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Aus: Ausgabe vom 01.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Er wollte aufrecht verweigern

»Gegen mein Gewissen«, ein Comicdebüt über den Horror der Wehrpflicht in der BRD der 70er Jahre
Von Maximilian Schäffer
Gegen mein Gewissen Cover.jpg
»Kafkaeske Beklemmung im Schweinesystem«

Graphic Novels über historische Themen liegen im Trend. Art Spiegelmans Comic-Klassiker »Maus« wird nach 40 Jahren noch gut verkauft; Zeichner, Autoren und Verlage wissen, dass »harte« Themen weniger im Buchhandel liegenbleiben als Fantasybände mit Superhelden. Zuletzt erschienen bunte Bildersammlungen über das Schicksal der Zarenfamilie während der Oktoberrevolution, die Internierung japanischstämmiger US-Amerikaner nach Pearl Harbor, die Leiden des jungen Beethoven sowie große Biographien über Andy Warhol und den frühen David Bowie. Hannah Brinkmann, Zeichnerin und Autorin, 30jährig, wohnhaft in Hamburg, hat nun ihr Debüt zum Thema Wehrpflicht in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht, »Gegen mein Gewissen« ist der Titel.

Brinkmanns Onkel Hermann beging 1974 Selbstmord, weil er die Grundausbildung nicht ertrug. Die Familie schaltete eine Todesanzeige in der FAZ, die zum Politikum wurde: »Seine letzten Lebensdaten: 1. Oktober 1973 – Einberufung zur Bundeswehr trotz eines laufenden Verfahrens auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. Ende 1973 – Depressionen durch den Zwang zum Waffendienst. 6. Januar 1974 – nach eigenem Drängen psychiatrische Untersuchung im Bundeswehr-Lazarett Hamburg-Wandsbek: Man sah keinen Grund zur Entlassung aus dem Wehrdienst. 20. Januar 1974 – Tod durch Starkstrom.« Daraufhin sah sich Bild verpflichtet, das Militär gegen den Verstorbenen zu verteidigen.

Brinkmanns opulenter Comic rekonstruiert die Familientragödie aus intimer Perspektive. Hermann wächst in den 60er Jahren behütet und katholisch in Lindern bei Cloppenburg auf. Früh ist ihm alles Gewalttätige zuwider, er liebt Tiere, kann die Leidenschaft von Vater und Onkel für die Jagd nicht verstehen. Gewehre setzt er mit Grausamkeit gleich, Wildschweinköpfe im Wohnzimmer hält er nicht für dekorativ, sondern für Barbarei. Die 68er-Bewegung fällt in seine Pubertät, im Jugendzimmer wird gekifft, dröhnen die Songs von Roxy Music. Die Generationen ringen um Verständigung, da kommt der Musterungsbescheid – für Hermann steht fest, dass er auf Atteste und Tricks verzichtet. Er will aufrecht verweigern.

Bis 1977 musste die Kriegsdienstverweigerung in der BRD schriftlich begründet und bei einer mündlichen Befragung verteidigt werden. Die Verhörstrategie der dafür zuständigen »Prüfungskammern« ähnelte nicht selten der von Freislers nazistischem »Volksgerichtshof«, zum Glück durften die Prüfer nicht hängen und erschießen lassen, sondern den angeblichen Volksverrat lediglich mit 18 Monaten Kasernierung abstrafen.

Brinkmanns Illustrationen fangen die kafkaeske Beklemmung im Schweinesystem genauso gut ein wie den kleinbürgerlichen Alltag in der norddeutschen Provinz. Ihre zum Skurrilen neigende Mimikzeichnung erinnert an Comicstars der 90er wie Joe Sacco oder die Fernsehcartoons des Animationsstudios Klasky ­Csupo für den Sender Nickelodeon. Meist monochrome Flächen strukturiert die Zeichnerin mit kleinteiligen Kräuselungen, Linien und Punkten. Traumszenen reichert sie figürlich mit Bakterien, Eizellen, Hirnwülsten und sonstigen Gebilden aus dem Körperkosmos an.

Das Familienpathos nimmt viel Raum ein – mit gezeichnetem Fotoalbum und ausformulierter Selbstreflexion über das Erwachsenwerden mit der Bürde des Selbstmords, aber das stört glücklicherweise nicht weiter. Brinkmanns Buch ist für Comicfreunde und Geschichtsinteressierte gleichermaßen wichtig. Es ist eine mutige Anklage der Verhältnisse in der damaligen BRD. Heute sollen Grausamkeit und Schwachsinn in diesem Land ja angeblich überwunden sein, Arbeitsämter heißen Jobcenter, und das Kreiswehrersatzamt wird Karrierecenter der Bundeswehr genannt – aber auch die Wehrpflicht ist im Zweifel nur bis zum nächsten großen Säbelrasseln ausgesetzt.

Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen. Avant-Verlag, Berlin 2020, 232 Seiten, vollfarbig, 30 Euro

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