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Aus: Ausgabe vom 28.12.2020, Seite 12 / Thema
Glanz und Elend des Warenhauses

»Etwas Fremdes, Feindliches«

Für Antisemiten eine bedrohliche, »dem jüdischen Wesen gemäße« Erscheinung, von den Nazis schließlich enteignet. Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland (Teil II und Schluss)
Von Daniel Bratanovic
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Das von den Nazis als »Würgepalast« diffamierte Karstadt am Berliner Hermannplatz, mit dem sie nach der »Arisierung« gut leben konnten, sah dann im Juni 1945 so aus

Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft ­beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen, noch ehe sie zerfallen sind. (Walter Benjamin)

Die grundstürzenden Neuerungen, die das Warenhaus repräsentierte, handelten seinen Betreibern bald eine entschiedene Gegnerschaft ein und sorgten dafür, dass sich auch der Staat der Sache annahm, um seine weitere Ausbreitung einzudämmen. Der Erfolg der Warenhäuser, deren Umsätze rasant wuchsen, brachte die übrigen kleinen Einzelhandelsgeschäfte gegen die entlaufene Konkurrenz auf. Unter dem Eintrag »Mittelstandsbewegung« nennt »Meyers Großes Konversations-Lexikon« von 1908 einen zehn Jahre zuvor in Berlin gegründeten »Bund der Handel- und Gewerbtreibenden«, der »unter andern Umgestaltung der Gewerbesteuer im progressiven Sinne, Bekämpfung der Großbasare und Filialgeschäfte, der Konsum- und Rabattsparvereine, der Offizier- und Beamtenwarenhäuser, hauptsächlich durch hohe Sondersteuern« fordere. Anschließend heißt es lapidar: »Auch in dieser Beziehung hat die Gesetzgebung den Wünschen der Beteiligten schon vielfach Rechnung getragen.«

Diese Thron und Altar verpflichtete Mittelstandsbewegung nahm also erfolgreich so starken Einfluss auf die preußische Gesetzgebung, dass 1900 eigens eine Sonderbesteuerung der Warenhäuser verabschiedet wurde, die ab einer Umsatzgröße von 400.000 Mark griff. Dabei setzten sich die Autoren des Gesetzes der Schwierigkeit aus zu bestimmen, was ein Warenhaus überhaupt sei. Der Rechtsakt definierte es dann als einen Ort, an dem Waren aus mehr als einer von vier Warengruppen verkauft werden. Diese Warengruppen waren derweil völlig willkürlich zusammengestellt. So gehörten zur Gruppe D zum Beispiel »Crocketspielgeräte, »Cruzifixe« und »Deckengurte für Pferde«. Solche Zuordnungsprobleme schuf man sich in Bayern erst gar nicht. In der Neufassung des bayerischen Gewerbesteuergesetzes von 1899 ist allgemein die Rede von »Waren, die ihrer Beschaffenheit nach verschiedenen Gattungen angehören«, bzw. von Erzeugnissen »verschiedener Industriezweige oder Handwerksgeschäfte«. Klarer als im preußischen Gesetz wird allerdings ausgesprochen, warum die Warenhäuser zu einer Sondersteuer herangezogen wurden. »Das bayerische Gesetz postuliert (…) ein überliefertes ›Herkommen‹ der Gewerbe, die in einer bestimmten Art und Weise ›ausgeübt zu werden pflegen‹, wobei eine gewisse ›Ausdehnung‹ nicht überschritten werden darf.«¹ Damit markierten die bayerischen Gesetzgeber eine Differenz zwischen einer traditionellen und als »normal« erachteten Gewerbeform und einem »anormalen«, parasitären Geschäftsverfahren, das die ökonomische und soziale Ordnung stört und zersetzt.

