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Aus: Ausgabe vom 23.12.2020, Seite 12 / Thema
Geschichte Irlands

Gesetz der Teilung

Vor 100 Jahren wurde mit dem »Government of Ireland Act« die Spaltung Irlands festgeschrieben. Über die Vorgeschichte und den Kampf um die Unabhängigkeit der Insel
Von Dieter Reinisch
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Ihre Präsenz schüchterte die Iren nicht ein. Britische Truppen posieren 1920 vor einer Mauer mit Werbung für Sinn Féin, für die die Mehrheit der Iren votierte

Die Nordirland-Frage war lange Zeit eines der größten Hindernisse bei den »Brexit«-Verhandlungen. Denn durch die Insel zieht sich die einzige Landgrenze zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich. Sie ist das Ergebnis der Teilung Irlands. Diese Teilung, vollzogen am 23. Dezember 1920, und die daraus resultierende Gründung des Staates Nordirland waren konterrevolutionäre Akte des British Empire als Reaktion auf die revolutionären Entwicklungen auf der Insel.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs brachen die alten Imperien des 19. Jahrhunderts in sich zusammen. Die beiden Staatsmänner der aufstrebenden, antagonistischen Weltmächte USA und Sowjetrussland, Woodrow Wilson und Wladimir Lenin, forderten beide auf ihre Art das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Auf dem Boden der ehemaligen Imperien der Osmanen, Preußen und Habsburger entstanden neue, unabhängige Nationalstaaten. Mit den Friedensverträgen von Paris sollte dieses nationale Selbstbestimmungsrecht festgeschrieben werden. Nahezu zeitgleich wurde 1920 auf dem Kongress der Völker des Ostens der Kommunistischen Internationale in Baku die Forderung nach Dekolonialisierung vorangetrieben. Es entwickelte sich ein dekoloniales Moment, das schließlich zur Unabhängigkeit der meisten ehemaligen Kolonien bis Ende der 1960er Jahre führte.

Das damals größte und einflussreichste Kolonialimperium war das British Empire. Und seine Herrschaft begann selbst in seiner ältesten Kolonie zu bröckeln – in Irland. Auf der grünen Insel war im Januar 1919 ein Unabhängigkeitskrieg ausgebrochen, der sich im Sommer 1920 noch einmal intensivierte. Es kam zu Pogromen, »ethnischen Säuberungen«, Massakern an der Zivilbevölkerung und anderen Kriegsverbrechen der britischen Armee, der Polizeieinheiten der Royal Irish Constabulary (RIC) und ihrer Hilfstruppen. Dennoch konnten die Aktivitäten der irisch-republikanischen Guerillaarmee Irish Republican Army (IRA) nicht eingedämmt werden.

Bereits im Januar 1919 wurde ein eigenständiges Parlament, Dáil Éireann, in Dublin gegründet, das die Autorität Westminsters nicht anerkannte. Diese neue revolutionäre Regierung begann, parallele Staatsstrukturen zu errichten. Mit der IRA hatte der Staat bereits eine Armee, zugleich wurden Volksgerichte in allen Teilen der Insel abgehalten und eine republikanische Polizei aufgebaut. Die irische Insel war für die Briten unregierbar geworden.

In einem verzweifelten Versuch, die direkte Herrschaft über die Insel zu behalten, beschloss das britische Parlament am 23. Dezember 1920 den »Government of Ireland Act (1920)«. Das Gesetz, das den Namen »Gesetz zur besseren Regierbarkeit Irlands« trug, sollte zwei Staaten auf der Insel etablieren – Nordirland und Südirland. Für jeden der beiden Staaten sollte ein eigenes Parlament, jeweils in Belfast und in Dublin, entstehen und zusätzlich ein aus den beiden Parlamenten zusammengesetzter »irischer Rat« tagen, der für gesamtirische Belange zuständig war. Das Vereinigte Königreich sollte somit aus fünf Teilen bestehen: England, Schottland, Wales, Nordirland und Südirland. Das Gesetz setzte erstmals die Teilung Irlands offiziell fest. Im Süden, der späteren Republik Irland wurde es nie umgesetzt, doch im Norden entstand im Mai 1921 der Staat Nordirland.

