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Aus: Ausgabe vom 04.12.2020, Seite 10 / Feuilleton
DDR

Diana hat Fieber

Wohin niemand mehr reisen kann: Ein Auswahlband mit Ansichtskarten aus dem deutschen Sozialismus
Von Martin Küpper
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Musste den Bilderstürmern weichen: Institut für Lehrerbildung, Potsdam 1981

Postkarten aus fernen Ländern teilen mehr mit als bloß basale Informationen über das Wetter, das Essen und die Ausflüge. Sie demonstrieren auch die ökonomische Potenz der Absender. Das erzeugt Sehnsüchte und Fernweh. Wie schön wäre es, einmal selbst den Eiffelturm zu besteigen, an den Pyramiden von Gizeh in der Sonne zu braten oder den Kreml zu besichtigen? Das alles kann man mit dem nötigen Kleingeld machen, zumindest, wenn einen gerade keine Pandemie einsperrt. Anders ist es mit den Motiven von Karten aus einem untergegangenen Land.

Als ich den Band »Karten zur Ostmoderne« von Ben Kaden durchgeblättert hatte, befiel mich auf der letzten Seite Melancholie. Dort ist das mittlerweile abgerissene Institut für Lehrerbildung in Potsdam zu sehen. Der dreigeschossige, mehrere hundert Meter langgezogene Montagebau mit drei Innenhöfen bot u. a. eine Sporthalle und eine Mensa, in den Erdgeschossen Kleingewerbe für »Eleganten Chic«. Ein großzügig gestalteter Platz lud zum Verweilen ein. Die Fassade blitzt im Sonnenschein. Ob das Kollektiv um Sepp Weber an Mies van der Rohe dachte, als sie den Bau und den Platz planten, wie der Kunsthistoriker Christian Klusemann meint?

Als gebürtiger Potsdamer kenne ich diesen Ort auf der Karte nicht. In den 90er Jahren blätterte die Fassade, die kleinen Geschäfte waren verschwunden, die Gehwegplatten zerbrochen. Jetzt saß erst recht niemand mehr hier. Die »Notdurftarchitektur«, wie das zugezogene Abrisskommando spottete, verfiel, wurde hin und wieder geflickt und musste letztlich dem kulturellen Bildersturm weichen.

Das Lehrerinstitut ans Ende der Dutzend Ansichtskarten mit Motiven der DDR-Baukultur zu setzen, ist sinnvoll. Von Warnemünde bis Chemnitz, von Parey (Elbe) bis Cottbus reicht die Palette. Immer werden Orte gezeigt, die es in dieser Form nicht mehr gibt, vielleicht auch so nie gab. Denn Ansichtskarten leben von Idealisierungen. Die Neubaublöcke, die Kunstwerke im Wohnviertel, die Hochhäuser und das Nichtraucherzimmer im FDGB-Erholungsheim »Paul Gruner« in Reichenbach werden dabei immer von Notizen begleitet, die die Stimmung des Betrachters und die Hintergründe der Motive und Karten anreißen. Die Karten böten auch »Zugänge zu vielfältigen Linien der Sozial-, Kultur- und Architekturgeschichte der DDR, teils auch der Fotografiegeschichte«, so Kaden.

Auf den Karten wurde allerhand mitgeteilt. Auf der Rückseite einer, die vorn das Cottbusser Konsument-Warenhaus zeigt, wurde Günther darüber informiert, dass die kleine Diana mit Racheninfekt und Fieber im Bett liegt – und natürlich nicht schlafen will. Auffällig ist, dass häufig Menschen auf den Karten auftauchen, aber immer nur beiläufig. »Wenn ein Passant die Stadtlandschaft belebt«, schreibt Kaden, »dann gewöhnlich wie zufällig, eilig auf seinem Weg, ohne den Fotografen zu beachten.« Eine Erklärung für das Phänomen liefert er nicht. Das macht jedoch den Reiz der präsentierten Karten aus, die aus einer Sammlung stammen, in die Kaden in den einschlägigen sozialen Medien noch mehr Einblicke liefert.

Ben Kaden: Karten zur Ostmoderne. DDR-Philokartie 1, Sphere Publishers, Leipzig 2020, 46 Seiten, 12 Euro

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