Die Sondersteuern erzielten nicht den beabsichtigten Effekt einer Schwächung, sondern sorgten vielmehr dafür, dass den Betreibern der bestehenden Warenhäuser keine weitere Konkurrenz erwuchs – sie konnten nun ihr Sortiment beliebig erweitern, ohne weitere Sanktionen fürchten zu müssen. Der Erlass der Warenhaussteuer zeigte aber an, dass man hier vergeblich einer Entwicklung beizukommen versuchte, die der überkommenen Einrichtung von Staat und Gesellschaft nicht mehr entsprach. Etwas war ins Rutschen geraten, das Althergebrachte verlorengegangen.

Die Sombart-Legende

Diesen Wandel zu Beginn des imperialistischen Zeitalters reflektierte die bürgerliche Gesellschaftslehre des Kaiserreichs als ein schroffes Gegeneinander von Tradition und Moderne. Ferdinand Tönnies konstruierte in seinem gleichnamigen Buch (1887), das lange Zeit das einflussreichste der deutschen Soziologie bleiben sollte, einen Gegensatz von »Gemeinschaft und Gesellschaft«. Diese galt ihm als tot und künstlich, mechanisch, ja maschinenhaft, jene als organisch und lebendig, einträchtig und harmonisch. An einer Stelle schreibt Tönnies: »So ist Großstadt und gesellschaftlicher Zustand überhaupt das Verderben und der Tod des Volkes, welches umsonst sich bemüht, durch seine Menge mächtig zu werden«. Die »irrationalistische Verzerrung«, die sich Tönnies mit der Schaffung seines Mythos von zwei einander entgegenwirkenden Kräften leistete, fasste Georg Lukács so zusammen: »Gemeinschaft« werde bei ihm »zur Gebietskategorie alles Vorkapitalistischen, zur Verherrlichung primitiver ›organischer‹ Zustände«. »Gesellschaft« wiederum »ist Kapitalismus – mit den Augen des romantischen Antikapitalismus«, ohne dass bei Tönnies, denn der war liberal, »eine Sehnsucht nach Rückkehr zu überwundenen gesellschaftlichen Zuständen, besonders nicht zum Feudalismus laut wird«. So wie er aber »die problematischen negativen Züge der kapitalistischen Kultur scharf hervorhebt«, so sehr unterstreicht er »zugleich jedoch die Unvermeidlichkeit, die Schicksalhaftigkeit des Kapitalismus«.

In ganz ähnlichen Bahnen dachte ein anderer Vertreter des Fachs, der mit seinen Schriften viel unmittelbarer zum Stichwortgeber der Antiwarenhausagitation werden sollte. Noch ausgeprägter als bei Tönnies kommt bei Werner Sombart jener romantische Antikapitalismus zum Ausdruck, der in seinem Falle allerdings deutliche antisemitische Züge trägt. Die Entstehung des Kapitalismus, diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen, hat ihren gleichnishaften Ursprung in »einer Vertreibung aus dem feudal-handwerklichen ›Paradies‹ des Mittelalters« (…), die Menschen gehen für ihn einen ›faustischen‹ Pakt ein, der sie aus alten Bindungen herausdrängt«.² Und so kann Sombart denn auch stipulieren: »Der vorkapitalistische Mensch: Das ist der natürliche Mensch« (»Der Bourgeois«, 1913). Eine herausragende Rolle bei der »Zerstörung alter Naturgebilde, alter Gebundenheiten, alter Schranken«, bei der Vertreibung »aus den stillen, organisch gewachsenen Liebes- und Gemeinschaftsbeziehungen« (»Der moderne Kapitalismus«, 1916) spielen nach seiner subjektivierten Darstellung objektiver Prozesse der gesellschaftlichen Veränderung insbesondere Juden, die er mit bestimmten stereotypen Charaktermerkmalen versieht: Intellektualität, Zweckgerichtetheit, Mobilität, Anpassungsfähigkeit, Unruhe und auch Geldgier, Schacherei, unsaubere Geschäftspraktiken, Verkauf von Waren minderer Qualität.³