Der »Government of Ireland Act« kann daher als Geburtsstunde des heutigen Nordirland angesehen werden. Es entstand als Reaktion der Kolonialmacht auf die revolutionären republikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Mit seiner Existenz hält London bis heute das koloniale Erbe auf der grünen Insel aufrecht. Doch die Teilung Irlands in einen unabhängigen Süden und einen britischen Norden hat eine lange Vorgeschichte.

Die Vorgeschichte

Bereits ab dem 12. Jahrhundert begann England mit der anglonormannischen Landnahme seine Fühler auf die Insel im Westen auszustrecken. Ab dem 17. Jahrhundert, als königstreue Presbyterianer aus Schottland im Nordosten der Insel angesiedelt wurden, begann eine geplante Siedlungspolitik. Die einheimische, katholische Bevölkerung wurde vertrieben und eine wohlhabendere Schicht, die loyal zum englischen Königshaus stand, etabliert, um die Insel leichter regierbar zu machen. Irland wurde zur Siedlerkolonie.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Belfast ein presbyterianisches Bürgertum. Wohlhabend, aber ohne politische Macht, wurde es von den Ideen der US-amerikanischen und Französischen Revolution beeinflusst. Es entstand eine irische Form des Republikanismus. Ein Aufstand gegen die englische Monarchie in den 1790er Jahren scheiterte, auch weil die erhoffte Hilfe durch das revolutionäre Frankreich ausblieb. Als Reaktion wurde Irland direkt ins Vereinigte Königreich eingegliedert und verlor seine Selbstständigkeit gänzlich.

Der Wunsch nach Unabhängigkeit war jedoch ungebremst. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern wie Deutschland, Italien oder Polen, in denen die nationale Frage auf der Tagesordnung stand, entstanden im 19. Jahrhundert Vereine zur Förderung der irischen Sprache, Kultur und gälischer Sportarten. Sie sind bis heute ein wichtiger Ausdruck der nationalen, kulturellen Identität.

In den 1840er Jahren suchte Irland eine verheerende Hungersnot heim, deren Ursprung eine Kartoffelfäule war. Diese hätte mit staatlicher Lenkung unter Kontrolle gebracht werden können, wäre in England nicht der Ultraliberalismus die vorherrschende ideologische Strömung der Zeit gewesen. Die Regierung in London schloss die Suppenküchen, verweigerte jegliche staatliche Hilfsprogramme und exportierte weiterhin Tonnen an irischen Lebensmitteln über die westlichen Häfen in Cork und Galway, während die ländliche Bevölkerung verhungerte. Unter anderem sind Berichte von Familien, die sich von Gras ernähren mussten und sogar dem Kannibalismus verfielen, überliefert. Jene, die noch Kraft hatten, retteten sich auf Schiffe, die sie nach Nordamerika oder Australien brachten. Nach dem Ende der Hungersnot waren weite Landstriche verwaist – erst 150 Jahre später, in den 1990er Jahren, erreichte die Insel wieder dieselbe Bevölkerungszahl wie vor der Katastrophe.

Die menschenfeindliche ultraliberale Politik der Londoner Regierung verstärkte die nationalen Gefühle und den Wunsch nach »Selbstregierung«, wie es damals hieß, weiter. Es entstanden auf beiden Seiten des Atlantiks irisch-republikanische Geheimbünde, die sogenannten Fenier. Mit der Erfindung des Dynamits begann eine Serie von Sprengstoffattentaten in Großbritannien. Viele der Fenier endeten am Galgen, wurden in englischen Kerkern gefoltert oder in Strafkolonien nach Australien verschifft. Karl Marx und Friedrich Engels befassten sich damals intensiv mit der irischen Frage, ihre Schriften zu Irland sind im 16. Band der Marx-Engels-Werke versammelt. Jenny Marx begann eine Solidaritätskampagne für die irisch-republikanischen Gefangenen.

