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Aus: Ausgabe vom 28.11.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Neueste Antiamerikanistik

Von Arnold Schölzel
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Unter der Überschrift »Angst vor uns selbst« widmet sich am Freitag Alan Posener, ein vorwiegend für Die Welt schreibender Autor, laut Unterzeile dem »deutschen Antiamerikanismus«. Dieser Ismus ist ein Glaubensartikel der »Verfassungsschutz« betitelten Gesinnungspolizei und ihrer publizistischen Büttel, eine Allzweckformel ähnlich dem »Extremismus«. Das Kollektivattribut »deutsch« steigert die Verwendungsbeliebigkeit bis zu der des offiziellen »Antisemitismus«. Wer irgendwo auf der Welt Emanzipation unterstützt, ist nicht mehr nur Kommunist, sondern vor allem antiamerikanischer Antisemit oder umgekehrt.

Posener greift eine Umfrage auf, wonach Joseph Biden in der Bundesrepublik mit 90 Prozent gesiegt hätte. In den USA bekam er 50,8 Prozent. Für Posener ist der Unterschied »erklärungsbedürftig«. Denn: »Die einen fühlen sich dadurch in ihrem Antiamerikanismus bestätigt.« Die anderen seien, »sofern sie ehrlich sind, verunsichert«. Das sei die produktivere Haltung. Fruchtloser »deutscher« Antiamerikanismus ist demnach so fest verankert wie DNA, was einer biologistisch-rassistischen Sicht ziemlich nahekommt.

Laut Posener entspricht es den »objektiven Interessen« Deutschlands, wegen seiner Feindseligkeit gegen Trump zu sein. Andererseits habe der »in Europa Augen geöffnet für die imperialen Ambitionen der chinesischen Führung«. Als ob Nachhilfe in Hetze hier jemals nötig gewesen wäre. Auf manchen Feldern habe Trump zudem recht: Die Bundesrepublik müsse mehr für die NATO tun und die Gasleitung »Nord Stream 2« beerdigen, sich um energiepolitische Unabhängigkeit von Russland bemühen, »auch durch den Bezug von Flüssiggas aus den USA«. Poseners erste griffige Formel lautet demnach: Wer kein US-Frackinggas haben will, ist Antiamerikaner.

Das ist etwas vulgärmaterialistisch und genügt dem Autor nicht. Etwas Höheres gehört noch dazu. Also klärt er mit einer überraschenden Wendung auf, die USA seien »eben nicht das Land der Freiheit, des Individualismus, des Unternehmertums und des Optimismus«. Sondern: »Es ist auch ein wilder Kontinent, der wiederholt von religiösen Ekstasen, Ängsten und Endzeitphantasien heimgesucht wurde; kein Rassenschmelztiegel einer neuen, toleranten Menschheit, sondern ein multiethnisches und multikulturelles Land, in dem der Rassismus grassiert; ein sozialdarwinistisches Experimentierfeld, auf dem die Klassenkämpfe mit einer Militanz ausgetragen wurden wie kaum anderswo in der Welt; ein anarchistisches Land, in dem Outlaws wie Billy the Kid zu Volkshelden avancierten und sich das Misstrauen gegen jede Staatsgewalt in dem verfassungsmäßig verbrieften Recht auf Waffenbesitz niederschlägt.« Davon abgesehen, dass letzteres vor allem dazu diente, die Millionen Sklaven des 1776 gegründeten ersten Rassenstaates der Neuzeit in Schach zu halten und straflos töten zu können, fehlt in Poseners Charakteristik noch einiges andere: vom militärisch-industriellen Finanzkomplex bis zum Manipulationsstaat der »Social Media«. Der Autor fasst sein Bild von den USA, das er aus dem 19. Jahrhundert bezieht, mit »chaotische Moderne« zusammen. Die findet er gut. Ergo sei Antiamerikanismus erstens Angst vor ihr und zweitens »vor uns selbst«, weil die EU längst durch Zu- und Binnenwanderung »amerikanischer« geworden sei. Antiamerikanismus ist neben der Weigerung, US-Frackinggas zu kaufen, Angst, durch Migration so zu werden wie die USA. Trump sei Dank.

Die Innovation ist nötig. Trump hat den Niedergang beschleunigt. Soll keiner wagen, das zum Anlass für Mäkelei zu nehmen. Die Berufung eines Bundesbeauftragten gegen Antiamerikanismus ist nach Poseners Text dringend erforderlich.

Die Innovation ist nötig. Trump hat den Niedergang beschleunigt. Soll keiner wagen, das zum Anlass für Mäkelei zu nehmen. Die Berufung eines Bundesbeauftragten gegen Antiamerikanismus ist nach Poseners Text dringend erforderlich.

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