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Aus: Ausgabe vom 02.12.2020, Seite 12 / Thema
Rohstoff und Imperialismus

Mit Blut und Eisen zum Gummi

Bis heute ein »kritischer Rohstoff« und für die Automobilindustrie unverzichtbar. Zur Kolonialgeschichte des Kautschuks
Von Gertrud Rettenmaier
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Zähe Tätigkeit. Arbeiter auf der weltweit größten Kautschukplantage des Reifenherstellers Firestone (Bridgestone) in Liberia (Aufnahme von 1966)

Auf ihrer »Liste der kritischen Rohstoffe« führt die Europäische Union als einziges organisches Material den Kautschuk auf. Der Europäische Verband der Reifen- und Gummiindustrie erklärt, warum: »Naturkautschuk gilt als wichtiger Rohstoff für die europäische Reifen- und Gummiindustrie und ist Schlüsselfaktor für verschiedene Industriezweige – insbesondere die Automobilindustrie. Allein die Reifenindustrie benötigt etwa 76 Prozent des gesamten weltweit produzierten Naturkautschuks. Aktuell gibt es keinen Ersatz für den Kautschuk aus Heveabäumen, der in allen gegenwärtigen Anwendungen eingesetzt werden könnte.« Der Wirtschaftsverband Deutsche Kautschukindustrie betonte im April 2020: »Mobilität und wirtschaftlicher Fortschritt sind undenkbar ohne Kautschukprodukte − und die höchste Qualität bieten die deutschen Hersteller.« Der Jahresumsatz 2019 der deutschen Kautschukindustrie mit ihren 73.000 Beschäftigten betrug elf Milliarden Euro.

Verschiedene tropische Pflanzen wurden im Zuge der Industrialisierung zur Kautschukgewinnung genutzt, in der Plantagenwirtschaft setzte sich jedoch der Heveabaum aus der Amazonasregion durch. Zur Gewinnung des Naturrohstoffs wird der Saft aus der angeschnittenen Rinde in kleinen Behältern aufgefangen. Verschiedene Verfahren machen ihn transport- und lagerfähig. Zur Verarbeitung gelangt der Naturkautschuk überwiegend im industrialisierten Norden. Es besteht also eine klassische koloniale Verbindung, deren Geschichte überaus aufschlussreich ist.

Die Entstehung einer Industrie

Seit dem 17. Jahrhundert gab es in Europa Berichte über Spiele mit elastischen Bällen in Mittelamerika und über wasserdichte Schuhe, die Bewohner des Amazonasgebiets aus einem Baumsaft fertigten. Auch der Name des geheimnisvollen Werkstoffs Cao utsche – Träne des Baumes – kam aus dem südamerikanischen Quechua nach Europa und verwandelte sich über das Spanische und Französische in »Kautschuk«.

Getrockneter Kautschuk wurde zunächst in kleinen Mengen in den Schiffsladungen aus der Neuen Welt nach Europa gebracht. Ab 1770 wurden kleine Würfel als Radiergummis verkauft. 1823 kamen in England mit einer Kautschuk-Benzol-Lösung beschichtete Macintosh-Regenmäntel auf den Markt. Diese verkauften sich jedoch nicht gut, da sie bei Hitze klebrig und bei Kälte steif wurden. Für dieses Problem fand 1839 Charles Goodyear in den USA mit der sogenannten Vulkanisierung die Lösung. Er fand heraus, dass Kautschuk durch die Beimischung von Schwefel temperaturbeständig wird und dass je nach Schwefelmenge aus Kautschuk Hartgummi oder aber elastischer Weichgummi hergestellt werden kann. Für die Zerkleinerung, Mischung und Walzung zu glatten, gleichmäßigen Materialien wurden Maschinen wie der Kalander entwickelt. Damit waren die Voraussetzungen für eine industrielle Verarbeitung des ersten formbaren Materials geschaffen, das nun auch als Gummi bezeichnet wurde.¹

Ab den 1850er Jahren entstanden die ersten Gummifabriken, auch in Deutschland. 1856 begannen die Phoenix Gummiwerke in Hamburg-Harburg, ab 1860 ein Werk der französischen Hutchinson in Mannheim mit der Herstellung wasserdichter Schuhe. Es folgten zahlreiche andere in ganz Deutschland. 1895 wurden in Deutschland 339 Gummifabriken mit 12.500 Beschäftigten, darunter 45 Großbetriebe mit mehr als 50 Beschäftigten, gezählt. Sie produzierten ein breites Sortiment von Waren, das von Kämmen über wasserdichte Textilien, Schläuche, Riemen, Bänder, Rohre, medizinische Artikel, Babysauger, Milchpumpen und Kondome bis zu Isolierungen und Dichtungen reichte.