Jahrzehnt der irischen Revolution

Im Jahre 1879 – damals besaßen nur drei Prozent der Bauern das Land, das sie bewirtschafteten – begann der »Land War«. Durch intensive Agitation und die Anwendung politischer Gewalt wurde in den folgenden Jahrzehnten eine fortschrittliche Landreform erzwungen. Der »Land Act« von 1903 war eine der weitreichendsten Sozialgesetzgebungen im British Empire. Historiker interpretieren den »Land War« heute als den ersten, ökonomischen Teil der irischen Revolution. Der zweite Teil, der auf die politische Abhängigkeit abzielte, begann 1913. Die Zeit von 1913 bis 1923 wird daher als das Jahrzehnt der irischen Revolution bezeichnet, das Irland grundlegend veränderte und in die Teilung der Insel mündete.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Irland von einer aufstrebenden Arbeiterbewegung in den Industriezentren Dublin und Belfast geprägt. Zugleich war eine besonders militante Suffragettenbewegung aktiv, zu deren Aktionen Hungerstreiks und andere Formen der politischen Gewalt zählten. Viele der Frauenrechtsaktivistinnen waren Republikanerinnen.

In Dublin brach im August 1913 der größte Arbeitskonflikt in der Geschichte Irlands aus. Der sogenannte »Dublin Lockout« wurde angeführt vom Gewerkschaftsaktivisten James »Jim« Larkin und dem ersten irischen Marxisten James Connolly. Zur Verteidigung der kämpfenden Arbeiter baute Connolly eine Gewerkschaftsmiliz auf, die Irish Citizen Army (ICA). Bereits ein Jahr zuvor hatten radikale Unionisten begonnen sich zu bewaffnen. Um gegen eine mögliche Unabhängigkeit und die drohende Ausrufung der Republik zu kämpfen, wurde die Ulster Volunteer Force gegründet – Irlands Gegenstück zum weißen Terror der russischen Revolution.

Doch auch die irischen Nationalisten begannen sich zu formieren. Im Herbst 1913 wurden die Irish Volunteers gegründet, im Frühjahr 1914 die republikanische Frauenorganisation Cumann na mBan (Gesellschaft der Frauen). Beide Gruppen schworen, auch mit Waffen für die Unabhängigkeit Irlands zu kämpfen. Damit hielt die Waffengewalt Einzug in die irische Politik, die sie für die nächsten 100 Jahre begleiten sollte.

Der Erste Weltkrieg war die Initialzündung für die revolutionären Umwälzungen. In der Hoffnung, die Verwicklungen Großbritanniens im Krieg in Kontinentaleuropa ausnutzen zu können, planten irische Republikaner den Aufstand. Angeführt von den Irish Volunteers und der ICA wurde zu Ostern 1916 vor dem Hauptpostamt in Dublin die irische Republik ausgerufen. Die darauffolgenden Kämpfe wurde jedoch binnen einer Woche niedergeschlagen. Mit Kanonenbooten wurde die Dubliner Innenstadt in Schutt und Asche gelegt, die Anführer des Aufstands, darunter Connolly, hingerichtet und Tausende Iren in das Internierungslager Frongoch im Norden von Wales verschifft.

Sinn Féin

Die enorme Repression der Briten entpuppte sich als Eigentor, denn sie löste eine breite Solidaritätswelle mit Sinn Féin aus, einer damals noch jungen Partei, die noch nicht republikanisch ausgerichtet war. Sie war 1905 auf Basis des Programms von Arthur Griffith aus mehreren nationalistischen Vereinen entstanden. Griffith hatte zuvor ein Buch veröffentlicht, in dem er die gegen die Habsburgermonarchie gerichtete ungarische Nationalbewegung analysierte. Er betonte, dass diese ein Vorbild für irische Nationalisten sei, die daher für eine Doppelmonarchie mit eigenständigem Parlament in Dublin nach dem Vorbild des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1866 eintreten sollten. Erst 1917 gab sich Sinn Féin ein republikanisches Programm.

