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Aus: Ausgabe vom 01.12.2020, Seite 12 / Thema
Welt-AIDS-Tag

Krank durch Ausgrenzung

Coronabedingt fallen viele Aktivitäten zum Welt-AIDS-Tag aus, die Forderungen nach Solidarität, Zugang zu Gesundheitsversorgung, insbesondere zu Medikamenten und Impfstoffen bleiben höchst aktuell
Von Markus Bernhardt
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Je ärmer die Gesellschaft, desto größer ist die Bedrohung durch AIDS. Mit einer Wandmalerei ruft ein junger Mann im Kibera-Slum in Nairobi zur Vermeidung von Infektionen auf (1.12.2016)

Anlässlich des heutigen Welt-AIDS-Tages fänden normalerweise in allen größeren bundesdeutschen Städten Aktionen statt, in deren Rahmen zur Solidarität mit HIV-Infizierten und mit an AIDS Erkrankten aufgerufen und an die Verstorbenen erinnert würde. Doch unter den derzeitigen Coronabedingungen fallen in diesem Jahr die meisten traditionellen Aktivitäten, die ansonsten mehrheitlich von den lokalen AIDS-Hilfen organisiert worden waren, aus.

Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die Deutsche AIDS-Stiftung und die Deutsche Aidshilfe (DAH) am Freitag anlässlich des diesjährigen Welt-AIDS-Tages gemeinsam erklärten, seien die wichtigsten Ziele aktuell »ein diskriminierungsfreier Umgang und Zugang zu medizinischer Versorgung für alle Menschen weltweit«, weshalb man auch in diesem Jahr zu einem »Miteinander ohne Vorurteile und Ausgrenzung« aufrufe.

Zahl an Neuinfektionen konstant

Bereits am Donnerstag hatte das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem Epidemiologischen Bulletin eine umfassende Darstellung der HIV/AIDS-Situation in Deutschland veröffentlicht. Den Schätzungen des RKI zufolge haben sich 2019 etwa 2.600 Personen in Deutschland mit dem Humanen Immundefizienz-Virus infiziert. 2018 waren es rund 2.500 Neuinfektionen. Die Zahl der Todesfälle beziffert das RKI für das vergangene Jahr auf 380. Damit ist die Zahl der mit HIV infizierten Menschen in Deutschland bis Ende 2019 auf mutmaßlich 90.700 angestiegen. Laut den Schätzungen des RKI wüssten jedoch knapp 10.800 Betroffene von ihnen noch nichts von ihrer HIV-Infektion, da diese noch nicht diagnostiziert sei. Dies stellt gleich mehrere Probleme dar: So kann ein Mensch, der nichts von seiner Infektion weiß, das Virus unbeabsichtigt weitergeben. Zudem ist die Sterblichkeit bei Spätdiagnosen höher. Auch ist das HI-Virus unter einer medizinischen Therapie nicht übertragbar.

Betroffen von HIV sind noch immer mehrheitlich Männern, die Sex mit Männern haben. Die Zahl von deren HIV-Neuinfektionen sind im Vergleich zum Vorjahr konstant geblieben und beträgt etwa 1.600. Beim Gebrauch intravenöser Drogen haben sich laut RKI 2019 etwa 360 Menschen mit HIV infiziert. Rund 650 Menschen haben sich in Deutschland über heterosexuellen Geschlechtsverkehr mit HIV infiziert. Ähnlich wie bei den Drogengebraucherinnen und -gebrauchern gebe es auch in dieser Gruppe »auf niedrigem Niveau einen Anstieg«.

Explizit wies das RKI am Donnerstag darauf hin, dass die neu veröffentlichten Zahlen »nicht direkt mit früher publizierten Schätzungen verglichen werden« könnten. »Die geschätzten Neuinfektionen sind nicht zu verwechseln mit den beim RKI gemeldeten Neudiagnosen. Da HIV über viele Jahre keine auffälligen Beschwerden verursacht, kann der Infektionszeitpunkt länger zurückliegen«, erläuterte das Institut in seiner Veröffentlichung.

