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Aus: Ausgabe vom 04.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
HipHop

Die Vibrationen der Welt

Horrorkopfkino: Das neue Album der Experimental-Rap-Gruppe Clipping
Von Thomas Salter
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Gewöhnlich ist hier nichts: Clipping (Bandfoto)

Wenn Broadway-Musicals und Musique concrète etwas gemein haben, dann vielleicht das: Beide haben nichts mit HipHop zu tun. Eigentlich. Denn bei der Experimental-Rap-Gruppe Clipping treffen sich diese scheinbar disparaten Musiktraditionen, dabei entsteht ein ungeheuer komplexes Geflecht an Bedeutungsebenen. Das neue Album »Visions of Bodies Being Burned« ist, grob gesprochen, Rap, also Sprechgesang über Musik. Aber die Musik komponieren die Produzenten William Hutson und Jonathan Snipes vor allem aus verfremdeten Alltagsgeräuschen, Noise, Synths und Glitches. Und Rapper Daveed Diggs Reimkunst verdankt vieles seinem bisherigen Karrierehöhepunkt: Als Ensemblemitglied des erfolgreichen Broadway Musicals »Hamilton« von Lin-Manuel Miranda musste er in seiner Doppelrolle als Marquis de Lafayette und Thomas Jefferson singend und rappend eine komplexe Handlung erzählen – und gewann dafür neben dem Grammy auch einen Tony Award, den wichtigsten US-amerikanischen Theaterpreis.

»Visions of Bodies Being Burned« ist das vierte Album des Trios und bildet eine Einheit mit dem Vorgänger »There Existed an Addiction to Blood« (2019): In Anlehnung an den Horrorcore-Rap der Houstoner Gruppe Geto Boys haben Clipping ein Konzeptalbum über Gruselfilme geschaffen, aber sie nutzen die Gattung als Prisma, durch das sie aktuelle soziale Fragen brechen. »’96 Neve Campbell« referiert auf die weibliche Hauptdarstellerin der Filmreihe »Scream«; Cam & China, rappende Zwillingsschwestern aus L. A. stehen Diggs hier zur Seite, um die klassische weibliche Opferrolle zu hinterfragen. »Say the Name« greift die Figur des Candyman auf, ein afroamerikanischer Geist aus der »Candyman«-Filmreihe, basierend auf der Kurzgeschichte »The Forbidden« des britischen Autors Clive Barker mit vielen Bezügen zu Lynchmorden und Sklaverei – der Chorus ein Zitat aus dem Geto-Boys-Song »My Mind is Playing Tricks on Me«.

Gewöhnliche Songstrukturen sind selten, wie immer bei Clipping. Hier gibt es Kopfkino. Hutson und ­Snipes arbeiten wenig mit traditionellen Beats, sie frönen ihrer Liebe für Soundtracks und Geräusche. Einminütige Sequenzen aus Synthesizerlärm gehen in minimalistische Clicks und Beeps über. Die multidimensionalen Texte erfordern Konzentration, will man die Referenzen auf obskure Horrorfilme und Rap-Klassiker auf ihre politischen Deutungen hin entschlüsseln. Zwar lassen sich einzelne Tracks einigermaßen als alleinstehende Songs herauslösen, aber besser funktioniert das Album als durchgehende Reise.

So war es auch bei Clippings zweitem Album »Splendor & Misery« (2016), nur vertieften sich Diggs, Hutson und Snipes hier nicht in das Horrorgenre, sondern in die Science-Fiction. Erzählt wurde von einer einsamen Weltraumodyssee, die aber gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit dem Sklavenhandel von Afrika nach Amerika war. Dafür wurden sie 2017 für einen Hugo nominiert, den angesehenen Sci-Fi-Preis, ebenso im darauffolgenden Jahr für ihre EP »The Deep«. Schon hier war ein enormer Sprung bei Diggs festzustellen im Vergleich zum ersten Album »CLPPNG« (2014). Schnell und präzise war sein Flow schon immer. Doch tendierte er anfangs zu triolischen Wortkaskaden. Auf »Visions of Bodies Being Burned« sind die Rhythmen unglaublich vielseitig geworden.

Horror und Science-Fiction stehen noch immer nicht im Ruf, die anspruchvollsten Genres zu sein. Clipping nehmen sie intellektuell sehr ernst – vielleicht ein Resultat ihrer akademischen Biographien. Diggs und Hutson kennen sich seit ihrer Kindheit in Albany, Kalifornien, wo Diggs’ Mutter hingezogen war, um ihre Doktorarbeit an der nahe gelegenen Uni von Berkeley zu verfassen. Diggs schaffte es mit einem Sportstipendium auf die Ivy-League-Uni Brown, Snipes und Hutson lernten sich an der University of California in Los Angeles kennen, wo Hutson einen Doktortitel in Theaterwissenschaft erhielt – seine Dissertation über experimentelle Musik steigt ein mit der Schilderung eines Projekts des Performancekünstlers Bryan Lewis Saunders: Dieser versiegelte für 28 Tage seine Ohren mit Wachs, Watte und Kopfhörern und steckte sich einen Trichter in den Mund, um die Welt nur durch Vibrationen im Körper zu hören. Ein klassisches Clipping-Album fühlt sich ähnlich an.

Aber Clipping sperren die Welt nicht aus, und sie können sich mit ihr auch ohne Filmreferenzen auseinandersetzen: Im Juni brachten sie die EP »Chapter 319« raus, um Spenden für die Tochter des von Polizisten ermordeten George Floyd zu sammeln. Die beiden Songs – »Chapter 319« und das bereits 2014 nach den Ferguson-Protesten aufgenommene »Knees on the Ground« – sind voll im Hier und Jetzt, bewegende poetische Annäherungen an die Realität der rassistischen Polizeigewalt in den USA.

Clipping: »Visions of Bodies Being Burned« (Sub Pop/Cargo)

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