibt es in Hamburg nicht. Es gibt lateinamerikanische oder literarische Gruppen mit politischen Absichten, an denen Peruanerinnen und Peruaner teilnehmen, aber sie sind nicht sehr wichtig. Ich denke, das ist der Moment, dies zu ändern und eine politische Verpflichtung einzugehen.

Charo Mendívil floh als politisch Verfolgte mit ihrer Familie 1993 nach Deutschland. Heute organisiert die eingebürgerte Erzieherin und Sängerin Solidaritätskundgebungen und politische Interventionen.

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