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Aus: Ausgabe vom 14.12.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Kampf gegen Corona

»Kuba entwickelt Impfstoff für ›dritte Welt‹«

Die Erfolge im Kampf gegen Corona zeigen sich auch im Einsatz für ein zugängliches Vakzin. Gespräch mit Franco Cavalli
Von Tobias Kriele
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Mit Mund-Nasen-Schutz und Plastikhandschuhen in den Unterricht: Schülerinnen in Havanna (2.11.2020)

Sie sind Mitte November im Auftrag von »Medicuba Europa« nach Kuba geflogen. Wie war Ihr Eindruck vom dortigen Umgang mit der Coronapandemie?

Kuba ist es gelungen, Corona auf eine fast unglaubliche Art in Schach zu halten. Das Land hat bislang über 100mal weniger Todesfälle zu verzeichnen als das ähnlich stark bevölkerte Belgien. Tatsächlich ist dies das Ergebnis eines gut organisierten, auf Prävention ausgerichteten Gesundheitssystems. Ich habe in Havanna keine einzige Person gesehen, die auf der Straße ohne Mund-Nasen-Schutz herumgelaufen wäre. Wenn man ein Gebäude betritt, steht da jemand, der dir die Temperatur misst sowie Hände und Schuhe desinfiziert. Sitzungen finden mit den gebührenden Abständen statt, die Masken werden höchstens heruntergelassen, um einen Schluck Kaffee zu trinken.

Alle Coronapatienten werden in Krankenhäuser eingewiesen und erst nach einem negativen Testergebnis nach Hause entlassen. Für Kontaktpersonen, die in beengten Wohnverhältnissen leben, wurden Quarantänezen­tren eingerichtet. Auch diejenigen, die sich zu Hause in Quarantäne befinden, werden täglich von einem Arzt, einem Medizinstudenten oder einer Krankenschwester besucht. Coronasymptome werden mit kubanischen Medikamenten wie Beta-Interferon gemildert. Symptomfreie Patienten, Quarantänefälle und das medizinische Personal werden täglich prophylaktisch mit einem in Kuba entwickelten Nasenspray behandelt, das die Immunabwehr verstärken soll. Die Planmäßigkeit des ganzen Vorgehens ist beeindruckend.

Inwiefern kann eine Organisation wie »Medicuba Europa« den Karibikstaat in der Pandemie unterstützen?

Während der ersten Pandemiewelle hat »Medicuba Europa« Hilfe in einer Größenordnung von 600.000 Euro leisten können. Zunächst haben wir Coronatestmaterial in der Schweiz besorgt und später den Kubanern die nötigen Zusatzstoffe geliefert, damit sie die Tests selbst herstellen können. Zum Teil geschieht das in den molekularbiologischen Laboratorien des Instituts »Pedro Kourí«, die wir als »Medicuba Europa« in den vergangenen Jahren mit aufgebaut haben. Da das Land auf dem Weltmarkt keine Beatmungsgeräte einkaufen konnte, haben wir 22 dieser Geräte aus Schweizer Produktion nach Kuba geschickt. Mittlerweile haben sich die Kubaner selbst in die Lage versetzt, diese Apparate in vereinfachter Form zu bauen. Dazu haben wir ebenfalls Schlüsselelemente geliefert. Jetzt hat uns Bio Cuba Farma, eine Holding im Forschungspool von Havanna, um Hilfe gebeten. Insbesondere benötigen sie Cytofluorometer, also Geräte, die schnell die Veränderung von weißen Blutkörperchen messen können. Diese Apparate sind für die Impfstoffentwicklung wichtig, aber relativ kostspielig und aufgrund der US-Blockade für Kuba schwer zu beschaffen. Mein Besuch in Havanna diente dazu, die Umsetzbarkeit dieser Spende vor Ort zu eruieren.

Im Wettlauf um die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs werden vor allem chinesische, US-amerikanische und auch deutsche Unternehmen genannt. Wie weit ist die Impfstoffentwicklung in Kuba?

In Kuba existieren bereits zwei Impfstoffe – »Soberana 1« und »Soberana 2«. Die Entwicklung geschieht vollkommen unabhängig, daher auch der Name »Soberana«, auf deutsch »souverän«. Beide kommen bald in die zweite von drei Testphasen. Die Kubaner hoffen, zu Beginn des Sommers 2021 mit der Impfung der Bevölkerung beginnen zu können.

Was unterscheidet das kubanische Impfstoffprogramm von Projekten von Unternehmen wie Pfizer oder Biotech?

Der kubanische Impfstoff unterscheidet sich in seinem Wirkungsmechanismus nicht von anderen Kandidaten. Vermutlich werden am Ende alle diese Impfstoffe grosso modo wirksam sein. Der vieldiskutierte Wirksamkeitsgrad von 91, 92 oder 95 Prozent ist nur eine mathematische Spielerei. Entscheidend sind andere Fragen wie der Preis oder die Nebenwirkungen. Der meiner Meinung nach entscheidende Faktor ist aber die Einsatzfähigkeit des Impfstoffes. Die von Pfizer verwendete RNA-Technologie ist sehr empfindlich. Der Impfstoff muss bei minus 90 Grad gelagert werden. Das schränkt den Einsatz vor allem in armen Ländern relativ stark ein. Die Kubaner aber glauben, dass ihr Impfstoff auch bei Temperaturen von zwei bis fünf Grad stabil bleiben könnte. Man könnte sagen, dass Kuba dabei ist, einen Impfstoff für die sogenannte dritte Welt zu entwickeln.

Die US-Regierung hat diese spezielle Pandemiesituation noch ausgenutzt, um die Wirtschaftsblockade weiter zu verschärfen. Welche Unterstützung braucht Kuba in dieser Situation?

Es gibt mindestens zwei konkrete Möglichkeiten, Kuba zu helfen. Die erste ist, Druck auf die eigene Regierung und das eigene Parlament aufzubauen, damit die europäischen Staaten sich für die Aufhebung der Blockade stark machen. Nach dem Wechsel von Donald Trump zu Joseph Biden als US-Präsident könnten die Vereinigten Staaten gegenüber Stimmen aus Europa empfindlicher werden. Das ist natürlich ein Kampf, der in jedem Land geführt werden muss, auf politischer und medialer Ebene. Und schließlich bleibt als zweites die materielle Hilfe. »Medicuba Europa« hat sofort nach meiner Rückkehr eine weitere Unterstützung in Höhe von 450.000 Euro für das kubanische Impfstoffprogramm beschlossen. Wir werden darüber hinaus Medikamente und Apparate schicken, wo immer es notwendig ist. Kuba braucht diese Hilfe mehr denn je.

Franco Cavalli ist Präsident der Hilfsorganisation Medicuba und lebt in Ascona im Schweizer Kanton Tessin. 2006 wurde er Vorsitzender der Internationalen Vereinigung gegen Krebs (UICC). Er gilt als einer der renommiertesten Krebsforscher der Schweiz

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  • E. Rasmus: Konkrete Hilfe Das humanistische Engagement Kubas ist hervorragend und wäre mehr als einen Nobelpreis wert! Leider vermisse ich in dem Interview die konkreten Spendenhilfsdaten. Allerdings sollten es keine Schweizer...
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