In den darauffolgenden Jahren erfuhr die Gummiindustrie jedoch durch die entstehende Produktion von Luftreifen für Straßenfahrzeuge noch eine weitaus dynamischere Entwicklung. 1907 arbeiteten bereits 32.000 Personen in der Gummiindustrie, 1912 wurden in Deutschland 15 Millionen Fahrradreifen hergestellt, daneben Reifen für Motorräder und Autos. In einer Jubiläumsveröffentlichung von Continental aus dem Jahr 1955 wird berichtet, dass zwischen 1905 und 1909 die 36 Aktiengesellschaften der deutschen Gummiindustrie durchschnittliche Renditen von 6,9 Prozent verzeichneten und gemittelt Dividenden von 15 Prozent auszahlten.² Die Arbeiter dagegen lebten überwiegend in Armut. Ihr Alltag war durch beengte Wohnverhältnisse, häufige gesundheitliche Probleme und die Sorge um die notwendigsten Dinge belastet. Das große Arbeitskräfteangebot einer wachsenden Bevölkerung ermöglichte den Produktionsbetrieben bis zum Erstarken der Arbeiterbewegung, ihren Arbeitskräften nur so viel zu bezahlen, wie sie für das tägliche Überleben brauchten. Für den größten Teil der Arbeit in den Gummifabriken wurden ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt, in der Mehrzahl Frauen. Sie erhielten 1900 bei einer Sechstagewoche und 11 Arbeitsstunden pro Tag einen Lohn von 35 Mark pro Monat. Der durchschnittliche Monatslohn von Industriearbeitern betrug zu jener Zeit 63 Mark, männliche Chemiefacharbeiter verdienten bis zu 120 Mark im Monat.

In einem Teil der kautschukverarbeitenden Industrie, der sogenannten Patentgummiindustrie, wo besonders dünnschichtige Produkte wie Kondome, medizinische Handschuhe oder gummibeschichtete Textilien hergestellt wurden, mussten die Arbeiterinnen die Produkte in Schüsseln mit einer Schwefelkohlenstofflösung eintauchen. Bei dieser sogenannten Kaltvulkanisierung zogen sich die Arbeitskräfte schwere Vergiftungen zu.³

Die wachsende Zahl von Anwendungsgebieten verursachte ab den 1890er Jahren eine rasante Nachfrage nach Kautschuk und damit einhergehende Preissteigerungen. Unter Kaufleuten brach eine fieberhafte Suche nach dem »schwarzen Gold« der Tropen aus. Johann Feichtner, der 1897 von Hamburg aus in die Dienste bolivianischer Kautschukfirmen trat, stellte die Situation rückblickend wie folgt dar: »Das Wörtchen Gummi war damals faszinierend, alles war verrückt auf das elastische Produkt, von dem das ganze riesige Amazonastal lebte und das für Peru, Bolivien und Brasilien ungeheure Ausgangszölle abwarf.« Handelsfirmen aus den Industriestaaten drangen tief in die Amazonaswälder der genannten Länder ein, bauten ein Netz von Faktoreien und Wegen auf und brachten die einheimische Bevölkerung mit verlockenden Tauschwaren, aber auch mit Zwangsmaßnahmen und Rum dazu, von den wildwachsenden Bäumen Gummi zu zapfen und abzuliefern. Feichtner erinnerten die Konkurrenz der Kautschukfirmen, der »Indianerfang« und die Zwangsarbeit an »mittelalterliches Faustrecht und Raubrittertum«.⁴

