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Aus: Ausgabe vom 28.11.2020, Seite 15 / Geschichte
Der Schulstreit von 1890

Humanismus verlernen

Vor 130 Jahren begann in Berlin die Schulkonferenz zur Reform der humanistischen Gymnasien. Nachwuchs für die »Landesverteidigung« heranzuziehen wurde wichtiger als bürgerliche Bildungsideale
Von Jan Pehrke
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Wollte auch die Jugend lieber hoch zu Rosse sehen als beim Pauken griechischer Vokabeln. Kaiser Wilhelm II. bei einem Militärmanöver, 1911

»Wer selber auf dem Gymnasium gewesen ist und hinter die Coulissen gesehen hat, der weiß, wo es da fehlt. Und da fehlt es vor allem an der nationalen Basis. Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.« Diesen Appell richtete Kaiser Wilhelm II. am 4. Dezember 1890 in seiner Eröffnungsrede der Berliner Schulkonferenz an die Teilnehmer. »Der deutsche Aufsatz muss der Mittelpunkt sein«, dekretierte er. Auch »in Fragen der Geschichte, Geographie und der Sage« wollte der Monarch das Nationale gefördert sehen. »Warum werden denn unsere junge Leute verführt? Warum tauchen so viele unklare, konfuse Weltverbesserer auf?« fragte er und gab selbst die Antwort: »Weil die jungen Leute nicht wissen, wie sich unsere Zustände entwickelt haben.« Um nicht lauter kleine Sozialdemokraten heranzuziehen, müsse seiner Meinung nach die ganze Geschichte ab der Französischen Revolution noch einmal neu erzählt werden. Aber der Reformeifer des Kaisers ging noch weiter. So machte er ein »Übermaß der geistigen Arbeit« gegenüber der körperlichen Ertüchtigung aus und in der Folge »Schulkrankheiten« wie beispielsweise Kurzsichtigkeit. Darum redete er den Pädagogen ins Gewissen: »Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für die Landesverteidigung erwächst.«

Mit dieser Intervention stellte Kaiser Wilhelm II. sich an die Spitze einer Bewegung, die weite Kreise umfasste. 344 Eingaben und eine Petition erreichten die Ministerien in der Sache. Im Kern ging es darum, die »realistische Bildung« und deren Träger, die Realgymnasien und Oberrealschulen, zu Lasten der noch vom Neuhumanismus geprägten Gymnasien mit ihrem altsprachlichen Unterricht zu stärken.

Kriegsethos statt Bildungl

Diese »Idealschulen«, die sich dem Universalismus verpflichtet sahen, gerieten in einer Ära des immer entfesselteren Kapitalismus mit seinem Imperativ der Arbeitsteilung zunehmend in die Defensive. Überdies hatten sie sich der Naturwissenschaften zu erwehren, die die wirtschaftliche Entwicklung nicht unwesentlich befördert hatten, weshalb deren Protagonisten sie in den Rang der Leitkultur zu erheben gedachten. So hielt der Botaniker Hugo von Mohl 1863 in seiner Rede zur Gründung der naturwissenschaftlichen Fakultät in Tübingen selbstbewusst fest: »Die Richter, welche die Hexen zum Feuertod verurtheilten, die Geistlichen, welche die bösen Geister aus den Kranken austrieben, die Leute, welche in den Kometen die Brandfackel eines kommenden Krieges sahen, die waren in den Sprachen, in den Wissenschaften und in der Philosophie des Altertums oft gar wohl unterrichtet, allein von den Naturwissenschaften verstanden sie nichts, und deshalb konnten sie dem Aberglauben nicht widerstehen.« Und dem Physiologen und Mediziner Heinrich Du Bois-Reymond galt die Gegenwart als »technisch-induktives Zeitalter« und die Naturwissenschaft dabei als das »absolute Organ der Kultur«.

Angegriffen fühlen durfte sich das Bildungsbürgertum. Das humanistische Gymnasium war eines seiner letzten Bastionen. Kulturprägend wirkte die Einrichtung da aber schon lange nicht mehr, nicht einmal auf die eigene Klasse. Die hatte mit dem preußischen Militarismus längst ihren Frieden gemacht – »verbürgerlichtes Kriegerethos« nannte der Soziologe Norbert Elias das – und auch gegen Junkerdumpfheit und Bismarcks Autoritarismus wagte sie kaum noch das Haupt zu erheben. Realpolitik betrieben die Liberalen schon seit Dekaden, das Scheitern der Revolution von 1848/49 hatte sie entzaubert. Und so ging es dem Bildungsbürgertum in dem Schulstreit dann auch nicht so sehr um das Wahre, Schöne und Gute, als vielmehr darum, seine Pfründe zu sichern und den privilegierten Zugang zu Karrierechancen zu verteidigen, den die Abschlüsse an den humanistischen Gymnasien boten.

