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Aus: Ausgabe vom 17.12.2020, Seite 1 / Titel
Krieger im Betrieb

Exerzierplatz Amazon

Onlineriese sucht Exmilitärs für Standort Graben bei Augsburg – Linke kritisiert Drill im Arbeitsalltag. Beschäftigte streiken für Weihnachtsgeld und Tarifvertrag
Von Oliver Rast
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Unter der Kontrolle ausgemusterter NATO-Krieger: Arbeitsalltag beim Internetgiganten

Es ist eine Art Anschlussverwendung für Demobilisierte: »Operationsmanager für Führungskräfte mit militärischem Hintergrund gesucht«, so steht es in einer jüngst veröffentlichten Stellenanzeige auf der Onlineplattform »Indeed«. Der Auftraggeber: Amazon. Der Onlineriese will in seinem Versandzentrum in Graben bei Augsburg offenbar aufrüsten.

Die Übernahme von Exsoldaten in den Konzern hat Methode: »Die Einstellung von Personal aus dem Militär ist ein entscheidender Bestandteil unseres unternehmensweiten Businessplans«, heißt es in der Stellenbeschreibung. Das Anforderungsprofil: Amazon erwartet vom Bewerber »höchste Einsatzbereitschaft« und die »Qualität«, Manager unterer Chargen und Beschäftigte zu »Bestleistungen zu motivieren«. Das sei eine »Riesenchance«.

Frühere NATO-Krieger können bereits seit 2010 ihren Sold bei Amazon abholen, auch hierzulande, bestätigte der Pressesprecher von Amazon-Logistics, Thorsten Schwindhammer, am Mittwoch auf jW-Nachfrage. Weiter sagte er: »Auch unsere Standortleiter in Rheinberg oder Werne haben einen Bundeswehr-Hintergrund.« Total normal also? Das findet Susanne Ferschl, Vizevorsitzende der Linke-Bundestagsfraktion, nicht: »Es passt nur allzu gut ins Bild von Kontrolle und Macht, wenn Amazon ausgediente Militaristen als Manager sucht.« Drill, Überwachung und Schikanen gehörten zum Geschäftsmodell des Multis, so Ferschl am Mittwoch zu jW. »Die Stellenanzeige von Amazon irritiert«, räumte Beate Müller-Gemmeke, Sprecherin für Arbeitnehmerrechte der Grünen-Bundestagsfraktion, gleichentags gegenüber jW ein. Aber: Es geht längst nicht nur um Annoncen. 2019 rangen Amazon und Microsoft um einen milliardenschweren Auftrag des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums für den Aufbau einer kommerziellen IT-Infrastruktur, der »Kriegscloud«. Den Wettkampf der Kolosse hat Amazon-Boss Jeffrey Bezos indes verloren.

Im Visier der Konzernspitze dürfte speziell der Standort Graben sein. Nach mehreren Streikketten in verschiedenen Versandzentren in den vergangenen Wochen zeigen sich Hunderte Grabener Kollegen weiter kampfbereit. Mit Beginn der Nachtschicht zu Montag setzten sie ihren Ausstand fort, »zeitlich unbefristet«, sagte Verdi-Streikleiterin Sylwia Lech am Mittwoch im jW-Gespräch. Das Aktionsziel: tarifliches Weihnachtsgeld – denn: für viele Beschäftigte sei das »kein Luxus«, so Lech. Damit würden oft aufgeschobene Zahlungen beglichen. Die von Amazon ausgeschüttete Jahressonderzahlung von 400 Euro brutto für die Arbeiter sei »mickrig«. Nicht nur das: Ohne Streikaktionen würde Amazon überhaupt keine Zuschläge zahlen, betonte die Gewerkschafterin. Die Gegenseite demonstriert Gelassenheit. »Auswirkungen auf Kundenlieferungen haben die Aktionen nicht, der allergrößte Teil der Mitarbeiter in Graben arbeitet wie üblich«, behauptete Schwindhammer. Lech kontert: »Der Versand läuft nicht reibungslos, Auslieferungen verzögern sich.«

Der Hauptkonflikt ist aber folgender: Es geht um einen Tarifvertrag – konkret: um die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels durch den Konzern. Amazon behauptet gebetsmühlenartig, die Tätigkeiten im Versand seien nicht dem Handel, sondern der Logistik zuzurechnen.

Die Linke-Abgeordnete Ferschl weiß, der Onlinegigant will – auch mit professioneller Hilfe (jW berichtete) – gewerkschaftsfreie Zonen ohne Tarifvertrag durchsetzen. Gegen die Militarisierung des Betriebsalltags fordert sie eine zivilgesellschaftliche Unterstützung der Kampagne »Weihnachten ohne Amazon«. Und Streikleiterin Lech verspricht: »In den nächsten Tagen wird es eine Überraschung geben«, konkreter wollte sie noch nicht werden.

»Krisengewinnler Amazon« ist das Thema des Podiumsgesprächs auf der XXVI. Internationalen Rosa-­Luxemburg-Konferenz, die am 9. Januar 2021 als Livestream-Veranstaltung stattfindet. jungewelt.de/rlk

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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