Raubbau in den Kolonien

Obwohl der größte Teil des in Europa nachgefragten Kautschuks aus Südamerika importiert wurde, erfasste der Kautschukboom auch die Kolonien in Afrika. 1884 hatten sich alle europäischen Staaten, das Osmanische Reich und die USA über ihre Zugriffsrechte auf die Gebiete Afrikas verständigt. Sie beanspruchten die Ausbeutung ihrer Kolonien ohne Rücksicht auf deren Bewohner. Europäische Forschungsexpeditionen berichteten von einem reichen Vorkommen an Kautschuk liefernden Bäumen und Lianen in den Wäldern, was die Aktivitäten von Kaufleuten befeuerte. Bei der afrikanischen Bevölkerung war die Nutzung von Kautschuk bis dahin nicht bekannt, sie wurde zum Zapfen angeleitet. Aus der »Privatkolonie« Kongo drangen schon früh Berichte über brutale Zwangsmaßnahmen des belgischen Königs, um der Bevölkerung die Lieferung von Kautschuk abzuringen. Ähnliches geschah in allen Kolonien der tropischen Breiten. Am Beispiel Kamerun lässt sich veranschaulichen, wie während der deutschen Kolonialzeit – befeuert durch den Kautschukrausch – die Bevölkerung zur Arbeit gezwungen und die vorhandenen Wirtschafts- und Sozialstrukturen zerstört wurden.

Seit den 1860er Jahren waren an der Küste Kameruns die beiden Hamburger Handelsfirmen Woermann sowie Jantzen und Thormälen aktiv. Sie erwarben von afrikanischen Zwischenhändlern zunächst Waren wie Elfenbein und Palmöl, ab den 1890er Jahren mehr und mehr Kautschuk. 1884 drängten sie auf eine militärische Unterstützung durch das Kaiserreich, um ins Landesinnere Kameruns vorstoßen zu können: »Für die Ausbeutung des noch unerschlossenen großen und volkreichen Hinterlandes ist es von allergrößter Wichtigkeit, in unmittelbaren Verkehr mit den Bewohnern desselben zu treten, um den hindernden und kostspieligen Zwischenhandel zu beseitigen«, erklärte Thormälen 1884.⁵ Das trug zur Entscheidung Bismarcks bei, sich mit den anderen imperialistischen Mächten über Einflussgebiete in Afrika zu verständigen und 1884 die deutschen Kolonien zu gründen. Zur Eroberung des Hinterlandes stellte das Deutsche Reich 1891 zunächst eine Polizeitruppe auf, die mit in Dahomey, dem heutigen Benin, gekauften Sklaven verstärkt wurde. 1895 wurde diese zur kolonialen »Schutztruppe« – gemeint war der Schutz der Kaufleute – ausgebaut.⁶

Die Truppe kam ihrer Aufgabe, Zugangswege zu erobern und die einheimische Bevölkerung zur Unterwerfung zu zwingen, mit brutaler Gewalt nach. Militärberichte schildern, wie Dörfer niedergebrannt, Pflanzungen vernichtet, Menschen erschossen, ausgepeitscht, vertrieben oder gefangengenommen, Frauen und Kinder als Geiseln eingesetzt wurden.⁷ Angesichts der Gewaltmaßnahmen unterwarfen sich einzelne Dörfer, andere leisteten erbitterten Widerstand. Aufstände wurden systematisch niedergeschlagen. Waren Dörfer schließlich besiegt, wurden die Dorfältesten zu Strafzahlungen, z. B. in Form abzuliefernder Kautschukmengen, oder zur Stellung von Zwangsarbeitern verpflichtet.⁸ Ein wachsender Beamtenapparat unterwarf die Bevölkerung einem Zwangs- und Kontrollsystem, Auspeitschungen mit der Nilpferdpeitsche waren keine Seltenheit. 1908 führte der amtierende Gouverneur Theodor Seitz eine Steuer für jeden erwachsenen Mann in Höhe von 30 Arbeitstagen im Jahr ein. Wer das nicht ableistete, musste drei Monate Zwangsarbeit verrichten.