Das Warenhaus nimmt in dieser antisemitisch grundierten Verlusterzählung einen zentralen Platz ein. Dem »alten« Einzelhandel, von Sombart zum »familienhaften«, »persönlichen« und »beseelten« Betrieb verklärt, steht das »neue« Warenhaus – »entpersönlicht« und mit Verkäufern, »die ihren Waren ohne Liebe gegenüberstehen« (»Das Warenhaus – ein Gebilde des hochkapitalistischen Zeitalters«, 1928) – gegenüber, das in seiner Abweichung von der »Normalbetriebsweise« als angeblich jüdische Erfindung gedeutet wird. In seiner 1911 veröffentlichten Schrift »Die Juden und das Wirtschaftsleben« entdeckt Sombart bei »den Juden« eine »Neigung« zur Vermischung unterschiedlicher Branchen, die sich schon dadurch zeige, »dass sich in ihren Läden allerhand verfallene Pfänder verschiedenartigster Natur (…) zum Verkauf aufhäuften, die ohne jeden inneren Zusammenhang rein durch den Zufall hier zusammengeführt waren«. Und er schließt: »Diese Trödelläden – das Urbild des modernen Warenhauses – spotteten jeder zunftmäßigen Gliederung und bedeuteten durch ihr bloßes Dasein eine beständige Auflehnung gegen die bestehende Ordnung von Handel und Gewerbe.« Die »Eigenart des Warenhausbesitzers«, indifferent »gegenüber dem Sachinhalt seiner Tätigkeit« zu sein, sei »eine jüdischem Wesen gemäße Erscheinung«.

Sombarts Legende vom Verstoß gegen das kaufmännische Ethos eingedenk der Unterstellung, Juden verkauften minderwertige Ware und täuschten den Kunden systematisch, ließ »ein komplexes wirtschaftliches Gebilde wie das moderne Warenhaus auf eine schlichte charakterologische Dimension zusammenschnurren«.⁴ Eine solche Komplexitätsreduktion, bei der angeblich unhintergehbare biologische bzw. ethnische Dispositionen behauptet wurden, sollte einem objektiven ökonomischen Prozess einen subjektiv Verantwortlichen zuweisen und bildete demgemäß das Muster der antisemitischen Diffamierung des Warenhauses.

Antisemitische Tiraden

Auf welche Weise Antisemitismus und Mittelstandsideologie zusammengingen und zur weltanschaulichen Ausstattung organisierter Interessenpolitik wurden, zeigte der Reichsdeutsche Mittelstandsverband. Auf seiner Gründungsversammlung 1911 definierte er zwei maßgebliche Feinde des Mittelstands: die »goldene Internationale«, also das angeblich jüdisch beherrschte internationale Finanzkapital, mit dem das »Weltjudentum« die Weltherrschaft anstrebe, und die »rote Internationale« der Arbeiterbewegung. Schon die Namenswahl machte deutlich, dass hier nicht bloß eine gesellschaftliche »Mittelklasse« angesprochen werden sollte. Der nicht zuletzt gegen das Warenhaus gerichtete Kampfbegriff »Mittelstand« entsprang vielmehr einer romantischen, vormodernen Vorstellung von einer festgefügten ständisch verfassten Gesellschaft, in der jeder seinen Platz kennt und als gleichsam naturgegeben hinnimmt. »Mittelstand« bildete danach »geradezu den Rumpf einer wohlgeordneten Staatsgesellschaft«. In einer solchen Ordnung war kein Platz für das bekämpfte Warenhaus als Betriebsform, dem von dieser Seite vorgeworfen wurde, wegen seiner »gleichmacherischen Verkaufsmethoden« die »weite Verbreitung des Socialismus« zu befördern. Mit dem Ziel, Handwerker und kleine Gewerbetreibende aus dem eher liberalen Hansabund zu lösen und in die eigenen Organisation zu führen, hatte der streng antisozialdemokratische Verband durchaus Erfolg. Auch dank der Unterstützung durch den Bund der Landwirte und den Centralverband deutscher Industrieller, mit denen er 1913 das gegen die Arbeiterbewegung gerichtete »Kartell der schaffenden Stände« schmiedete, gewann der Mittelstandsverband bis kurz vor Kriegsbeginn gut 500.000 Mitglieder und war damit deutlich stärker als der Hansabund.

