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Aus: Ausgabe vom 28.11.2020, Seite 12 / Thema
Engels 200. Geburtstag

Der Vordenker

Von den Gegnern einer anderen gesellschaftlichen Ordnung als grober Vereinfacher geschmäht oder am liebsten musealisiert, war er seiner Zeit weit voraus und hat uns auch heute noch viel zu sagen. Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels (Teil 1)
Von Frank Deppe
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» … eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit« (Engels)

Am 7. November fand eine gemeinsam von der Marx-Engels-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW und der Heinz-Jung-Stiftung organisierte Konferenz unter dem Titel »Friedrich Engels (1820–2020) – Aktualität eines Revolutionärs« statt – coronabedingt als Videotagung durchgeführt. Wir dokumentieren an dieser Stelle – redaktionell gekürzt – den Eröffnungsvortrag von Frank Deppe und danken ihm für die Genehmigung zum Abdruck. Teil II erscheint in der Ausgabe von Montag. Das vollständige Referat wird im März 2021 sowohl in Z – Zeitschrift für marxistische Erneuerung wie auch in den Marxistischen Blättern veröffentlicht werden. (jW)

Seit fast 200 Jahren stehen Menschen, die sich als Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten bezeichnen, an der Spitze von Kämpfen für Demokratie und Menschenrechte, gegen Elend und Ausbeutung, gegen Faschismus, Kolonialismus und Rassismus. Wir sind zu Recht stolz auf unsere politischen Vorfahren – und wir sind stolz auf jene, die gegen die »Monster«, die der Kapitalismus im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, für die Interessen der Arbeiterklasse und anderer subalterner Klassen gekämpft haben, dabei Erfolge errangen, aber auch Niederlagen erlitten. In diesen Kämpfen wurden im Namen des Sozialismus auch Fehler und Verbrechen begangen. Die Rekonstruktion des Sozialismus im 21. Jahrhundert muss diese Widersprüche anerkennen und bearbeiten, die Gründe der Niederlagen benennen und sie strategisch auswerten. Auf diese Weise können wir den Feinden des Sozialismus selbstbewusst entgegentreten.

Im Kontext der Epoche

Die Feiern zu den runden Geburtstagen von Engels standen jeweils im Zusammenhang epochenspezifischer Entwicklungen und Auseinandersetzungen. Ich beschränke mich dabei auf einige Stichpunkte: Engels’ 100. Geburtstag: Im Jahr 1920 – mitten in der revolutionären Nachkriegsperiode nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution – wird in der zutiefst gespaltenen deutschen Arbeiterbewegung über Friedrich Engels gestritten. Rosa Luxemburg hatte beim Gründungsparteitag der KPD am 31. Dezember 1918 erklärt, »eine wichtige geschichtliche Urkunde unserer Arbeiterbewegung (ist) … jene Vorrede, die Friedrich Engels im Jahre 1895 zu den ›Klassenkämpfen in Frankreich‹ geschrieben hat«.¹ Engels – so Luxemburg – bezeichnete es da als Wahnvorstellung, »als könnte überhaupt in den modernen Verhältnissen des Kapitalismus das Proletariat auf der Straße durch die Revolution irgend etwas erreichen.« (Das ist übrigens auch nicht die ganz richtige Wiedergabe dessen, was Engels zum Thema »Minoritätenrevolution«, »Blanquismus« und Barrikadenkämpfen in diesem Text gesagt hat.) »Ich glaube, dass es heute angesichts dessen, dass wir mitten in der Revolution, in einer Straßenrevolution mit allem, was dazugehört, stehen, Zeit ist, sich mit der Auffassung auseinanderzusetzen, die in der deutschen Sozialdemokratie offiziell bis zur letzten Stunde gang und gäbe war und die mit dafür verantwortlich ist, dass wir den 4. August 1914 erlebt haben.«