Die Handelsfirmen drangen Schritt für Schritt ins Landesinnere vor und errichteten Faktoreien für den Zwischenhandel. Die Motivierung zum Zapfen und Abliefern von Kautschuk fand zunächst, ähnlich wie in Südamerika, mit der Methode des sogenannte Trusthandels, des Warenkredits auf Zeit, statt. Europäische Waren oder auch internationale Handelsgüter wurden wie Geschenke dargeboten und bei Interesse gegen künftig zu erbringende Arbeit bzw. abzuliefernde Kautschukmengen eingetauscht. Ein Päckchen Zündhölzer, Salz, ein Stück glänzender Stoff oder ein Messer weckten großes Interesse. Wer solche Dinge besaß, konnte sich in der eigenen Gemeinschaft besonderes Ansehen verschaffen. Die Tauschverhältnisse waren jedoch asymmetrisch: Billige Importwaren wurden gegen ein hohes Arbeitspensum getauscht, z. B. 1906 sechs Kilogramm Kautschuk, d. h. etwa 30 Tage Arbeit, für ein Buschmesser. In aller Regel gerieten die Menschen in eine Schuldknechtschaft, aus der sie sich lange Zeit nicht mehr befreien konnten. Auch Branntwein wurde ausgegeben und entstehende Alkoholsucht ausgenutzt.

Albert Wirz beschreibt, wie der Kautschukhandel die bisherige Gesellschaftsordnung zersetzte. Vor dem Eindringen der europäischen Händler hatten afrikanische Händler an Dorfälteste – im Austausch gegen Sklaven, Elfenbein oder Kolanüsse – Luxusgüter wie Salz, Perlen, Stoffe oder Waffen verkauft, die in den Dorfeinheiten nach festen Regeln, z. B. bei Heiraten, vergeben wurden. Die Kautschukextraktion eröffnete nun auch Einzelpersonen den Zugang zu Prestigegütern, denn jeder konnte sich auf die Suche nach dem begehrten Sammelgut machen. Das hatte gravierende Folgen: Weil ein großer Teil der Bevölkerung zum Anhängsel des Kautschukgeschäfts geworden war, brach die Selbstversorgung in vielen Dörfern zusammen. Die Einführung von Lohnarbeit und Geld erschütterte den solidarischen Zusammenhalt der Gemeinschaften. Neue Konflikte um Ansehen und Autorität entstanden, die sich die Kolonialmacht zunutze machte.

Gummisyndikate

Eine ganze Reihe von Kautschukfirmen war in Südkamerun aktiv. Zudem vergab die Reichsregierung 1898 nach dem Vorbild des belgischen Kongo ein Gebiet in der Größe Bayerns als »herrenloses Land« zur Erschließung und Nutzung an die private Gesellschaft Südkamerun (GSK), die von deutschen Banken und Hamburger Kaufleuten getragen wurde. Der Initiator Julius Scharlach, ein Hamburger Rechtsanwalt, plädierte für die Ausbeutung der Bevölkerung Afrikas: »Die Verschiedenheit der Rasse ist entscheidend. Der Neger ist seiner Natur nach ein Sklave, wie der Europäer seiner Natur nach ein Freier ist.«⁹

Die GSK nutzte die Unterstützung durch die Kolonialarmee, wandte aber auch eigene Methoden an, um Arbeitskräfte zu mobilisieren. Mit der Ausdehnung des Kautschukhandels konnten über den Trusthandel nicht mehr genügend Arbeitskräfte gewonnen werden. Das galt insbesondere für die Rekrutierung von Trägern, die den Kautschuk auf ihrem Rücken bis zur Küste bringen sollten. Anstatt Forderungen nach einer bessere Entlohnung nachzugeben, übte die GSK Gewalt aus. So berichtete ein Agent der Konzessionsgesellschaft Kamerun-Süd 1906: »Um die Leute zu Trägerdiensten oder zum Gummischneiden zu zwingen, lässt man von seinen Arbeitern ein Dorf überfallen. Die Bewohner werden gefangengenommen, gefesselt und zur Arbeit gezwungen«.¹⁰ Bei Laune gehalten wurden die Träger häufig mit Alkohol.