Bei der Gründung und der politischen wie ideologischen Ausrichtung des Verbandes spielte der lupenreine Antisemit Theodor Fritsch eine maßgebliche Rolle, der folgerichtig auch einer der exponierten Propagandisten gegen das Warenhaus war. Fritsch, dessen »Handbuch der Judenfrage« (erstmals erschienen 1887 unter dem Titel »Antisemiten-Catechismus«) bis 1945 insgesamt 49 immer wieder aktualisierte und erweiterte Neuauflagen erlebte, wähnte mit der weiteren Ausbreitung des Warenhauses die »Volksgesundheit« in Gefahr: »Die sozialen Folgen dieser Entwicklung sind: Eintönigkeit, Entartung und allmähliches Verschwinden des ästhetischen Sinnes und Geschmackes; Herabsetzung der Persönlichkeit und des Individuums (…) Alle diese Folgeerscheinungen sind Vorläufer und Kennzeichen des Verfalls eines Volkes und seiner Kultur.« Wer trägt schuld an dieser Entwicklung? Unmittelbar an diesen Passus anschließend heißt es: »Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die großen Warenhäuser in allen Teilen der Welt fast ausschließlich in den Händen von Hebräern sind und dass es der jüdische Geschäftsgeist ist, der hier seine bedenklichen Triumphe feiert« (»Die Juden im Handel und das Geheimnis ihres Erfolges«, 1913). Das Warenhaus galt ihm als »besondere Form bank-kapitalistischer Volksausbeutung und Mittelstandsvernichtung«: »Zehntausende selbständiger Gewerbetreibender mussten vernichtet werden, damit diese Warenhäuser blühten: mitten im Frieden ein erbarmungsloses Morden – jüdischer Kulturanteil!« (»Handbuch der Judenfrage«, Aufl. v. 1923). Dieses vom Judenhass getriebene Narrativ von etwas Fremdem und Bedrohlichem aus dem Innern der Gesellschaft selbst stand mit der Wirklichkeit erkennbar auf Kriegsfuß, denn erstens wurde damit die tatsächliche ökonomische Macht des Warenhauses angesichts eines damaligen Anteils von lediglich rund fünf Prozent am gesamten Einzelhandelsumsatz grotesk überschätzt, und zweitens darf angenommen werden, dass kleinere Läden in der Umgebung eines Warenhauses durchaus von dessen Nähe profitierten, weil es mehr potentielle Kunden anzog.

Die Nazis, die dem 1933 verstorbenen Fritsch nach der »Machtergreifung« in Zehlendorf 1935 ein Denkmal setzten, knüpften nahtlos an die antisemitischen Tiraden ihres Stichwortgebers an. Im 1920 verabschiedeten 25-Punkte-Programm der NSDAP wird »die Schaffung eines gesunden Mittelstandes«, die »sofortige Kommunalisierung der Großwarenhäuser und ihre Vermietung an kleine Gewerbetreibende« gefordert. Auf einer Parteiversammlung im September 1922 sprach Adolf Hitler von einer »planmäßig« vorbereiteten »Zugrunderichtung des Mittelstandes«: »Das Großwarenhaus hat die kleineren Existenzen vernichtet.« Hans Buchner, NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, Wirtschaftsredakteur beim Völkischen Beobachter und Verfechter der Idee eines Ständestaates, zeichnet in seiner 1930 veröffentlichten Hetzschrift »Warenhauspolitik und Nationalsozialismus« das Musterbild des antisemitischen Stereotyps vom verschlagenen und täuschenden »Warenhausjuden«: »Sie haben in wenigen Jahren verstanden, durch ein sorgsam vertarntes Ramschsystem reich zu werden, den ehrlichen Kaufmann mit Schleuderpreisen zu schlagen, (…) eine Inflation von Stapel- und Kellerwaren ins Werk zu setzen, die der breiten Masse durch schlau garnierte Vorspiegelung falscher Tatsachen oft die letzten Notpfennige aus der Tasche holt.« Und auch Sombarts jüdischer Trödelladen als Archetyp des Warenhauses taucht wieder auf: »Da stehen in den Großstädten die Prunkpaläste des halbwegs seßhaft gewordenen Hausierergeistes, die ebenso wie der Wanderjude in seinem Trödelladen einen bunten, mit Kaufreiz spekulierenden Krimskrams enthalten (…) überall feiert die Verführung zum Kauf überflüssiger, minderwertiger oder wertloser Sachen wahre Orgien.« Das Warenhaus war ihm nichts als ein Krankheitsherd am »Volkskörper«, eine »Krebsgeschwulst«.