Mit diesem Programm kandidierte die Partei zu den britischen Unterhauswahlen im Dezember 1918. Das Wahlergebnis brachte einen Erdrutschsieg für Sinn Féin, deren Kandidaten 73 der 105 gewählten irischen Angeordneten stellten. Nur im nordöstlichen Eck, in den Wahlkreisen, wo es protestantische Bevölkerungsmehrheiten gab, waren unionistische Kandidaten erfolgreich.

Eine gewählte Sinn-Féin-Abgeordnete war die Sozialistin Constance Markiewicz, eine Veteranin des Aufstands von 1916. Sie war die erste Frau, die ins britische Unterhaus gewählt wurde. Doch wie alle anderen Abgeordneten von Sinn Féin erkannte sie das britische Parlament als legislative Vertretung Irlands nicht an. Die Republikaner weigerten sich, ihre Sitze in Westminster einzunehmen, und formierten sich statt dessen am 21. Januar 1919 in Dublin als unabhängiges Parlament, Dáil Éireann. Die 1913 gegründeten Irish Volunteers wurden unter der Bezeichnung Irische Republikanische Armee (IRA) zu den Streitkräften dieses nicht anerkannten, revolutionären Staates.

Am selben Tag liefen britische Polizisten in einen Hinterhalt der IRA nahe Soloheadbeg in der Grafschaft Tipperary, zwei von ihnen starben dabei. Die Ausrufung des Dáil Éireann und der Hinterhalt in Soloheadbeg am 21. Januar 1919 markieren den Beginn des irischen Unabhängigkeitskriegs.

Die IRA begann eine Guerillakampagne gegen die britische Besatzungsarmee, der Kampf wurde zum Volkskrieg: Die IRA-Soldaten kamen aus der Masse, griffen britische Ziele an und verschwanden wieder in ihr. Die britische Kolonialmacht reagierte mit Terror gegen die Zivilbevölkerung. Aus Veteranen von der Westfront des Ersten Weltkriegs wurde eine paramilitärische Einheit zusammengestellt, die für die Armee die Drecksarbeit verrichten sollte. Diese sogenannten Black-and-Tans verübten systematisch Greueltaten und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, wie sexuelle Übergriffe auf Zivilistinnen.

Der Krieg wurde ab dem Sommer 1920 immer brutaler, als die Briten von den Guerillaaktionen in die Enge getrieben wurden. In und um Belfast kam es zu »ethnischen Säuberungen« und Pogromen gegen die katholische Bevölkerung. Bereits im März 1920 wurde der Republikaner und amtierende Oberbürgermeister von Cork, Tomás MacCurtain, ermordet. Sein Nachfolger Terence MacSwiney wurde im August verhaftet. Aus Protest trat er in den Hungerstreik, an dessen Folgen er am 25. Oktober starb.

Der »Blutsonntag«

In Dublin baute zu dieser Zeit Michael Collins eine Sondereinheit, die Squad, auf, die gezielte Attentate auf britische Geheimdienstmitarbeiter verüben sollte. In der Nacht zum 21. November schlug Collins’ Squad gegen den britischen MI5 zu. 14 Mitglieder der Geheimdiensteinheit »Cairo Gang« wurden von der IRA-Sondereinheit ermordet, sechs weitere teils schwer verletzt – ein verheerender Schlag gegen den MI5. Als Rache für die Attentate griff die britische Armee ein gälisches Fußballspiel zwischen Tipperary und Dublin im Croke Park, heute die größte Sportstätte der Hauptstadt, an. Wahllos wurde mit Maschinengewehren auf die 10.000 Zuschauer gefeuert. 14 Personen starben, 80 weitere wurden auf den Rängen verwundet. Der Tag ging als »Blutsonntag« in die Geschichte ein.

Nur eine Woche später verübte eine IRA-Guerillaeinheit unter der Führung von Thomas »Tom« Barry einen Hinterhalt auf Hilfstruppen der britischen Polizei RIC im Westen der Grafschaft Cork. 17 Briten starben im »Kilmichael Ambush«. In der Grafschaft Cork war die IRA während des Unabhängigkeitskriegs besonders aktiv, denn das dortige spärlich besiedelte, unwegsame Land war besonders für den Guerillakampf geeignet, und hier genoss sie besonders starke Unterstützung durch die Bevölkerung.

