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Aus: Ausgabe vom 22.12.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Pandemie

Schöne neue Coronawelt

Großbritannien: Konzerne als Krisengewinner, Aushöhlung der öffentlichen Gesundheitsvorsorge
Von Christian Bunke, Manchester
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Eintritt bald nur noch mit Impfpass? Manche Großveranstalter plädieren dafür

Zwar ist der Start der privatisierten digitalen Verwaltung der Covid-19-Impfstoffvergabe alles andere als gut verlaufen. Die Techfirma Pinnacle Studio und ihr Mutterkonzern EMIS dürfen sich dennoch auf eine rosige Zukunft freuen. Gemeinsam mit US-Techgiganten wie Palantir werden sie zu den Krisengewinnern in der Pandemie zählen.

Denn Covid-19 ist das, was der »Chief Medical Officer« von EMIS, Shaun O’Hanlon, in einem Meinungsbeitrag für das »NHS Confederation«-Blog am 23. Juni als den »Onlinebanking-Moment« des britischen Gesundheitswesens bezeichnete. Auf der Webseite besprechen »Experten« aus den privaten und staatlichen Teilen des Gesundheitswesens – dem National Health Service (NHS) – dessen Zukunft. Geht es nach Leuten wie O’Hanlon, dann ist diese Zukunft profitorientiert und digital.

Die Pandemie eröffne große Möglichkeiten, die es zu ergreifen gelte, so O’Hanlon. Die im Rahmen der Covid-19-Bekämpfung von der Regierung erwirkte Aufweichung von Datenschutzrichtlinien im Gesundheitswesen habe »den legitimen Zugang zu NHS-Daten revolutioniert und uns gezeigt, was künftig möglich sein wird«. So könne nun ein »risikobasierter« Weg bei der Gesundheitsversorgung verfolgt werden – ein »Paradigmenwechsel bei der Datenverwendung im NHS, der die Gesundheitsversorgung Großbritanniens verbessern« werde.

Am Sonnabend veröffentlichte die Gesundheitsjournalistin Caroline Molloy einen Artikel auf der Website opendemocracy.net, in dem sie eindrücklich vor den Auswirkungen dieser Pläne warnte. Der NHS-Geschäftsführer Simon Stevens sei vor allem mit der US-amerikanischen Outsourcing- und Techbranche eng verwoben. Mit der Pandemie seien die Patientendaten des britischen Gesundheitswesens über Geheimverträge dem Markt zugänglich gemacht worden. Profiteure seien multinationale Akteure wie Faculty, Palantir, Deloitte oder McKinsey. Im Gespräch seien »Marktplatzplattformen«, welche die individuelle »Patientenermächtigung und Aktivierung« ermöglichen sollen.

Hinter diesen Phrasen verbirgt sich eine Abkehr vom Prinzip der universellen Gesundheitsversorgung für alle. Schon vor Beginn der Pandemie habe das NHS »Routinebehandlungen für Menschen mit ›schlechtem Lebensstil‹ verweigert«, so Molloy. Gleichzeitig seien britische Gesundheitsdaten Bestandteil von Handelsverhandlungen zwischen Washington und London.

Daneben ist in Großbritannien längst eine Debatte über die mögliche Einführung digitaler Impfpässe entbrannt, auch wenn der in der Regierung für das Impfprogramm zuständige Nadhim Zahawi solcherlei Ideen am 14. Dezember im britischen Unterhaus eine deutliche Absage erteilte. Zuvor hatte er den Vorschlag selbst in Medieninterviews ins Spiel gebracht, musste nun jedoch zurückrudern, nachdem Hunderttausende Menschen eine Onlinepetition dagegen unterschrieben hatten. In Teilen der Privatwirtschaft, zum Beispiel bei Anbietern von Großevents, wird die Möglichkeit digitaler Impfpässe dennoch enthusiastisch diskutiert. Sie könnten durchaus bald Teil der schönen neuen Coronawelt sein.

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