»Ein arisches Übergewicht«

Wer den Äußerungen der Nazis Glauben schenkte, wer mithin annahm, diese Leute würden, so wie man ihnen die Macht übertragen hatte, eine Politik zugunsten eines ominösen Mittelstands betreiben, musste erwarten, dass bald nach dem 30. Januar 1933 mit den Warenhäusern Schluss sein würde. Zunächst sah es auch danach aus. Drei Tage nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933, deren Verlauf schon mehr als eine Vorahnung vom Terrorregime im Aufbau gab – veröffentlichte der Völkische Beobachter ein angebliches Dokument, wonach die Firma Hermann Tietz den Wahlkampf der KPD unterstützt habe. Fälschungen und Falschbehauptungen sollten Pogromstimmung stiften und Maßnahmen begründen helfen. Wiederum zwei Tage später, am 10. März, rief Hermann Göring in einer Rede zum Boykott jüdischer Warenhäuser auf und erklärte, er als preußischer Innenminister verwahre sich dagegen, »dass die Polizei eine Schutztruppe jüdischer Warenhäuser ist«. Das war ein kaum verklausulierter Aufruf zum Angriff. Am nächsten Tag belagerten SA-Posten in Hamburg, Breslau und Braunschweig Warenhäuser und sorgten dafür, dass sie geschlossen blieben. Die Übergriffe forderten Verletzte und auch Tote. Die örtliche Polizei schritt nicht ein. Die Hetze und die von einer enthemmten SA verübte Gewalt gegen Juden wurden mit dem von einem Aktionskomitee unter der Leitung des Stürmer-Herausgebers Julius Streicher organisierten »Judenboykott« vom 1. April kanalisiert. In etlichen deutschen Städten standen uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und »Stahlhelm«-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien in der Absicht, etwaige Kunden am Betreten dieser Geschäftsräume zu hindern. Was die Nazis übersahen: Das Datum fiel auf einen Samstag, den Sabbat. Viele gläubige Juden ließen ihre Geschäfte ohnehin geschlossen.
Der Boykott erhöhte allerdings den Druck auf jüdische Geschäftsleute und Vorstandsmitglieder größerer Unternehmen. Von den Maßnahmen ausgenommen war die Karstadt AG, der die neuen Herrschaften das Prüfsiegel »nichtjüdisches Unternehmen« ausgestellt hatten. Man war ihnen sehr entgegengekommen. Zum 1. April 1933 nämlich entließ der Warenhauskonzern sämtliche jüdischen Angestellten fristlos. Sechs jüdische Aufsichtsratsmitglieder traten daraufhin zurück. Karstadt war »judenrein« geworden. In der Filiale am Berliner Hermannplatz sorgten SA-Männer für einen reibungslosen Geschäftsablauf.

Anders erging es den anderen großen (jüdischen) Warenhausbetreibern. Am 3. April, zwei Tage nach dem »Judenboykott«, zwangen die im Aufsichtsrat vertretenen Abgesandten von Deutscher Bank, Dresdner Bank und Commerzbank die Erben der im Rheinland aktiven Leonhard Tietz AG, die in Schieflage geraten war, zur Aufgabe ihrer Vorstandsämter und zum Verkauf ihrer Aktienanteile. Die drei Geldhäuser kassierten die Anteilsscheine mit einem Kurswert von 24 Millionen Reichsmark zum Spottpreis von 800.000 Reichsmark. Am 11. Juli 1933 beschloss die Generalversammlung die Abänderung des Firmennamens in »Westdeutsche Kaufhof AG (vorm. L. Tietz AG)«. 1936 entfiel dieser Zusatz. An den jüdischen Warenhausgründer sollte nichts mehr erinnern.