Sie fuhr fort: »Ich will damit nicht sagen, dass Engels sich persönlich durch diese Ausführungen zum Mitschuldigen an dem ganzen Gange der Entwicklung in Deutschland gemacht hat; ich sage nur: Hier ist ein klassisch zusammengefasstes Dokument für die Auffassung, die in der deutschen Sozialdemokratie lebendig war, oder vielmehr: die sie totmachte.« Diese Einstellung bedeutete, »der parlamentarische Kampf wurde als Gegensatz zur direkten revolutionären Aktion des Proletariats und geradezu als das einzige Mittel des Klassenkampfes betrachtet«. Und sie schlussfolgerte: »Parteigenossen, wir stehen also heute, wie ich schon erwähnt habe, geführt durch den Gang der historischen Dialektik und bereichert um die ganze inzwischen zurückgelegte 70jährige kapitalistische Entwicklung, wieder an der Stelle, wo Marx und Engels 1848 standen, als sie zum ersten Mal das Banner des internationalen Sozialismus aufrollten.«
Das heißt: In der unmittelbar revolutionären Nachkriegsperiode am Ende des Ersten Weltkrieges wird um das Erbe von Engels gestritten. Die rechten Sozialdemokraten aus der MSPD beziehen sich auf seinen Text aus dem Jahre 1895 – die revolutionäre Linke (linker Flügel der USPD und KPD) bezieht sich auf das »Manifest« von 1848.

Engels’ 150. Geburtstag: 1970, anlässlich des 150. Geburtstages von Engels, nahm der WDR in Wuppertal eine öffentliche Veranstaltung mit dem Titel »Friedrich Engels. Damals – heute« auf. Auf dem Podium diskutierten vier Professoren (Hermann Lübbe, Iring Fetscher, Wolfgang Abendroth, Giovanni Agnoli) mit dem Schriftsteller Wolfgang Leonhard und dem Vertreter der italienischen Kommunistischen Partei (PCI), Lucio Lombardo Radice. Ich kann diese kontroverse Debatte hier nicht im Einzelnen reproduzieren, aber sie spitzte sich schnell auf zwei Punkte zu: 1. Engels ist eine beeindruckende Figur des 19. Jahrhunderts, die jedoch auf die Probleme der modernen Gesellschaft keine Antworten mehr zu geben vermag; im Osten werden seine Schriften als Legitimationsideologie missbraucht (Lübbe) – dagegen vertraten insbesondere Agnoli und Abendroth die Auffassung, dass Erkenntnisse und Positionen von Engels in den Klassenkämpfen der Gegenwart (um 1970) nach wie vor wertvoll sind. 2. Wolfgang Leonhard versuchte, Engels’ Auffassungen über die Bedeutung der Demokratie für den Sozialismus und sein Plädoyer für offene Debatten in der Partei gegen die regierenden kommunistischen Parteien in der Sowjetunion und der DDR auszuspielen. Dabei bezog er sich positiv auf den PCI und die jugoslawischen Kommunisten, hoffte wohl darauf, auf dem Podium einen Streit zwischen den Kommunisten auszulösen. Vor allem Abendroth und Agnoli bestanden demgegenüber darauf, dass die Aktualisierung von Engels in den Klassenauseinandersetzungen in den entwickelten kapitalistischen Staaten, aber auch angesichts imperialistischer Kriege in der Dritten Welt (z. B. mitten im Vietnamkrieg) wohl wichtiger seien als die Konflikte innerhalb des sozialistischen Lagers.

Auch im Jahre 1970 führte die Debatte über die Bedeutung von Engels sofort dazu, dass sie im Rahmen der großen Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus, also der Systemkonkurrenz, ausgetragen wurde. Und von der Seite der regierenden kommunistischen Parteien wurde diese Debatte in dem Bewusstsein geführt, dass sie – wie sie es in ihren Dokumenten dieser Zeit formuliert hatten – die führende Kraft unter den drei Strömen des weltrevolutionären Prozesses sind.

