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Aus: Ausgabe vom 16.12.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Fall Nawalny

Geschichte weitergesponnen

»Recherchen« identifizieren angebliche russische Geheimdienstmitarbeiter, die Nawalny vergiftet haben sollen
Von Reinhard Lauterbach
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Im Tomsker Hotel Xander soll die Vergiftung stattgefunden haben (14.9.2020)

Der rechte russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny hat am Montag behauptet, er kenne jetzt die Namen derjenigen Mitarbeiter des russischen Geheimdiensts FSB, die hinter dem Versuch gesteckt hätten, ihn im August zu vergiften. Er stützt sich dafür auf Berichte des britischen »Rechercheportals« Bellingcat, das seit 2014 mit antirussischen Artikeln auf sich aufmerksam gemacht hat. Außerdem sind das Magazin Spiegel, der US-Fernsehsender CNN und das russische Portal The Insider involviert.

Demnach sollen an dem mutmaßlichen Anschlag in der russischen Stadt Tomsk am 20. oder 21. August etwa zehn Mitarbeiter des FSB beteiligt gewesen sein, die einer Einheit mit Verbindung zu Chemiewaffen angehören sollen. Die Beteiligten stünden auf der oberen Ebene im Generalsrang, auf der operativen Ebene dagegen hätten alle eine Ausbildung als Mediziner oder Chemiker. Einige von ihnen sollen früher in dem Entwicklungslabor für das Nowitschok-Nervengift in Schichany im Gebiet Saratow tätig gewesen und nach dessen Auflösung in die Dienste eines Speziallabors des FSB nach Moskau versetzt worden sein.

Die genannten Medien zeichnen auf Grundlage von Telefonmetadaten nach, wie drei dieser Personen – zwei davon unter falschem Namen – seit Jahren Nawalny observiert hätten. Das wird dokumentiert durch Flugdaten, die mit denen des Politikers aus den Jahren 2017, 2019 und 2020 auffällig oft übereinstimmten. Nawalny sagte in seinem Videoblog vom 14. Dezember, es sei unwahrscheinlich, dass der FSB gelernte Mediziner und Chemiker mit einfachen Observationsaufgaben betraue. Er warf dem Geheimdienst vor, schon in der Vergangenheit mindestens zweimal Giftanschläge auf ihn versucht zu haben: einmal 2017 und einmal im Juli dieses Jahres, während er mit seiner Frau Urlaub im Gebiet Kaliningrad gemacht habe. Damals habe seine Frau einen rätselhaften Schwächeanfall gehabt – ohne Schmerzen, aber mit Lähmungserscheinungen.

Das seien dieselben Symptome gewesen, die auch bei ihm bei dem ersten Anschlag und dann wieder auf dem Flug von Tomsk nach Moskau im August aufgetreten seien. Diese Ausführung ist deshalb interessant, weil es in ersten Darstellungen von Nawalnys mitreisender Pressesprecherin noch geheißen hatte, er habe im Flugzeug vor Schmerzen geschrien. Auch ein an Bord aufgenommenes Handyvideo, das in den ersten Tagen nach dem Vorfall zirkulierte, hatte jemanden gezeigt, der sich schreiend auf dem Flugzeugboden wälzt. Hier hat sich also die Darstellung geändert.

Auch zum angeblichen Modus operandi des Anschlags hat Nawalny seine Version geändert. Ursprünglich hatte er erklären lassen, er sei auf dem Tomsker Flughafen vergiftet worden. Dann hatten seine Mitarbeiter behauptet, die Vergiftung müsse über zwei Wasserflaschen in seinem Hotelzimmer geschehen sein. Nun konkurrieren zwei weitere Versionen: die eines angeblich vergifteten Drinks in der Hotelbar am Vorabend und die kontaminierter Unterwäsche, die Nawalny ebenfalls am Vorabend aus einer Reinigung in Tomsk ins Hotel geliefert bekommen habe.

Die Argumentation Nawalnys und der genannten Medien beruht dabei auf Indizien: Mobiltelefone der angeblichen Täter seien zu bestimmten Zeiten und Orten im Netz eingeloggt gewesen, und die angeblichen Agenten hätten mit Kollegen oder Vorgesetzten telefoniert. Zum Inhalt der Gespräche machen die Berichte keine Angaben.

Den Großteil der Arbeit machte dabei offenbar Bellingcat. Gründer Eliot Higgins bestreitet regelmäßig, dass das Portal eine Außenstelle des britischen oder ukrainischen Geheimdienstes sei: obwohl dessen Mitarbeiter beispielsweise bei ihren Untersuchungen zum Hergang des Abschusses der malaysischen Passagiermaschine über dem Donbass 2014 auf Abhörprotokolle von Telefongesprächen zurückgegriffen haben, die sie nur aus geheimdienstlichen Quellen bekommen haben können.

