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Aus: Ausgabe vom 30.12.2020, Seite 8 / Ansichten

Deutsche Klinikpolitik

Gewinner und Verlierer
Von Daniel Behruzi
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Das Klinikum Oberlausitzer Bergland in Zittau, das durch die Ankündigung von Triage für Coronapatienten bekannt wurde (21.12.2020)

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) schlägt Alarm. Greife die Bundesregierung den Kliniken nicht finanziell unter die Arme, könnten sie »flächendeckend bereits im ersten Quartal 2021 nicht mehr die Gehälter ihrer Mitarbeiter zahlen«, warnte DKG-Präsident Gerald Gaß am Dienstag. Schon 2019 habe fast jede zweite Klinik rote Zahlen geschrieben, für 2020 erwarte nicht einmal jede dritte ein positives Jahresergebnis. Die Botschaft der Klinikbetreiber wirft ein Schlaglicht auf die Fehlentwicklungen. Das Krankenhauswesen braucht grundsätzliche Veränderungen – nicht nur mehr Geld, wie es die DKG fordert.

Die betriebswirtschaftliche Steuerungslogik von Krankenhäusern steht in Widerspruch zu ihrem eigentlich Zweck, eine gute Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Das wurde nie so deutlich wie jetzt. Am Dienstag meldete die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) einen neuen Höchststand von 5.649 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Mehr als jeder zweite von ihnen muss beatmet werden. In vielen Regionen sind die Intensivkapazitäten so knapp, dass Patienten über weite Strecken transportiert werden oder gar die sogenannte Triage stattfindet, also ein Aussortieren von Patienten, die nicht sofort angemessen versorgt werden.

Dennoch setzen einige Krankenhäuser alles daran, den normalen OP-Betrieb so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, was die Kapazitäten in der intensivmedizinischen Nachsorge zusätzlich beengt. »Die meisten Kliniken haben die OP-Auslastung des Vorjahres noch immer nicht erreicht«, klagte die DKG am Dienstag in ihrer Pressemitteilung. Sie legt damit das Dilemma der Krankenhausbetreiber offen: Sie müssen bei Strafe des Untergangs operieren was das Zeug hält. Denn das Vergütungssystem über Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups, DRG) honoriert nur erbrachte Leistungen, nicht das Vorhalten (zeitweise ungenutzter) Kapazitäten. Wenn Klinikmanager planbare Operationen auch jetzt noch nicht absagen, handeln sie betriebswirtschaftlich rational. Der Wahnsinn hat also Methode.

Übrigens sind längst nicht alle Krankenhäuser in wirtschaftlichen Schwierigkeiten: 46 Prozent haben 2019 einen Überschuss erwirtschaftet. Ein Teil hat insbesondere in der ersten Pandemiewelle im Frühjahr stark von staatlichen Zuschüssen profitiert und die Erlöse gesteigert. Laut einer von der TU Berlin und dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) im August vorgelegten Analyse waren freigemeinnützige und kommerzielle Krankenhäuser zumeist die Gewinner, während staatliche Universitätskliniken – die die Hauptlast der Covid-19-Versorgung tragen – große Verluste verbuchten.

All das spricht für eine grundsätzliche Abkehr vom Marktsystem. Krankenhäuser sollten weder Gewinne noch Verluste machen, sondern die notwendigen Ausgaben vollständig erstattet bekommen. Die DKG, die auch profitorientierte Betreiber vertritt, mag diese Konsequenz nicht ziehen. Der Rest der Gesellschaft sollte es tun.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Volker Ritter, MTAR: Geld oder Leben Nach Presseberichten vom 29. Dezember 2020 warnt die Deutsche Krankenhausgesellschaft vor Engpässen bei Gehälterzahlungen und fordert staatliche Zuschüsse. Da lohnt sich mal wieder der Blick auf ein z...

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