Um die Verkaufspreise innerhalb Kameruns bei zwei bis drei Mark zu halten, schloss sich die GSK mit den kleineren Kautschukfirmen 1909 in einem Gummisyndikat zusammen. Der Weltmarktpreis pro Kilo lag 1910 bei zehn bis zwölf Mark.¹¹ Die Situation eskalierte. Gouverneur Theodor Seitz stellte die Situation im Rückblick wie folgt dar: »Die Kautschukhausse (…) hatte im ganzen Süden eine wilde Jagd auf Kautschuk hervorgerufen. Die ganze arbeitsfähige Bevölkerung war in Aufruhr geraten. Die Dörfer waren leer. Was nicht in den Wäldern Gummi zapfte, war als Träger von und nach der Küste unterwegs. Trotzdem wurde dauernd über Mangel an Trägern geklagt. Weit im Inneren, in Gegenden, die vor wenigen Jahren noch gänzlich unbekannt gewesen waren, wurden Faktoreien errichtet, deren einziges Geschäft der Einkauf von Gummi war.« Es kam zu Hungersnöten und Epidemien. Über die Belastung der Träger berichtete das Bezirksamt Kribi in Südkamerun, dass Männer bis 52 Kilogramm, Frauen bis 44 Kilogramm und Kinder bis 20 Kilogramm schwere Lasten tragen mussten, teilweise auf Strecken, für die sie mehrere Wochen benötigten. Die Bewohner der Dörfer an der Wegstrecke konnten die Tausenden von Trägern nicht ernähren und verließen angesichts des Verpflegungsdrucks ihre Siedlungen.

In Anbetracht dieser Situation verfügte die Berliner Kolonialabteilung eine »negererhaltende Politik«, da Arbeitskräfte nun als »das wichtigste Aktivum« der Kolonialwirtschaft erkannt wurden. Die Kolonialregierung versuchte mit mäßigem Erfolg, regulierend einzugreifen, u. a. mit einer Trägerordnung und der Zwangsansiedlung von Verpflegungsdörfern an der Wegstrecke.

Verfall der Preise

Durch die kontinuierliche Ausweitung der Ausbeutungsgebiete und das Auspressen der Bevölkerung gelang es den Kameruner Kautschukfirmen bis 1913, die Exportmengen zu steigern. Dann jedoch war die Sammlung von Wildkautschuk schlagartig nicht mehr lukrativ, denn die Weltmarktpreise stürzten durch ein großes Angebot an billigerem Plantagenkautschuk aus britischen Kolonien in Süd- und Südostasien ab. Nach und nach hatte das britische Kolonialreich aus 1876 illegal aus Brasilien importierten Samen südamerikanischer Heveapflanzen großflächige Kautschukplantagen angelegt. In Kamerun stellten die Firmen nach kurzer Zeit ihr Geschäft ein und zogen ihre 280 europäischen Angestellten ab. Mit dem Polster ihrer Gewinne aus der Zeit der Kaukschukhausse konnten sie sich neuen Handelsbereichen zuwenden. Über die Lage der einheimischen Arbeitskräfte und Zwischenhändler gibt es keine Berichte, die bis nach Deutschland drangen.

Die britische Dominanz auf dem Weltkautschukmarkt veranlasste in den 1920er Jahren Vertreter der schnell wachsenden amerikanischen Auto- und Reifenindustrie, selbst Plantagen zu gründen. Der Reifenhersteller Firestone pachtete dafür 1926 in Liberia Land. Bis heute betreibt der Konzern – heute unter dem Namen Bridgestone – dort die größte zusammenhängende und industriell bewirtschaftete Kautschukfarm der Welt mit einer Fläche von knapp 520 Quadratkilometern. Ein Versuch von Henry Ford, auf einem riesigen Landgebiet im brasilianischen Amazonaswald eine Plantage anzulegen, wurde aufgrund von Pflanzenkrankheiten aufgegeben.