Um sich für die Aktionen der IRA zu rächen, griffen Polizeihilfstruppen und Black-and-Tans am 11. und 12. Dezember die Stadt Cork an. In der zweitägigen »Verbrennung von Cork« wurden 40 Geschäfte und 300 Wohnhäuser zerstört. 2.000 Menschen verloren ihren Job, 3.000 wurden obdachlos. Ein Mitglied der Hilfstruppen, das auch an dem Angriff auf Cork teilgenommen und im Weltkrieg an der Westfront gekämpft hatte, berichtete: »In meinem gesamten Leben habe ich nie derartige Mordlust, Plünderungen und Freude an Brandstiftung gesehen, wie ich sie in den vergangenen 16 Tagen als Teil der RIC-Hilfstruppen miterlebt habe.«

Home Rule

In dieser Situation unternahm die britische Regierung mit dem »Government of Ireland Act (1920)« einen verzweifelten Schritt in der Absicht, den Krieg zu beenden und die Insel als Teil des Vereinigten Königreichs zu behalten. Das Gesetz wurde am 23. Dezember im Parlament beschlossen und als vierte »Home Rule Bill« bezeichnet. Die Bewegung für Selbstverwaltung (Home Rule) war 50 Jahre zuvor entstanden – damals eine fortschrittliche Bewegung, die für ein eigenständiges Parlament in Dublin innerhalb des Vereinigten Königreichs eintrat. Am Höhepunkt des antikolonialen Unabhängigkeitskriegs waren diese Forderungen jedoch nicht mehr fortschrittlich.

1870 hatte Isaac Butt die »Home Government Association« gegründet, die unter dem Namen »Home Rule Movement« zu einer Massenbewegung wurde. 1886 brachte daraufhin der britische Premier William Ewart Gladstone das erste Gesetz zur Schaffung eines Parlaments in Dublin in das House of Commons ein. Diese erste »Home Rule Bill« scheiterte ebenso wie die zweite »Home Rule Bill«, die nur sieben Jahre später vom Unterhaus abgelehnt wurde.

Der neue Premier Herbert Henry Asquith brachte im April 1912 in der Hoffnung, die Unabhängigkeitstendenzen in Irland zu dämpfen, die dritte »Home Rule Bill« ein. Dieser stimmte das Unterhaus zu, doch verzögerte die Ablehnung des House of Lords ihr Inkrafttreten um zwei Jahre. Erst am 18. September 1914 wurde sie Gesetz. Mit Beginn des Weltkrieges wurde sie allerdings sogleich suspendiert und trat schlussendlich nie in Kraft.

Die vierte »Home Rule Bill« war im Parlament zwar erfolgreich, sollte aber nie für die ganze Insel, sondern nur im späteren Nordirland Geltung besitzen. Das Gesetz, das am 3. Mai 1921 in Kraft trat, schrieb damit die Teilung Irlands fest. Drei Wochen später wurden basierend auf dieser Rechtsgrundlage Wahlen in Nordirland abgehalten, und am 22. Juni eröffnete der englische König George V. das Parlament in Belfast. Die südirischen Abgeordneten von Sinn Féin weigerten sich, ein entsprechendes südirisches Parlament zu formen und tagten weiter im revolutionären Dáil Éireann.

1921 wurde im Anglo-irischen Vertrag Südirland in die Unabhängigkeit entlassen und eine Grenzkommission ins Leben gerufen. Die südirischen Katholiken erhofften sich durch diese Kommission Landgewinne, vor allem von katholisch dominierten Grafschaften entlang der Grenze. Ziel war es, den neuen Staat im Norden auf Belfast und sein Hinterland zu reduzieren. Das Kalkül ging jedoch nicht auf: Das heutige Nordirland ist seiner Fläche nach nahezu identisch mit jenem Gebiet, das im »Government of Ireland Act« am 23. Dezember 1920 festgelegt wurde.