Dass der Kampf gegen die Immunschwäche, die ihren Schrecken weitgehend verloren hat, noch immer nicht gewonnen ist, betonte am Donnerstag auch Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. Der »leichte Anstieg der Infektionszahlen« zeige, »dass weitere Anstrengungen notwendig sind, insbesondere um die Testangebote zu verbessern und den Zugang zur Therapie für alle in Deutschland mit HIV lebenden Menschen zu gewährleisten«, betonte er in Berlin. In der Gesamtschau der vergangenen Jahre zeige sich aber, dass der Ausbau von zielgruppenspezifischen Testangeboten und ein früherer Behandlungsbeginn Erfolge gebracht hätten, unterstrich er. »Insbesondere ist in den vergangenen Jahren bei der wichtigsten Betroffenengruppe – Männer, die Sex mit Männern haben – die Zahl der Neuinfektionen deutlich gesunken«, so der RKI-Präsident weiter.

Dies liegt zum einen an der erfolgreichen zielgruppenspezifischen Ansprache der verschiedenen Gruppen, die maßgeblich von HIV bedroht sind, zum anderen jedoch auch an immer wirksameren Therapieangeboten. So sei der Anteil von Menschen mit einer HIV-Diagnose, die eine antiretrovirale Behandlung erhalten, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und liege inzwischen bei 96 Prozent, wie das RKI bekanntgab. Bei fast allen Behandelten sei die Behandlung erfolgreich, so dass sie nicht mehr infektiös seien.

Medizinische Fortschritte

Während eine Infektion mit dem HI-Virus zu Beginn der Pandemie in den 1980er Jahren noch als sicheres Todesurteil galt, endet eine Infektion mit dem HI-Virus heutzutage tatsächlich keineswegs mehr zwangsläufig mit dem Ausbruch der Immunschwächekrankheit AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) und einem damit einhergehenden verfrühten Tod.

Die Mehrheit der Experten im Bereich HIV und AIDS setzt daher mittlerweile nicht mehr nur auf den Gebrauch von Kondomen, sondern auch auf den Schutz durch eine erfolgreiche HIV-Therapie und den Schutz, den die Einnahme der »Prä-Expositions-Prophylaxe«, (PrEP) bietet. Bei letztgenannter Methode nehmen HIV-negative Menschen entweder täglich oder vor und nach sexuellen Kontakten »anlassbezogen« prophylaktisch ein HIV-Medikament ein, um sich vor einer Ansteckung mit dem Virus zu schützen. Im Gegensatz zum Gebrauch von Kondomen schützen die PrEP-Medikamente jedoch nicht vor Infektionen wie Hepatitis, Syphilis oder vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Laut RKI stehe mit der PrEP »ein zusätzliches Instrument zur Verhinderung von HIV-Neuinfektionen zur Verfügung«, dessen Kosten seit September 2019 »für Menschen mit substantiellem HIV-Risiko« durch die gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird. Inwiefern sich die Kostenübernahme über den individuellen Nutzen hinaus auch auf die epidemiologische Entwicklung in der Bevölkerung auswirkt, werde derzeit in einem vom RKI geleiteten Forschungsverbund eingehender evaluiert, informierte das Institut.

Positiv beurteilt auch die Deutsche Aidshilfe die Entwicklungen im Bereich von Medizin und Forschung. So habe sich das Leben mit HIV verändert. »Wirksame medikamentöse Therapien erlauben ein ganz ›normales‹ Leben, sie führen sogar durch die Unterdrückung der Virenproduktion im Körper dazu, dass HIV nicht mehr übertragbar ist«, sagte Dirk Sander, Sozialwissenschaftler und Referent für den Bereich »Schwule und bisexuelle Männer« bei der DAH, am Freitag auf jW-Anfrage. Leider habe sich dieses Wissen jedoch »noch nicht so durchgesetzt, wie es zu wünschen wäre«. HIV-positive Menschen erlebten weiterhin Ausgrenzung; sei es in ärztlichen Allgemeinpraxen, aber auch in der privaten zwischenmenschlichen Interaktion, in der Sexualität. »Dabei wären sie doch die idealen Sexpartner für alle, die sich nicht selber zum Beispiel mit Kondomen beim Sex schützen können oder wollen«, so Sander weiter. »Eine Übertragung ist unter Therapie nicht möglich! Viele Infektionsängste kann man als irrational beschreiben«, stellte der Experte im Gespräch mit jW klar.

Folgen der Coronapandemie

Sorgen macht sich der DAH-Referent hingegen bezüglich der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf das Sexualleben schwuler und bisexueller Männer und damit einhergehende negative Auswirkungen für die Präventionsarbeit. Erste Studien zeigten laut Sander, dass sich viele schwule und bisexuelle Männer an die ordnungspolitischen Vorgaben und Empfehlungen in der Pandemie hielten. Viele Männer verzichteten ganz auf Sex oder reduzierten die Kontakthäufigkeiten deutlich.

