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Aus: Ausgabe vom 10.12.2020, Seite 2 / Inland
Arbeitskampf

Kollektiver Betriebsausflug

Berlin: IG Metall organisiert Demo für Erhalt des Mercedes-Benz-Werks
Von Oliver Rast
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Mercedes-Beschäftigte: Das Wetter war mies, die Stimmung gut (Berlin, 9.12.2020)

Vorbereitet waren sie gut. Lautsprecherwagen, tiefrot; Fahnen mit dem IG-Metall-Logo, dutzendfach; eine Minibühne, transportabel. Gewerkschafter mobilisierten am Mittwoch morgen vor das Mercedes-Benz-Werk in Berlin-Marienfelde. Kurz nach 9.15 Uhr, pünktlich zum Schichtwechsel, strömten Hunderte Beschäftigte über das Betriebsgelände durch die Schleusen an Tor 1 und 2. Aufstellung zum Demonstrationszug, für die Sicherung des Standortes.

Denn: Geht es nach den Kahlschlagplänen der Daimler-Zentrale in Untertürkheim könnte dieser dichtgemacht werden. Von aktuell 2.500 Arbeitsplätzen soll Metallern zufolge lediglich ein Fünftel übrigbleiben. Das wäre faktisch das Aus, übrigens für das älteste, 1902 gegründete Werk des Autobauers.

Der Protest wird lauter: »Wir sind entschlossen, kampfbereit«, sagte Jan Otto, 1. Bevollmächtigter der IGM Berlin, gegenüber jW, während er mit dem Demoanmelder letzte Details des Aufzugs besprach. Nur: Warum kein Streikaufruf? »Weil wir an dem Punkt noch nicht sind, dann müssten wir Tarifforderungen stellen«, erklärte er.

Und wie ist die Stimmung im Betrieb? Stefan Sadlowski, IGM-Vertrauensmann in Marienfelde: »Alle sind angespannt, es geht um unsere Existenz«, sagte er im jW-Gespräch. Überall, ob an der Werkbank, im Pausenraum, ja selbst auf der Toilette, das Thema Job und Standorterhalt bestimme den Alltag. Sadlowski ärgert vor allem eines: »Die Manager haben die Entwicklung zur E-Mobilität verpennt, und jetzt sollen wir die Suppe auslöffeln.« Das Berliner Werk hänge fast zu 100 Prozent vom Verbrenner ab. Dabei gebe es Alternativen, denn »Achsen, Lenksysteme brauchen alle Autos«, so Sadlowski. Selbst die, die an der Steckdose hängen.

Etwas deplaziert wirkte Kai Wegner, CDU-Landesvorsitzender. Nach seiner Verbindung zur IGM gefragt, verriet er jW kleinlaut, er sei GdP-Fördermitglied. Der ranghohe Politiker auf der Demo durfte neben Otto das Fronttransparent tragen – die Botschaft: »Zukunft oder Widerstand«. Nein, für ihn sei das kein parteipolitischer Auftritt, behauptete er auf Nachfrage. »Wir kämpfen Schulter an Schulter für den Standort.« Diese Nähe wollten nicht alle Beschäftigten. Martin Franke etwa, seit 20 Jahren im Werk, Blechschlosser: »Wir dürfen uns als IG Metall nicht vor den CDU-Karren spannen lassen«, sagte er gegenüber jW. Auch sonst gibt es für ihn einiges an der Gewerkschaftsführung zu kritisieren: »Viele Kollegen wollten bereits streiken, wurden aber zurückgepfiffen.«

Nach der Demo ging es weiter, virtuell zumindest. Eine digitale Betriebsversammlung stand auf dem Programm (nach jW-Redaktionsschluss). Otto erwartete Antworten der Werksleitung auf die Frage »Wie weiter?« Kollege Franke versprach sich weniger davon: »Das ist doch eh nur die Konzernsicht, nicht unsere.«

Demofazit: Über 2.000 Beschäftigte zogen bei Nieselregen durch die Straßen rund ums Mercedes-Werk. Für Otto längst nicht der Protestgipfel, eher eine Etappe im Standortkampf. »Wir haben einen langen Atem«, versicherte er.

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