Auch das Familienunternehmen »Hermann Tietz« mit Schwerpunkt in Berlin war schon vor Machtantritt der Nazis in ökonomische Schwierigkeiten geraten und hatte sich in die Abhängigkeit der Gläubigerbanken begeben müssen. Das Konsortium, unter anderem bestehend aus Dresdner Bank und Deutscher Bank, gründete am 24. Juli 1933 die »Hertie Kaufhaus-Beteiligungs-Gesellschaft m. b. H.« (kurz: Hertie GmbH) und erzwang fünf Tage später mit einem »Auseinandersetzungsvertrag« den sofortigen Rücktritt von Hugo Zwillenberg, dem Schwager von Georg und Martin Tietz, aus Geschäftsleitung und Teilhaberschaft. Die Hertie GmbH, so hieß es unter anderem als Begründung in dem Vertrag, sei der »Hermann Tietz OHG« zum »Zwecke der Herstellung eines arischen Übergewichts« beigetreten. An die Stelle von Zwillenberg trat der »Arier« Georg Karg, bis dahin Leiter des Textileinkaufs bei »Hermann Tietz«, für die Hertie GmbH mit 50.000 Reichsmark Einlage als einer der Geschäftsführer und Gesellschafter des Warenhauskonzerns. Die GmbH besaß ohne nennenswerte Einlage einen mehrheitlichen Stimmanteil. Im August 1934 erzwang die Bankengruppe per Androhung der Kreditkündigungen das Ausscheiden aller Anteilseigner der Familie Tietz. Die jüdischen Gesellschafter mussten ihre Anteile der Hertie GmbH überlassen. Karg konnte seine Karriere an der Spitze eines Warenhauses, die er dem Naziregime zu verdanken hatte, nach 1945 ungebrochen fortsetzen. Aus »Hermann Tietz« war »Hertie« geworden, und Karg war in der Bundesrepublik der uneingeschränkte Herrscher eines ehedem jüdischen Unternehmens unter neuem Namen.

Und auch ein anderer echter Deutscher stieg in jenen Jahren zum Warenhausbetreiber auf. Helmut Horten, der bei der Leonhard Tietz AG zum Textilkaufmann ausgebildet worden war, erwarb 1936 für einen lächerlich geringen Betrag das Kaufhaus Alsberg in Duisburg, dessen jüdische Eigentümer zum Verkauf gezwungen worden waren. Die Finanzierung sicherte die Commerzbank ab, die zur stillen Teilhaberin der nun gegründeten Unternehmung Horten & Co. wurde. Am 9. Mai 1936 erschien im Duisburger General-Anzeiger ein Inserat, in dem zu lesen war: »Das ist Horten. Jawohl – Sie haben ganz richtig gesehen: das Alsberg-Haus hat seinen Hausherrn gewechselt, und ist in arischen Besitz übergegangen.« Wenige Monate später übernahm Horten auch das Wattenscheider Textilkaufhaus des Juden Sally Hess. Horten griff zu, wo sich nach der Enteignung jüdischer Kaufhausbesitzer die Gelegenheit ergab. Auf dieser Grundlage wuchs die spätere Horten AG nach Kriegsende zur viertgrößten Warenhauskette der Bundesrepublik heran – nach Kaufhof, Hertie und Karstadt.

Bei Wertheim waren bis 1937 alle jüdischen Geschäftsleute aus den Führungspositionen herausgedrängt worden. Das Reichswirtschaftsministerium erkannte die Firma als »nicht-jüdisches« Unternehmen an. 1938 wurde der Name getilgt. Aus Wertheim wurde die »Allgemeine Warenhandelsgesellschaft A.G. für Handelsbeteiligungen« (AWAG). Ende 1938 waren alle Eigentumsanteile nahezu vollständig aus »jüdischem« in »arischen« Besitz übertragen worden.