»Sieht man Sexualität als Grundbedürfnis, als Wunsch nach Geborgenheit, Zuneigung, Nähe, körperlich und seelisch erfahrbar an, dann stellt sich natürlich die Frage, welche Folgen ein ›Coronazölibat‹ auf Dauer auf emotionaler Ebene haben wird«, warnte der DAH-Referent daher am Freitag. »In der Sexualität reduzieren wir auch Anspannung, wir fördern Entspannung. Purer Stressabbau. In der Präventionsarbeit geht es darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Bedürfnisse noch zufriedenstellend erfüllt werden können. Da ist aber auch eine gewisse Hilflosigkeit in so einer Krise«.

»Gutgemeinte Hinweise, dass ›Cam-Sex‹, also mit Videoübertragung, ja auch ganz toll ist, Selbstbefriedigung super, und dass man in der Krise doch die Chance habe, den eigenen Körper neu zu entdecken, sind für viele nicht besonders hilfreich.« Schließlich bleibe »ein Bedürfnis nach Körperkontakt, welches man nicht ohne negative Folgen abstellen kann, schon gar nicht dauerhaft!« Die DAH verfüge über verschiedene bundesweite Beratungsangebote und habe in ihrem »Health Chat« für schwule und bisexuelle Männer, wo Menschen aus der Zielgruppe selbst beraten, ganz explizit dazu aufgefordert, »sich gern bei uns zu melden, wenn man einfach reden möchte, Sorgen oder Ängste hat«. »Und da ist auch eine große Nachfrage«, sagt Sander.

Außerdem könne er feststellen, dass viele der coronabedingten Einschränkungen »direkt schwule Männer, allgemein queere Menschen besonders hart treffen«. »Zur Zeit wird in der Politik über eine Lockerung der Kontaktbeschränkungen zur Weihnachtszeit diskutiert. An die Menschen, die keine Familien haben bzw. ihre Kontakte mit ihren Familien aus guten Gründen reduziert haben oder gar keine Kontakte mehr haben, wird oft nicht gedacht.« Andere Lebensformen werden in der Politik generell kaum in Überlegungen zu Coronaregeln einbezogen, urteilt Sander.

Auch bezüglich der Inanspruchnahme von Testangeboten für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen wie etwa Hepatitis und Syphilis sieht der Experte die Covid-19-Pandemie als problematisch an. »Ich sehe nicht, dass Arztbesuche häufiger werden. Im Gegenteil. Es wurde ja auch dazu aufgerufen, nur bei größter Notwendigkeit eine Arztpraxis aufzusuchen. Häufigeres Testen ist schon deshalb nicht möglich, weil Testangebote schwerer zugänglich sind, trotz Hygienekonzepten.« Die DAH habe daher ihr Heimtestangebot noch stärker beworben, was auch genutzt werde.

Eindrücklich beschreibt Sander auch die Herausforderungen, vor denen die Präventionsarbeit mit Blick auf schwule und bisexuelle Männer in der nahen Zukunft stehen werde. Zwar seien die Präventionsangebote »sehr vielschichtig« und beträfen »sowohl Risiken der Übertragung von HIV und anderen Infektionen, aber auch genauso Substanzkonsum und psychisches Wohlbefinden«. Jedoch seien derzeit »alle Arten von Begegnungsmöglichkeiten in den schwulen und queeren Projekten und Subkulturen in der Krise untersagt«. Insgesamt arbeite die DAH daher aktuell an der Frage, wie man »den individuellen und gruppenbezogenen Folgen der Einschränkungen in der Pandemie begegnen« könne, was »eine ziemliche Herausforderung« darstelle.