Und das gelang ganz gut. Eingriffe in die Substanz dieses Schultyps gab es am Ende der 13tägigen Konferenz nicht. Aber in den Stundenplänen wurden die klassischen Sprachen und das Französische zugunsten der Fächer Deutsch und Sport reduziert. Zudem verloren die Bildungseinrichtungen an Exklusivität. Nun berechtigten die Abschlüsse an Oberrealschulen ebenfalls zum Studium – allerdings nur zu dem der Naturwissenschaften und der Mathematik – und zum Einschlagen der höheren Beamtenlaufbahn. Und der Kaiser bekam, was des Kaisers war. Seiner Sozialdemokratenphobie, die Majestät besonders nach dem Auslaufen des Sozialistengesetzes Anfang 1890 umtrieb, wurde Genüge getan. Der preußische Lehrplan für die höheren Schulen von 1891 erlegte den Lehrkräften auf, »ihre Schüler zu klarem und ruhigem Urteil über das Verhängnisvolle unberechtigter sozialer Bestrebungen in der Gegenwart zu befähigen«.

Problematische Gleichheit

Erst die zweite große Schulkonferenz, die im Jahr 1900 stattfand, unterminierte den Status der humanistischen Gymnasien ernsthaft und stellte sie den Realgymnasien und Oberrealschulen weitgehend gleich. Die von Altphilologen initiierte »Braunschweiger Erklärung« mit ihren 15.000 Unterschriften vermochte die von den Reformern annoncierte »wertvolle Vermehrung des realistischen Wissens« nicht zu verhindern. Dem Philosophen, Theologen und Pädagogen Wilhelm Dilthey schwante deshalb Schlimmes: »Der naturwissenschaftliche Geist (…) hat die abstrakten Prinzipien auf das Wirksamste unterstützt, welche in der Französischen Revolution so einflussreich gewesen sind. Das abstrakte mathematische Denken, angewandt auf Gebiete des gesellschaftlichen Lebens, wird stets das heranwachsende Geschlecht empfindlich machen für die leeren Ideale eines Staates, der nach den Grundsätzen der Gleichheit geregelt ist«, schrieb er. Für den Philologen Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff hatte Deutschland nun sogar den »Bruch mit der Geschichte und der Kultur endgültig vollzogen«. Und vor einem Teil der folgenden schrecklichen Entwicklungen in Deutschland hätte der Humanismus vielleicht wirklich geschützt. Der Historiker Heinrich-August Winkler macht in seinem Buch »Liberalismus und Antiliberalismus« am Ende des 19. Jahrhunderts zwar bei den bürgerlichen Kräften vieler europäischer Nationen einen Funktionswandel des Patriotismus hin zu einer reaktionären Ideologie aus, verweist dabei aber auf Unterschiede: »Der Übergang zum integralen Nationalismus erfolgte in Deutschland, ohne dass naturrechtlich-humanitäre Traditionen als immanentes Korrektiv nationaler Machtpolitik fortgewirkt hätten.«

Aus der Ansprache Kaiser Wilhelms II. zur Eröffnung der Berliner Schulkonferenz (4.12.1890)

Wer selber auf dem Gymnasium gewesen ist und hinter die Coulissen gesehen hat, der weiß, wo es da fehlt. Und da fehlt es vor allem an der nationalen Basis. Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer. Wir müssen von der Basis absehen, die Jahrhunderte lang bestanden hat, von der alten klösterlichen Erziehung des Mittelalters, wo das Lateinische maßgebend war und ein bisschen Griechisch dazu. Das ist nicht mehr maßgebend. Wir müssen das Deutsche zur Basis machen. Der deutsche Aufsatz muss der Mittelpunkt sein, um den sich alles dreht. Wenn einer im Abiturientenexamen einen tadellosen deutschen Aufsatz liefert, so kann man daraus das Maß der Geistesbildung des jungen Mannes erkennen und beurtheilen, ob er etwas taugt oder nicht.

Ebenso möchte ich das Nationale bei uns weiter gefördert sehen in Fragen der Geschichte, Geographie und Sage. Fangen wir erst einmal bei uns zu Hause an. Erst wenn wir in den verschiedenen Kammern und Stuben Bescheid wissen, dann können wir ins Museum gehen und uns auch dort umsehen. Aber vor allen Dingen müssen wir in der vaterländischen Geschichte Bescheid wissen.

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