Wie scharf auch immer die Antiwarenhauspropaganda der Nazis vor 1933 geraten war, was auch immer von ideologisch fest überzeugten Teilen der NSDAP noch nach 1933 vorgebracht werden mochte: Der Pragmatismus des faschistischen Regimes, das den Interessen deutscher Gläubigerbanken Rechnung trug, die schon in den ersten Monaten des Jahres 1933 die veränderte politische Lage zu ihren Gunsten ausnutzten, gestattete, dass das Warenhaus in seiner Betriebs- und Organisationsform unbeeinträchtigt weiterexistieren konnte, sofern die jüdischen Besitzer ihrer Beteiligung beraubt wurden. Nicht die Warenhäuser wurden vernichtet, sondern deren ursprüngliche Eigentümer. An einer Zerschlagung bestand abgesehen von den Begehrlichkeiten der Finanzinstitute schon deshalb kein unmittelbarer Bedarf, weil die Warenhäuser als rational organisierte Großunternehmen kriegswirtschaftlich relevant wurden.

Die Vergangenheit beseitigt

Bald nach dem Krieg feierten Kaufhof, Hertie, Karstadt und Horten in der Bundesrepublik wieder satte Umsätze. Bis Mitte der 1970er Jahre eroberten sie sich einen Marktanteil von zehn Prozent des Einzelhandelsvolumens, dann ging es wieder abwärts. Den Häusern und ihren Waren war nicht anzusehen, dass sich hinter der Erfolgsstory im Wirtschaftswunderwestdeutschland die Geschichte von Raub und Mord verbarg. Die Namen der ursprünglichen Eigentümer, die an den einst stolzen Häusern prangten, waren ausgetauscht oder verfremdet. Nichts erinnerte mehr an die Vergangenheit und keiner wollte erinnert werden.

Doch gelegentlich taucht das Alte wieder auf. 2009 stieß Otto Köhler auf die bestechend logische Argumentationskette eines Nachkommens der warenhauskritischen Antisemiten – von Köhler zum besseren Verständnis so wiedergegeben: »Karstadt ist jüdisch, alle Juden unterstützen das Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen. Darum stellt sich unserem deutschen Gewissen die Frage, ob wir weiterhin unseren Harzer Käse bei Karstadt kaufen dürfen«. Doch Köhler wusste die um ihr ethisches Kaufverhalten ernsthaft besorgten Konsumenten zu beruhigen und klärte auf: »Die Tietz-Warenhäuser wurden später von den Nazis arisiert und hießen fortan Hertie. Und Hertie arisierte Wertheim. Karstadt schluckte schließlich alle. Samt Neckermann, dem Versandhaus, das von dem Arisierungsgewinner Josef Neckermann gegründet wurde, dem aus der SA-Reiterstaffel. Und Quelle, an dessen Wiege der Arisierer und NSDAP-Ratsherr Gustav Schickedanz stand. Wer heute bei Karstadt einen Baseballschläger kauft, hat damit – warenhausgeschichtlich gesehen – so viele Juden aus dem Weg geräumt, dass es ihm um sein deutsches Gewissen nicht bange sein muss.« (junge Welt v. 1.7.2009)

Das alles ist nun auch schon fast wieder Vergangenheit. Das Warenhaus geht seinem Ende entgegen. Nicht etwa weil der rasende Furor einer »Mittelstandsbewegung« dieses Mal Erfolg gehabt hätte, sondern ganz einfach, weil die rastlose Bewegung der Kapitalakkumulation, die man schon um die Jahrhundertwende nicht verstand und daher vormoderne Zustände und simple Feindbilder beschwor, neue Formen der Warendistribution geschaffen hat.

Anmerkungen

1 Uwe Lindemann: Das Warenhaus. Schauplatz der Moderne, Köln 2015, S. 15

2 Thomas Lenz: Konsum und Modernisierung: Die Debatte um das Warenhaus als Diskurs um die Moderne, Bielefeld 2011, S. 107

3 Vgl. ebd., S. 109

4 Lindemann: Das Warenhaus, a. a. O., S. 20

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