Da Sinn Féin das Parlament im Süden boykottierte und statt dessen erneut im revolutionären Dáil Éireann zusammentrat, war auch die vierte »Home Rule Bill« gescheitert. Entgegen dem Namen des Gesetzes kam es nicht zur »besseren Regierbarkeit Irlands« durch das britische Empire, sondern zur Teilung der Insel.

Neues Nordirland

Die Briten hatten erreicht, dass der Norden – eine der reichsten Provinzen des British Empire – Teil des Vereinigten Königreichs blieb. Hier gab es eine florierende Leinenindustrie und Schiffbau, in den Werften im Osten von Belfast wurden riesige Schiffe gebaut, darunter die Titanic. Mit den Häfen in Belfast und Derry hatte die Region zum Zweck der Kontrolle des Nordatlantiks einen zentralen Wert für die britische Kriegsmarine. Die Teilung Irlands hatte vor allem ökonomische und geostrategische Gründe, nicht religiöse oder ethnische, wie in der Geschichtsschreibung oft behauptet wird.

Dennoch war die Gründung Nordirlands von Pogromen und »ethnischen Säuberungen« begleitet. Allein in Belfast wurden 23.000 katholische Iren aus ihren Häusern vertrieben. In Nordirland sollte ein »protestantischer Staat für ein protestantisches Volk« errichtet werden, wie es damals hieß. Aufgrund der systematischen politischen, sozialen und kulturellen Diskriminierung der katholischen Minderheit wird das damalige Nordirland oft mit dem weißen, rassistischen Regime in Rhodesien verglichen.

Gegen diese Unterdrückung formierte sich in den 1960er Jahren eine friedliche Bürgerrechtsbewegung. Als diese von radikalen unionistischen Mobs und der nordirischen Polizei brutal niedergeschlagen wurde und neuerlich Pogrome in Belfast ausbrachen, wurde die britische Armee in die Provinz entsandt. Der Nordirlandkonflikt, der zwischen 1968 und 1998 über 3.500 Menschen das Leben kostete, begann.

Mit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens sollte dem Krieg erst 1998 ein Ende gesetzt werden. Zwar schweigen heute größtenteils die Waffen, Nordirland ist aber weit von der Normalität entfernt. War es bei seiner Entstehung noch eine der reichsten Regionen, ist es 100 Jahre später eines der ärmsten Gebiete Westeuropas. Die Wirtschaft muss jährlich mit Milliardenzuwendungen aus London und Brüssel am Leben gehalten werden.

Fast auf den Tag genau ein Jahrhundert nach der Spaltung der grünen Insel wird nun am 1. Januar 2021 aus der Teilungslinie endgültig eine EU-Außengrenze. In Nordirland wächst daher auch unter liberalen Unionisten der Wunsch nach Wiedervereinigung und dadurch Rückkehr in die Europäische Union. So könnte Nordirland, ein Projekt, das ursprünglich Irland im Vereinigten Königreich halten sollte, der entscheidende Dominostein werden, der »Great Britain« zu »Little England« schrumpfen lässt.

Literaturempfehlung: Liam O’Ruairc: Nordirland zwischen Krieg und Frieden. Promedia, Wien 2020; mit einem Vorwort von Dieter Reinisch.

Dieter Reinisch ist Historiker an der School of Sociology and Political Science der National University of Ireland in Galway. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 4. Januar 2019 den Artikel »Bedrohter Frieden« über 50 Jahre Bürgerrechtsbewegung in Nordirland.

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (23. Dezember 2020 um 14:05 Uhr)
    Ein sehr spannender Artikel, vielen Dank!

    Aber ein bisschen fair sollte man in der Sprache doch bleiben: »Am selben Tag liefen britische Polizisten in einen Hinterhalt der IRA nahe Soloheadbeg in der Grafschaft Tipperary, zwei von ihnen starben dabei.« Sie starben quasi beim Laufen?

    Eine solches sprachliches Verstecken der Täter ist Verharmlosung von Gewalt, egal auf welcher Seite. Gegenbeispiel: »Olof Palme geriet nach einem Kinobesuch auf offener Straße in das Schussfeld eines Attentäters und verstarb.«
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (23. Dezember 2020 um 19:30 Uhr)
    Interessant, in der Tat.

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