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Aus: Ausgabe vom 11.12.2020, Seite 2 / Ausland
Krise in Peru

»Die Menschen fordern weiterhin Gerechtigkeit«

Peru: An Protesten gegen soziale Ungleichheit und Korruption beteiligten sich viele junge Demonstranten. Ein Gespräch mit Patricia Véliz
Interview: Eleonora Roldán Mendívil
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Demonstration in der peruanischen Hauptstadt Lima (14.11.2020)

Nach Wochen des Protestes, brutalen Polizeieinsätzen und mehreren Rücktritten in der Regierung ist die Lage in Peru weiterhin angespannt. Wie kam es zu der Eskalation?

Während der Pandemie gab es bereits mehrfach Proteste gegen die Regierung von Präsident Martín Vizcarra. Gleichzeitig wurden Forderungen nach Arbeitsrechten und mehr Geld für Gesundheit und Bildung laut. Als Vizcarra am 9. November wegen Korruptionsvorwürfen des Amtes enthoben und tags drauf Manuel Merino, ein klassischer Neoliberaler, als Interimspräsident vereidigt wurde, brachen die Proteste vollends los.

Auf den Straßen demonstrierten viele junge Menschen. Ihnen schlossen sich verschiedene soziale und gewerkschaftliche Gruppen an. Es ging ihnen dabei weniger um die Unterstützung von Vizcarra als vielmehr um ein Ende der Korruption in der Politik. All das fand nicht nur in Lima, sondern auch in den Provinzen statt.

In der Zwischenzeit hat der ehemalige Weltbank-Mitarbeiter Francisco Sagasti den Interimspräsidenten Merino an der Staatsspitze abgelöst, weil gegen den wegen Amtsmissbrauch und vorsätzlichen Mordes ermittelt wird. Sagasti zeigte sich offiziell kompromissbereit, auch gegenüber den jungen Demonstranten. Welche Rolle haben die bei den Protesten eingenommen?

Sie standen an der Spitze des Kampfes auf den Straßen. Um ihnen, insbesondere den bei Auseinandersetzungen Verletzten zu helfen, organisierten sich Ärzte, Krankenschwestern, Feuerwehrleute und andere. Auch Rechtsbeistände fanden sich, um die Verhafteten zu unterstützen. Sie gingen auf die Polizeistationen, um zu gewährleisten, dass die jungen Leute nicht misshandelt werden. Laut Register der Nationalen Koordinierungsstelle für Menschenrechte wurden zwischenzeitlich etwa 100 Personen vermisst. Einige von ihnen tauchten in Krankenhäusern und auf den Straßen wieder auf, von der Polizei geschlagen und gefoltert.

Unter den jungen Demonstranten befanden sich auffallend viele Frauen. Wie ist das zu erklären?

Verschiedene Organisationen der Frauenbewegung schlossen sich den Protesten an, ebenso wie Arbeiterinnen, Hausfrauen und Studentinnen, die von ihren eigenen Kämpfen ausgehend Gerechtigkeit forderten. Aber auch von der Repression waren Frauen besonders betroffen, wie im Fall der Verhaftung von Druckereiangestellten, die kostenlos Materialien für die Demonstrationen drucken ließen. Einige von ihnen wurden auf Polizeiwachen erniedrigt und verunglimpft, in der Hoffnung, dass sie sich nie wieder an Protesten beteiligen.

Auch verschiedene Künstlergruppen zeigten sich zuletzt aktiv. Gab es einen Anlass?

Nachdem mit Inti Sotelo und Brian Pintado zwei junge Menschen bei den Protesten getötet worden sind, wurden Wandgemälde zu ihren Ehren angefertigt. Eines davon, das sich in einer Straße von Lima befand, wurde von Rechten zerstört. Das mobilisierte den Widerstand um so mehr: Nach dem Motto »Zerstöre eins, wir werden 1.000 malen« wurde in verschiedenen Stadtteilen Limas mit Wandgemälden begonnen, um die Erinnerung an die Getöten zu bewahren. Mit ihren Gemälden und Zeichnungen trugen Künstlerinnen und Künstler zur Kommunikation nach innen und außen bei.

Wie hat sich die Situation in Peru in den vergangenen Tagen entwickelt?

Angesichts des Mordes an zwei jungen Männern und der brutalen Repression musste der Staat den Status quo wiederherstellen, da sein Hauptinteresse in der Aufrechterhaltung des Wirtschaftssystems besteht. Daher wurde Präsident Manuel Merino entlassen und mit Sagasti ein Präsidenten eingesetzt, der für seine liberalen Positionen bekannt ist und die Interessen der Großbourgeoisie bedient.

Doch auf den Straßen fordern die Menschen weiterhin Gerechtigkeit für die Morde und die Hunderten von Verletzten. Viele der jungen Menschen haben bleibende Schäden erlitten, einige haben ihr Augenlicht verloren, andere liegen noch immer im Koma. Linke Gruppierungen haben Forderungen nach einer neuen Verfassung und einer verfassunggebenden Versammlung in die Proteste getragen. Diese haben allerdings immer noch sehr wenig Rückhalt, da die Menschen angesichts der Pandemie drängendere Nöte haben.

Patricia Véliz ist Lehrerin und aktiv bei »Sisariy Warmi« (Quechua für »Frau erblühe«), der Frauensektion der »Escuelas Libres Perú« (Freie Schulen Peru), eine Organisation von Arbeitern und Studierenden in der Hauptstadt Lima

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