Stigmatisierung

Jedoch ist es beileibe nicht nur die Coronapandemie, die einer erfolgreichen Präventionsarbeit vielerorts im Wege steht. Eines der größten Hemmnisse für den Schutz vulnerabler Gruppen stellen nach wie vor gesellschaftliche Ausgrenzung und Erfahrungen mit Diskriminierungen dar. Dies belegt auch die Studie »Schwule Männer und HIV/AIDS«, für die der Sozialwissenschaftler Jochen Drewes und der Psychologe Martin Kruspe bereits im Jahr 2013 knapp 17.000 Männer befragt hatten und die 2016 von der DAH veröffentlicht wurde. Dabei kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass psychische Belastung durch Diskriminierung bei nicht wenigen Männern zu Drogenkonsum führe, der nicht nur das »Schutzverhalten« bei sexuellen Kontakten schwächen könne. Vielmehr beeinflusse Diskriminierung auch das Testverhalten in bezug auf HIV. Ähnliche Ergebnisse lieferten die erst Ende voriger Woche veröffentlichten Ergebnisse der Onlinebefragung »positive stimmen 2.0«, an der von Juni bis Oktober dieses Jahres 935 HIV-positive Menschen teilgenommen hatten. Erste Zahlen des gemeinsamen Forschungsprojektes des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) und der DAH belegen, dass Menschen mit HIV heutzutage gut mit ihrer Infektion leben können, sie aber immer noch zahlreiche Erfahrungen mit Diskriminierungen machen. »Schwerer als die gesundheitlichen Folgen der HIV-Infektion wiegen für viele die sozialen Folgen. Ein Großteil der Befragten unserer Studie ist im Alltag weiterhin mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert. Die gesellschaftliche Entwicklung ist langsamer als die medizinische«, beurteilte Matthias Kuske, Projektkoordinator bei der DAH, die Ergebnisse der Befragung.

Als Grund für die Diskriminierung von Menschen mit HIV hat die BZgA »meist unbegründete Ängste vor einer HIV-Übertragung, oft aber zum Beispiel auch Vorbehalte, da HIV häufig mit Homosexualität, negativ bewertetem Sexualverhalten und Drogenkonsum in Verbindung gebracht wird«, ausgemacht. Menschen mit HIV erlebten deswegen auch immer wieder Schuldzuweisungen und Abwertung, auch im Familien- und Freundeskreis, zum Beispiel durch »dumme Sprüche« wie »Das muss doch heute niemandem mehr passieren« oder »Selbst schuld, wenn man so lebt wie du«, schreibt die Behörde auf ihrer eigens eingerichteten Internetseite zum Welt-AIDS-Tag. Dort verweist die BZgA auch auf eine repräsentative Befragung im Auftrag der Deutschen Aidshilfe, bei der 2019 ein Fünftel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerte, dass Menschen mit HIV selbst schuld an ihrer Infektion seien. Ein Drittel der Befragten wollte mit dem Thema lieber nichts zu tun haben.

Eben dies erschwert jedoch die Arbeit der Selbsthilfeorganisationen deutlich. So raten diese dazu, dass Menschen mit häufiger wechselnden Sexualpartnern sich mindestens einmal jährlich auf HIV, Hepatitis, Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten testen lassen sollten, was sowohl beim Hausarzt als auch anonym bei Gesundheitsämtern und verschiedenen Selbsthilfeorganisationen kostenlos möglich ist.

In allen größeren bundesdeutschen Städten existierten außerdem eine Reihe von differenzierten Angeboten. Spezialisierte Angebote für schwule und bisexuelle Männer, Angebote für Menschen, die der Sexarbeit nachgehen, Drogenhilfen, viele davon unter dem Dach der Aidshilfe. »Aufgrund einer repressiven Drogenpolitik, aber auch einer repressiven Haltung gegenüber der Sexarbeit, können aber Angebote oft nicht so gestaltet werden, dass sie die Bedarfe derjenigen erfassen, die Unterstützung brauchen«, warnt DAH-Referent Sander. Auch der Zugang zu medizinischer Versorgung sei nicht für alle gegeben. Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn »jemand, der hier lebt, aber nicht Mitglied einer Krankenkasse ist, sich das möglicherweise nicht leisten kann, oder der Zugang von einer Anerkennung der Asylberechtigung abhängt«, moniert er.

Insofern ist es sicherlich ein richtiger Schritt, dass sich die BZgA, die DAH und die Deutsche AIDS-Stiftung anlässlich des diesjährigen Welt-AIDS-Tages mit einer Gemeinschaftsaktion an die Öffentlichkeit richten, die den Titel »Leben mit HIV – anders als du denkst« trägt und mit deren Hilfe bestehenden Berührungsängsten, Ablehnung und Diskriminierung entgegengewirkt werden soll.

»Die gute Nachricht lautet: Menschen mit HIV können sich heute mit den gleichen Alltagssorgen herumschlagen wie alle Menschen. Sie haben ein Recht darauf, dass ihnen wegen HIV keine unnötigen Schwierigkeiten gemacht werden, sondern dass sie einfach, ganz selbstverständlich und ohne Benachteiligung ihr Leben führen können«, erklärte Sylvia Urban, Vorstandsmitglied der DAH am Freitag anlässlich der Vorstellung der Kampagne. »Medizinisch ist HIV gut beherrschbar, aber Diskriminierung macht krank«, warnte sie.

