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Aus: Ausgabe vom 31.12.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Neue Hoheitsrechte

Verteilungskampf beim Fischfang

»Brexit«-Vertrag senkt Fangquoten. Niederländer verärgert
Von Gerrit Hoekman
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Betroffene mit »Brexit«-Deal wenig zufrieden: Fischhändler im schottischen Glasgow

Bis zum Schluss war die Fischerei größter Stolperstein bei den »Brexit«-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Nun haben sich die beide Seiten bei den Fangquoten auf einen Kompromiss geeinigt. Doch die Begeisterung hält sich bei allen Beteiligten in Grenzen. Die Fischer der EU müssen in Zukunft auf ein Viertel ihres Fangs vor der britischen Küste verzichten. Die Verringerung betrifft nicht alle Fischarten gleichermaßen. Für Seezunge und Wittling liegt sie deutlich über 25 Prozent, für Kabeljau ist es genau ein Viertel, aber bei Scholle nur fünf Prozent. Die Reduzierung soll schrittweise innerhalb der nächsten fünfeinhalb Jahre erfolgen. Insgesamt habe die EU für anderthalb Milliarden Euro Fangrechte an Großbritannien übertragen, rechnet Visned, der Berufsverband der niederländischen Fischer. »Unser Sektor ist das Wechselgeld dieses »Brexit«-Vertrags geworden«, klagte Verbandsdirektor Pim Visser am Sonntag in der Onlineausgabe des Financieele Dagblad (FD).

Für die Wirtschaft der Niederlande hat die Fischerei nur geringe Bedeutung. Aber für die niederländische Identität ist sie enorm wichtig. Wer daran zweifelt, sollte ins Seebad Scheveningen reisen, wo im Juni traditionell die ersten »Hollandse Nieuwe« der Saison versteigert werden, auf Deutsch Matjes. Regelmäßig wohnen Tausende Menschen dem Spektakel bei. Inklusive verarbeitender Industrie, Großhandel und Fischbuden leben rund 3.000 Unternehmen vom Fischfang. Im Januar 2020 fuhren 291 Kutter unter niederländischer Flagge. Ungefähr die gleiche Anzahl fischt mit niederländischen Besitzern unter belgischer und britischer Hoheit. Der Brexit wird einiges ändern: »Es wird ein Stück lästiger, unter britischer Flagge zu fahren, weil es mehr Papierkram gibt«, so Visser am Montag im Friesch Dagblad.

Das Angebot wird knapper. Betroffen davon sind auch die elf Fischbörsen im Lande. Die größte beherbergt das Städtchen Urk am IJsselmeer. Nicht zufällig hat auch Visned hier seinen Sitz. Früher war Urk eine Insel in der Zuiderzee, einer Nordseebucht. Mit der Fertigstellung des 32 Kilometer langen Abschlussdeichs zwischen Friesland und Den Helder 1932 und der Trockenlegung des Noordoostpolders 1942 wurde aus der Insel Festland ohne Zugang zum offenen Meer. Und aus der salzigen Zuiderzee entstand das IJsselmeer mit Süßwasser.

Sorgen macht den Fischern auch, dass nach fünfeinhalb Jahren neu über die Fangquoten verhandelt werden muss. Visser geht davon aus, dass die EU dann weitere Zugeständnisse macht: »Man muss sich nur die Reaktionen der britischen Fischer angucken. Die schreien Zeter und Mordio, wollen mehr«, zitiert ihn das FD. Er versteht nicht, wie Fisch ein nationales Gut sein kann. »Die Seezunge laicht in Dänemark, wächst in den Niederlanden heran und schwimmt danach auf die andere Seite. Das bedeutet nicht, dass die Seezunge den Briten gehört.«

Das ist nicht die einzige Verrücktheit: »Was die britischen Fischer fangen, essen sie nicht, und was sie essen, fangen sie nicht«, stellte Geert Meun, Funktionär bei Visned, am 12. Dezember gegenüber der öffentlich-rechtlichen Niederländischen Rundfunkstiftung (NOS) fest. Die Briten gehen vor allem auf Krabben, Plattfisch und Makrele. Fast der gesamte Fang wird ins Ausland verkauft. Kabeljau, die Grundlage für das Nationalgericht Fish and Chips, müssen sie fast vollständig aus den Niederlanden importieren. Aus Angst vor dem Brexit begannen britische Händler schon Mitte Dezember, Kabeljau zu hamstern. »Einige Kunden bestellen bis zu 25 Prozent mehr als normal«, sagte Gijs van der Lee, Fischhändler aus Urk am 12. Dezember online bei NOS. Einige Exporteure verzeichneten sogar 50 Prozent mehr Aufträge.

Der Verteilungskampf bei den EU-Fischern hat begonnen. Damit sie ihre Verluste durch den Brexit ausgleichen können, fordern die französischen Kollegen schon länger, allen niederländischen Kuttern den Zugang zu den heimischen Gewässern zu verbieten. »Wir gehen darum davon aus, dass die Spannungen noch zunehmen werden«, fürchtet Visned in einem Newsletter vom 23. Dezember.

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Debatte

  • Beitrag von Martin M. aus D. (30. Dezember 2020 um 21:37 Uhr)
    Die armen niederländischen Fischer ... die armen britischen Fischer und die armen französischen und spanischen und etc. FischerInnen. Was ich im Artikel vermisse, ist eine international übergreifende Perspektive für die Fischwirtschaft, da diese nicht nur in Europa, sondern weltweit vor einer starken »Überfischung« betroffen ist. Statt dessen wird aus einer rein nationalen Perspektive berichtet.

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