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Aus: Ausgabe vom 22.12.2020, Seite 5 / Inland
Krankes System

Knochenjob Paketzusteller

Prekäre Arbeitsbedingungen bringen Beschäftigte an Belastungsgrenze
Von Bernd Müller
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Weihnachtsstress: Boten schleppen, bis die Bandscheiben quietschen

Die Paketbranche hat in der Coronapandemie ein starkes Wachstum erlebt – auf der Strecke geblieben sind dabei allerdings der Kundenservice und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Nicht nur die Zahl der Beschwerden bei der Bundesnetzagentur ist deutlich gestiegen; die Paketzusteller sind nach Angaben der Krankenkasse Barmer vom vergangenen Freitag auch überdurchschnittlich oft krank.

Derzeit arbeiten die Paketzusteller »an der Belastungsgrenze, zum Teil bis spät abends«, erklärte ein Sprecher der Gewerkschaft Verdi am Montag auf jW-Anfrage. Besonders betroffen seien die Beschäftigten »in Sub- und Subsubunternehmen und Soloselbständige«. Letztere bleiben unter dem Strich oft unter dem Mindestlohn.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, werden in Deutschland pro Tag etwa 21 Millionen Pakete ausgeliefert. Die Paketdienstleister hätten zwar vorgesorgt, heißt es bei Verdi, doch der Druck auf die einzelnen Zusteller und Sortierer sei enorm. Es seien jetzt rund 30.000 Aushilfen eingestellt worden – doch viele hätten nur einen befristeten Arbeitsvertrag angeboten bekommen.

»Der Job geht Paketzustellern auf die Knochen«, stellte die Barmer fest. Was für »normale« Zeiten gilt, verschärft sich im Lockdown oder in der Vorweihnachtszeit noch einmal, da Sonderschichten geschoben werden müssen. Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfälle, Arthrose und Gelenkprobleme zählten demnach zu den häufigsten Gründen für eine Krankschreibung. Hinzu kämen Brüche, Prellungen und Verstauchungen.

Die Hauptursache für diese Erkrankungen ist die Gewichtsbelastung durch große und schwere Pakete. Bei Verdi heißt es, besonders ungeschützt seien die Beschäftigten dort, »wo die Zustellung auf Subsubsubunternehmen ausgelagert ist«. Diese Unternehmen seien häufig sehr klein, und hinzu kämen Sprachbarrieren, »so dass die Beschäftigten die gesetzlichen Regelungen gar nicht erst kennen«.

Die Partei Die Linke hatte die schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche immer wieder kritisiert. Die Kofraktionsvorsitzende Amira Mohamed Ali hatte am Sonntag via Tagesschau.de eine Lizenz für Paketdienstleister gefordert. Diese solle an Bedingungen wie Tarifverträge oder gute Arbeitsbedingungen geknüpft werden.

Ein Grund für diese Forderung: Viele Paketfahrer arbeiten für einen Niedriglohn. Je nach Unternehmen erhalten sie zwischen zwölf und 17 Euro pro Stunde, Anfänger oft auch weniger. Gleichzeitig tragen sie das Risiko für die Lieferung: Ist ein Paket beschädigt, dann haften sie für den Schaden.

Die Bundesregierung hatte im letzten Jahr zwar versucht, mit dem Paketbotenschutzgesetz der Ausbeutung einen Riegel vorzuschieben; aber sie hatte ein Schlupfloch offengelassen: Für Soloselbständige gelten beispielsweise die Vorschriften zum Mindestlohn oder zu den Arbeitszeiten nicht.

Direkte Auswirkungen haben die Arbeitsbedingungen auf die Zustellqualität. Wie aus der Antwort des Bundeswirtschaftsministerium auf eine Linke-Anfrage kürzlich hervorging, ist die Zahl der Beschwerden über die Zustellung von Briefen und Paketen angestiegen – bis Mitte Dezember waren es fast 18.000. Besonders im Paketbereich hatte es einen starken Anstieg gegeben. Der Linke-Abgeordnete Pascal Meiser führt die Unzufriedenheit auf die »noch immer vielerorts unterirdischen Arbeitsbedingungen« zurück. Für die Branche müsse es »ein Verbot dubioser Werkverträge und Subunternehmerketten« geben.

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