Heute kommen 90 Prozent des weltweit produzierten Naturkautschuks aus Asien. Die größten Produzenten sind Thailand und Indonesien. Neue Pflanzungen erfolgten u. a. in China, Kambodscha, Panama und in afrikanischen Ländern. Für die Anlage von Plantagen wurde und wird Regenwald vernichtet, wurden und werden Menschen von ihrem Land vertrieben. Von industriell bewirtschafteten Plantagen, z. B. in Liberia, sind Menschenrechtsverletzungen bekannt. Oft werden Tagelöhner ohne Arbeitsverträge beschäftigt, die in sehr armen Regionen angeworben werden. Es werden Löhne bezahlt, die keine Existenz sichern, womit Mehrarbeit erzwungen wird. Pestizide müssen ohne Schutzkleidung ausgebracht werden.¹²

85 Prozent der Weltproduktion an Kautschuk kommen allerdings aus kleinbäuerlichen Betrieben, die Kautschuk in Mono- oder Mischkultur anbauen. Die Familienbetriebe unterliegen jedoch denselben Weltmarktpreisen wie große Plantagen und sind zusätzlich von einem lokalen Handelsnetz abhängig. Weil Kautschukbäume mindestens fünf Jahre brauchen, bis sie angezapft werden können und dann für einen guten Ertrag etwa 25 Jahre lang genutzt werden können, sind die Familien lange Zeit an ihre Investitionsentscheidung gebunden, auch wenn die Preise fallen. Eine Fallstudie des Südwind-Instituts zum Kautschukanbau in Familienbetrieben in Indonesien zeigt auf, dass Familien einschließlich der Kinder zu überlangen Arbeitszeiten gezwungen sind, um sich ernähren zu können. Das Einkommen reicht oft nicht aus für die Pflege der Bäume, geschweige denn für die Bildung der Kinder.¹³

IG Farben

Deutschland war in beiden Weltkriegen fast vollständig von der Kautschukversorgung abgeschnitten. Während des Ersten Weltkriegs wurde Kautschuk für Fahrzeugreifen, Luftschiffe, U-Boote und Gasmasken militärisch relevant und durch Beschlagnahmung der Bestände und Nutzung von Altgummiregenerat gedeckt. Die Produktion künstlicher Kautschuke wurde unter Hochdruck gefördert.

In den 1930er Jahren entwickelte die IG Farben AG die Produktion von Styrol-Butadien-Kautschuk, kurz Buna, der Naturkautschuk teilweise ersetzen konnte. Um die Marine, die Luftwaffe und die Fahrzeuge des Heers versorgen zu können, wurden Naturkautschuk und Buna der staatlichen Rohstoffbewirtschaftung unterstellt. Auf Drängen der Wehrmacht vergrößerte die IG Farben ihre Anlagen in Schkopau, eröffnete ein weiteres Werk in Hüls und begann 1939 mit der Massenproduktion des kriegswichtigen Synthesekautschuks. In enger Zusammenarbeit mit der SS begann der Konzern im April 1941, in Auschwitz-Monowitz ein neues großes Werk zu errichten. Tausende KZ-Häftlinge sowie Kriegsgefangene wurden auf dieser Baustelle eingesetzt. Im Oktober 1942 eröffnete die IG Farben in unmittelbarer Nähe zu ihrem Firmengelände das »Lager Buna«, ihr eigenes Konzentrationslager, später auch Auschwitz III genannt. Tausende Häftlinge kamen durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf der Baustelle zu Tode oder wurden in den Gaskammern in Auschwitz-Birkenau ermordet, sobald sie nicht mehr arbeitsfähig waren.¹⁴ Auch die Reifenindustrie wurde der Kriegswirtschaft unterstellt und stellte mehr und mehr auf die Verarbeitung von Buna um. Eine aktuelle Veröffentlichung von Continental, schon damals der größte deutsche Reifenhersteller, legt den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen offen.¹⁵ Nach 1945 verlor die äußerst energieintensive Buna-Herstellung an Bedeutung. Seitdem wurden auf der Basis von Erdöl diverse Kunstkautschuke mit speziellen Eigenschaften entwickelt.

Aktuelle Situation

2019 wurden weltweit 13,4 Millionen Tonnen Naturkautschuk auf dem Weltmarkt gehandelt. Das ist mehr als 13.000mal so viel wie 1912. Hinzu kommen fast 15 Millionen Tonnen spezielle Kunstkautschuke, die auf der Basis von Erdöl hergestellt werden. In Deutschland arbeiteten 73.000 Personen 2019 in der gummiverarbeitenden Industrie, wobei arbeitsintensive Produktionsbereiche in Länder mit niedrigerem Lohnniveau ausgelagert sind.