An die Telefonmetadaten will Bellingcat durch »geringfügige Korruption« gekommen sein. Es sei in Russland nicht schwierig, an große Datensätze von Telefongesellschaften, Kfz-Zulassungsstellen und Melderegistern zu kommen. Das koste nicht mehr als ein paar hundert Euro – allerdings in Kryptowährungen, behauptete das Portal am Montag.

Hintergrund: Operation der Zersetzung

Auf den ersten Blick wirkt das Netz von Indizien, das die »Rechercheure« von Bellingcat – jetzt einmal egal, wer möglicherweise hinter ihnen steht – in Sachen Alexej Nawalny zusammengetragen haben, beeindruckend. Allerdings, wie die Autoren in einer Art Hausmitteilung zu ihrer Arbeitsweise selbst einräumen: Nachvollziehbar seien die Hinweise nicht. Das liege in der Natur der abgerufenen Daten, da sie im nächsten Monat schon wieder bearbeitet sein könnten. Man muss ihnen also glauben.

Vielleicht sollte man das nicht unbedingt. Denn zumindest etliche ihrer Indizien wären auch leicht zu fabrizieren. Erstes Beispiel: Die Zuordnung eines der mutmaßlichen Verfolger zum russischen Inlandsgeheimdienst soll dadurch zustande gekommen sein, dass er im Adressbuch irgendeines in Russland registrierten Handys mit vollem Namen und dem Zusatz »FSB« eingetragen (gewesen) sei. Nichts leichter als das, sich in Russland ein Handy zu kaufen, das Adressbuch mit dem vollzuschreiben, woran man interessiert ist, und das dann von einem Algorithmus »finden« zu lassen. Genauso könnte jemand »Bordell Reinhard Lauterbach« eintragen, um den Autor dieser Zeilen als Zuhälter dastehen zu lassen.

Noch ein Beispiel: Einer der Beteiligten an der mutmaßlichen FSB-Operation soll, obgleich für den Einsatz in Tomsk mit einem legendierten Diensthandy ausgestattet, mehrfach sein eigenes auf seinen Klarnamen zugelassenes Telefon eingeschaltet haben. Immer nur für eine Minute, aber lang genug, um passende Standortdaten beim Mobilfunkbetreiber zu hinterlassen. Geht’s noch? Ist das Dummheit oder schon Provokation? Soll man sich den FSB jetzt als eine verbrecherische Organisation vorstellen oder als einen Sauhaufen? Als zu allem fähig oder zu nichts in der Lage?

Vielleicht ist ja genau dies der wahre Zweck der Bellingcat-Operationen: Verunsicherung in den russischen Geheimdiensten zu säen. Bekanntlich gelten die als politische Heimat des Präsidenten Wladimir Putin und als der Teil des Apparats, dem er noch am ehesten vertraue. Hier ein bisschen Zwietracht zu stiften, wäre schon einigen geheimdienstlichen Aufwand wert. Dass dabei Datenschutzmängel, Korruption und alles, was Bellingcat zum Zustandekommen seiner Ergebnisse mitteilt, helfen – geschenkt. Schwächen des Gegners auszunutzen – genau darin besteht das Geschäft. (rl)

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (16. Dezember 2020 um 12:02 Uhr)
    Gibt es die Chance, dass die Bellingcat-Recherchen falsch sind? Vielleicht. Ein Erstellen absichtlich manipulierter Datensätze für Bellingcat durch westliche Geheimdienste, das Anlegen falscher Bewegungsprofile ausgedachter Agenten etc. ist natürlich denkbar, aber doch schwierig. Dabei unterlaufene Fehler könnten von Russland leicht aufgedeckt und die ganze Sache so entlarvt werden.

    Wenn Russland hinter dem Giftanschlag steckt, mit dem Ziel, belarussische Oppositionsführer einzuschüchtern, so wäre das Ziel jedenfalls erreicht: Lukaschenko ist noch im Amt, und Nord Stream 2 wird trotzdem weitergebaut. Die Tatsache, dass Nawalny noch lebt, ist dafür hilfreich; es war dann sicher das gewünschte Ergebnis, da es die Sache für Russland erheblich vereinfacht, wenn es keinen Mord aufzuklären gilt.

    Dass – sofern das stimmt – die Identitäten der FSB-Agenten öffentlich wurden, ist für Russland schon sehr peinlich. Es würde zeigen, dass sein Geheimdienst noch nicht den Herausforderungen des Digitalzeitalters gewachsen ist. Sollten die Bellingcat-Recherchen in Wahrheit auf westliche Geheimdiensterkenntnisse zurückgehen, so wäre das Enthüllen durch eine »Rechercheplattform« als eine plakative Demonstration dieser Unfähigkeit gedacht: Seht her, es braucht nicht mal einen Geheimdienst, sogar technikaffine Zivilisten können heute den FSB enttarnen.

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