Ähnlich positionierte sich auch Heidrun Thaiss, Leiterin der BzgA: »Ob in Beruf, Freizeit oder Sexualität – Menschen mit HIV können heute bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung leben wie alle anderen. Sie werden jedoch noch häufig mit Diskriminierung, Vorurteilen und veralteten Vorstellungen konfrontiert«, sagte sie am Freitag. Viele Menschen wüssten nicht, dass sich das Leben mit HIV durch Fortschritte der Medizin wirksam verändert habe.

»Solidarität« heiße jedoch auch, die »Menschen nicht zu vergessen, die schon lange HIV-positiv sind und denen es teilweise gesundheitlich nicht so gut geht«, erinnerte Kristel Degener, Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung, anlässlich der Vorstellung der Gemeinschaftsaktion. Oft seien berufliche Laufbahnen durch die Erkrankung unterbrochen oder beendet worden, so dass die Betroffenen auch materiell in Schwierigkeiten seien. »Diese Menschen brauchen unsere Unterstützung«.

Globales Problem

Wesentlich schlechter als in der Bundesrepublik ist es hingegen um die Versorgung von HIV-Infizierten in anderen Ländern der Welt bestellt. Weltweit leben aktuell 38 Millionen Menschen mit HIV. Seit Beginn der Epidemie verstarben insgesamt 32,7 Millionen Menschen an den Folgen von AIDS. Allein 2018 waren es weltweit 690.000 Menschen. Am stärksten betroffen ist das südliche Afrika, aber auch in Osteuropa und Zentralasien ist die Anzahl der HIV-Infektionen in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Dafür sind unter anderem mangelnde Hilfsangebote aber auch staatliche und gesellschaftliche Repression und Ausgrenzung der Hauptbetroffenengruppen von HIV verantwortlich.

Schon vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie verfügten viele Menschen außerdem nicht über den Zugang zu HIV-Medikamenten, die ihr Leben retten könnten. 67 Prozent der Menschen mit HIV erhalten laut BZgA die notwendigen Medikamente – etwa ein Drittel hingegen nicht. Die Coronapandemie hat die notwendige Versorgung der Betroffenen nun noch einmal deutlich erschwert. Einige HIV-Medikamente sind derzeit bereits nicht mehr lieferbar.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass der diesjährige Welt-AIDS-Tag unter das Motto »Globale Solidarität, geteilte Verantwortung« gestellt wurde. Das Motto solle »Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Medien und anderen Bereichen daran erinnern«, dass sie bezüglich des Kampfes gegen HIV und AIDS »einen Beitrag leisten können und müssen«, wie die BzgA auf ihrer Aktionsseite im Internet klarstellt. Schließlich sei es »längst möglich, die AIDS-Epidemie zu beenden«, es hänge jedoch vom politischen Willen ab. »Das Ziel kann nur eines sein: Alle Menschen ohne HIV müssen Zugang zu Informationen und Schutzmöglichkeiten erhalten, HIV-positive Menschen medizinische Behandlung und jede Unterstützung, die sie brauchen. Außerdem gilt es, offen über das Tabuthema HIV zu sprechen«, betonen die Fachleute dort einhellig. Faktisch haben die HIV- und die Coronapandemie also eines gemeinsam: Man wird sie nur gemeinsam mit internationalen Kraftanstrengungen und einem gerechten Zugang zu Gesundheitsversorgung, Medikamenten und möglichen Impfstoffen unter Kontrolle bringen können. Schließlich machen weder die HI- noch die Coronaviren vor nationalen Grenzen Halt.

Die telefonische Beratung der AIDS-Hilfen hat die bundesweit einheitliche Nummer 0180/331 94 11 (maximal neun Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz, maximal 42 Cent pro Minute aus den deutschen Mobilfunknetzen). Sie ist montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr sowie samstags und sonntags von 12 bis 14 Uhr erreichbar. Die Anrufer können anonym bleiben.

Kostenlose Online-Beratung: www.aidshilfe-beratung.de

Weitere Informationen: https://www.aidshilfe.de

Markus Bernhardt schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 25. August über Gewalttäter, Rechte und Rassisten bei der Polizei.

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