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Amerikanisierung

Von Helmut Höge
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Frisch gespritzt ins Zoom-Meeting: Botoxbehandlung im Drive-through ist in den USA der letzte Schrei (Miami, 31.5.2020)

Der Autor und Kunstkritiker Karl Scheffler fand 1910, dass Berlin eine »Vorkämpferin« bei der Amerikanisierung Europas geworden sei. Berlin scheine mitten in Amerika zu liegen, schrieb 1927 der Feuilletonist Heinrich Eduard Jacob. Der Soziologe Rolf Lindner zitiert überdies in seinem Buch »Berlin. Absolute Stadt« (2016) den Historiker Lothar Müller, der den hiesigen Amerikanismus mit »Berlinismus« in Zusammenhang stellte. Lindner erwähnt dazu die einst neuen deutschen Wörter: »efficiency«, »service«, »advertising and selling«.

Mit der Computerisierung und dem Internet sind erneut viele US-amerikanische Wörter über uns gekommen, zu Zeiten der Coronapandemie mit Homeoffice und Zoom-Videokonferenzen ein weiteres: »Zoom-Face«. Vor Corona kannte hier niemand das Wort, aber mittlerweile ist es ein stehender Begriff. In zahllosen Blogs klagen Nutzerinnen einander ihr Leid, wie alt sie in Videoanrufen aussähen. Sie bewerten die neusten Touch-Up-Apps und Weichzeichner, tauschen Make-up-Tips für Videokonferenzen aus. »Doch irgendwann helfen auch die besten Lichtfilter nicht mehr«, findet Janet Fisher, 60jährige Unternehmensberaterin aus Boston, in einem Artikel in der Welt: »Mein Anblick auf dem Bildschirm hat mich richtig entsetzt. Vorher war mir gar nicht aufgefallen, wie alles hängt.«

Und das, so heißt es in der Welt, habe zu einem zweifelhaften Boom geführt: »In den USA ist die Nachfrage nach Schönheits-OPs und Liftings in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Denn viele Frauen und Männer finden sich bei Videokonferenzen zu alt und faltig.« Konkrete Statistiken für 2020 lägen noch nicht vor, nach internen Umfragen des US-Verbandes plastischer Chirurgen, der American Society of Plastic Surgeons, gebe es jedoch eine steigende Nachfrage nach Botox, Fillers und Liftings. Masha Banar, die seit elf Jahren die Beauty-Praxis »Visage Sculpture« in Boston leitet, berichtet: »So einen Run auf Botox hat es überhaupt noch nie gegeben. Wir sind schon wieder weit bis in Frühling komplett ausgebucht.« Wa­rum? »Täglich wollen mehr Kundinnen kommen und sich beraten lassen. Sie gefallen sich nicht auf Zoom und wollen unbedingt jünger aussehen. Das Licht von Web-Kameras kann wirklich gnadenlos sein.«

Fisher, die Unternehmensberaterin aus Boston, sieht zudem die Maskenpflicht als idealen Anlass für einen OP-Termin. »Jetzt oder nie! Ich spiele schon seit Jahren mit dem Gedanken, mich liften zu lassen – mit dem ständigen Tragen der Coronamasken habe ich mich letztendlich dazu entschlossen.« Sie will sich Gesicht und Hals liften lassen. »Natürlich bin ich nervös, aber mit der Gesichtsmaske sind die Schwellungen nicht gleich für jeden offensichtlich.« Seit Ausbruch der Pandemie gehe sie ohnehin weniger unter Menschen.

In Deutschland gab es nach der Wende ein ähnlich oberflächliches Arbeitsproblem, das jedoch zunächst nicht chirurgisch, sondern pädagogisch angegangen wurde. Die Analysen des boomenden Fortbildungs- und Umschulungssektors, die der Filmemacher Harun Farocki damals gemacht hat, zeigen: In den vor allem im Osten entstandenen Bildungszentren wurde den Arbeitslosen u. a. beigebracht, wie man sich richtig bewirbt, d. h. besser verkauft. Es waren videogestützte Auftrittsschulungen, in denen das wirkliche (westliche) Leben geübt werden sollte – für eine neue Gesellschaft, die laut Farocki »vollständig auf ihr Abbild hin organisiert ist«.

Weil man nun die Distanzen zwischen den einzelnen in Coronazeiten fast ausschließlich mittels audiovisueller Übertragungstechnik überwinden soll, wie einem von oben (vom Staat) nun »nahegelegt« wird, ist dieser Vorgang, der mit dem Smartphone noch spielerisch von unten (als private Entscheidung) begonnen hatte, nun quasi aus den Händen der Konsumenten in die Verordnungsgewalt der Regierenden übergegangen. Was das für die hiesigen »Zoom-Faces« bedeutet, ist mir noch nicht ganz klar. In meiner Umgebung sitzen vor allem jüngere Leute in »Tele-Meetings«, und denen reichen noch die immer neuen Techniken – der Beleuchtung, der Hintergrundwahl, der Gesichtsglättung etc. Allerdings, so meinen sie, bräuchte es noch mehr telegene Übung, um z. B. nicht so oft nach unten zu blicken, so als würde man von einem Text ablesen. Auch der eigene Ton ist für viele noch ungewohnt, zu schweigen davon, dass man nicht mehr durcheinanderreden darf.

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