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Aus: Ausgabe vom 01.12.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Zerfleddert, verrauscht, verklickt

Geisterschnipselpop: Das neue Album von Oneohtrix Point Never
Von René Hamann
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Alles ein bisschen merkwürdig: Künstler (l.) und typischer Fan

Es gibt Musik, die vornehmlich emotional funktioniert, über den Bauch oder auch über die Beine. Musik, die sich identifikatorisch anbietet. Und es gibt Musik, die das alles nicht tut, sondern im wesentlichen zerebral abläuft; die die Synapsen im Hirn füttert, vielleicht sogar abbildet. So eine Musik war die von Daniel Lopatin, Macher und Mind des Projekts Oneohtrix Point Never, von Beginn an. Nun traut er sich mit dem neuen Album »Magic« an eine sehr eigene Version von Pop. Oder besser: von dem, was einmal Popmusik gewesen sein könnte, als sie noch stark übers analoge Radio (und nicht übers Netz) verbreitet wurde.

Da unterdessen aber 2020 ist und nicht etwa 1985, klingt die Radiomusik auf »Magic« zerfleddert, verrauscht, verklickt; und wo sie das nicht tut, klingt sie sehr gespenstisch. »Hauntology’s not dead«, ist man mit Derrida und Mark Fisher beim Hören versucht zu denken. »Magic« klingt mit seinen Schnipseln und wabernden Geistersounds, mit dieser zusammengeklickten Unmusik, manchmal entfernt nach schlecht abgespielten B-Seiten einstmaliger Radiohits. »Vapourwave« heißt das dazugehörende Genre, auch wenn Lopatin sich auf »Magic«, dem mittlerweile bereits neunten Album als Oneohtrix Point Never, in für Normalhörende erreichbarere auditiven Sphären bewegt.

Was konkret bedeutet, dass sich zwischen Soundcollagen (»Cross Talk«, Teile I–IV) und dem zusammengetragenen Soundmüll sehr, sehr merkwürdige Zwittertracks finden, die entweder tatsächlich fast Pop sind wie »Long Road Home«, in dem Caroline Polacheck singt, oder wie eine sehr kaputte Art von Rap klingen, wie »No Nightmares«, das von The Weeknd beherrscht wird. Und »Nothing Special«, ganz am Ende des Soundreigens, klingt fast wie Bon Iver. Ein schaurig-schönes Stück Untergangsmusik wie von einem Raumschiff, das Titanic heißt, gespielt auf einem Laptop, das einsam über das arktische Meer treibt.

»Tanzmusik«, wie manchenorts fälschlich behauptet, ist das alles natürlich nicht, und zwar nirgends. Interessant aber in beinahe jeder Facette. Und wer weiß, ob »Magic« für Lopatin am Ende ein weiterer Schritt ist zu einer Art Realpop, wie ihn beispielsweise Animal Collective vor beinahe zehn Jahren mit »Centrepede Hz« gemacht haben: Songs, die sich aus Knispelsounds herausschälen. Tracks, die auf Klickirrsinnsschnipseln gebettet sind.

Oneohtrix Point Never: »Magic« (Warp/Rough Trade)

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