Die Produktpalette reicht von reinen Naturkautschukprodukten bis zu Spezialprodukten aus künstlichen Polymeren. Dominierend ist die Reifenherstellung, bei der drei Viertel des Naturkautschuks und der größte Teil des Kunstkautschuks verbraucht und zu einem Verbundmaterial verarbeitet werden. Dessen Recycling ist nur sehr eingeschränkt möglich. Gummigranulat kann nach Auskunft des Umweltbundesamts »aufgrund bestehender Qualitätsanforderungen (…) bei der Herstellung von Neureifen nur in geringem Umfang« verwendet werden. Es kommt statt dessen in Kunstrasenfüllungen oder Gummimatten zum Einsatz. Die Situation in den Herstellungsländern von Naturkautschuk könnte durch ein Lieferkettengesetz verbessert werden, das Firmen zu Transparenz über ihre Lieferketten und die Arbeitsbedingungen der Erzeuger verpflichtet. Dazu müsste zunächst Druck auf die großen Reifenhersteller ausgeübt werden.

Die Krise der Automobilindustrie betrifft auch die gummiverarbeitende Industrie. Wie der Wirtschaftsverband Deutsche Kautschukindustrie berichtete, ging bereits 2019 der Branchenumsatz um 4,2 Prozent zurück. 2020 machte Continental mit der Schließung des Reifenwerks in Aachen und dem Stellenabbau an anderen Standorten Schlagzeilen. In seiner »Mobilitätsstudie« von 2020 stellte Continental aber fest: »Der Individualverkehr auf Basis des Autos ist im Alltag der meisten Menschen fest verankert und wird es wohl noch lang bleiben.«

Anmerkungen

1 Jürgen Ellermeyer: Gib Gummi: Kautschukindustrie und Hamburg, Bremen 2006

2 Wilhelm Treue: Gummi in Deutschland, Hg. im Auftrag der Continental Gummi-Werke AG Hannover, München 1955

3 Rudolf Laudenheimer: Die Schwefelkohlenstoffvergiftung der Gummiarbeiter, Leipzig 1899

4 Josef Maria Feichtner: Zwischen Gummizapfern und Kautschukbaronen. Erinnerungen an 18 Jahre im Kautschukhandel in Amazonien, 1897–1915, São Paulo 2013

5 Heiko Möhle (Hg.): Branntwein, Bibeln und Bananen, 5. Aufl., Hamburg/Berlin 2017

6 Karin Hausen: Deutsche Kolonialherrschaft in Afrika. Wirtschaftsinteressen und Kolonialverwaltung in Kamerun vor 1914, Freiburg 1970

7 Vgl. Hans Dominik: Kamerun – Sechs Kriegs- und Friedensjahre in Deutschen Tropen, 2. Aufl., Berlin 1911

8 Helmuth Stoecker (Hg.): Kamerun unter deutscher Kolonialherrschaft, Bd. 2. Berlin (Ost) 1968

9 Zit. nach.: Möhle, Branntwein, Bibeln und Bananen, a. a. O.

10 Ebd.

11 Albert Wirz: Vom Sklavenhandel zum kolonialen Handel, Zürich und Freiburg 1972

12 Südwind e. V./Martin Haustermann/Irene Knoke: Naturkautschuk in der Lieferkette, 2019

13 Südwind e. V./Sahabat Cibta: Probleme beim Anbau von Naturkautschuk, Fallstudie Indonesien, 2018

14 https://www.fritz-bauer-institut.de/ausstellungen/die-ig-farben-und-das-konzentrationslager-buna-monowitz/

15 Paul Erker: Zulieferer für Hitlers Krieg, Oldenburg/Berlin 2020

Gertrud Rettenmaier forscht zur Kolonialgeschichte am Beispiel von Rohstoffen und herausragenden Personen der deutschen Kolonialherrschaft. In Kooperation mit dem Verein Rhein-Neckar-Industriekultur, dem Arbeitskreis Kolonialgeschichte Mannheim und dem Mannheimer Bündnis für gerechten Welthandel arbeitet sie die kolonialistische Verflechtungen der Wirtschaft Mannheims und der Rhein-Neckar-Region auf.

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