In Zeiten des »Interregnums«

Wie aber stellt sich diese Konstellation im Jahr des 200. Geburtstages von Friedrich Engels dar? Wir leben in Zeiten eines gewaltigen Umbruchs, eines – wie Antonio Gramsci sagte – »Interregnums«. Selbst die christdemokratische Bundeskanzlerin beklagt immer wieder, dass »die Welt aus den Fugen geraten« sei. Am Ende des 20. Jahrhunderts – des »Zeitalters der Extreme« (Eric Hobsbawm) – triumphierten die Gegner des Sozialismus: Die Sowjetunion und ihr »Lager« (einschließlich der DDR) brachen zusammen; der Systemgegensatz löste sich auf. Die kommunistische Bewegung, die sich ideologisch auf den Marxismus-Leninismus bezog, aber auch kommunistische Massenparteien im Westen (PCI und PCF), die sich zum »Eurokommunismus« bekannten und sich vom »Sowjetkommunismus« distanzierten, erlitten eine tiefgreifende – viele glauben: vernichtende – Niederlage. Das weltumspannende »American Empire« ließ sich als der »gute Imperialismus« im Zeitalter der Globalisierung feiern. Der Abstieg der Sozialdemokratie setzte sich – kurz unterbrochen durch einzelne Wahlerfolge – in der Gesamttendenz fort. Und auch die Gewerkschaften – vor allem die radikaleren, klassenkampforientierten Gewerkschaften vorwiegend im Süden Europas – gerieten in tiefe Krisen.

Die »Sieger« feierten das »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama) und wollten damit ausdrücken, dass sowohl die kapitalistische Marktwirtschaft als auch das politische System der repräsentativen Demokratie alle Angriffe von rechts und links erfolgreich abgewehrt habe und damit gleichsam alternativlos geworden sei. Deshalb seien die Lehren von Marx und Engels sowie die Programme der Sozialisten Geschichte geworden. Der Siegeszug des Neoliberalismus (ideologisch und politisch) werde nicht aufzuhalten sein. Der konservative Journalist und Zeithistoriker Joachim Fest, damals Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, proklamierte 1991 das »Ende des utopischen Zeitalters«. Der »Traum« vom Sozialismus sei endgültig »zerstört« worden. Er sei zum »Stoff für Historiker« geworden. »Der Marxismus kehrt nach blutigen Ausflügen wieder ins British Museum zurück.«²

Soweit die Konstellation in den frühen 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wie aber stellt sie sich heute – nach knapp drei Jahrzehnten – dar? Wir haben es zunächst einmal mit einer Paradoxie zu tun. Die Schwäche der sozialistischen und kommunistischen Linken im politischen Feld hält nach wie vor an, aber die Liste der Bücher und Aufsätze, die sich mit der »Krise« oder dem »Ende des Kapitalismus«, seinem »Sterben«, befassen, ist lang. Zu den prominenten Autoren gehören u. a. Immanuel Wallerstein, Jeremy Rifkin, Paul Mason und Wolfgang Streeck. Gleichzeitig wäre eine ebenso lange Liste von Büchern und Texten zu dem Thema »Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts« zu präsentieren. In New York erschien 2019 ein »Socialist Manifesto« von Bashkar Sunkara, dem Herausgeber der erfolgreichen Zeitschrift Jacobin, in dem dieser nicht nur die Geschichte des Sozialismus seit dem frühen 19. Jahrhundert rekapituliert, sondern diese Geschichte auch mit einem Kapitel über den »Sozialismus in den USA« enden lässt.

Natürlich reflektieren sich in diesen Debatten reale Krisenprozesse im System des globalen Kapitalismus – und darin kommt auch zum Ausdruck, dass im vergangenen Jahrzehnt, seit der Finanzkrise von 2008 ff., seit dem »Großen Crash« (Adam Tooze), immer wieder Ansätze einer sozialistischen Alternative, für ein Programm der Transformation artikuliert wurden. Paul Mason hat vor fast zehn Jahren ein Buch mit Titel »Why it’s kicking off everywhere« veröffentlicht. Darin hat er die verschiedenen Bewegungen in der Welt gegen soziale Ungleichheit, politische Unterdrückung, Korruption des politischen Systems – vom »arabischen Frühling« über Podemos und Syriza bis hin zu Occupy in New York – rekapituliert. Viele dieser Bewegungen wurden unterdrückt oder sind in sich zusammengefallen, haben Enttäuschungen hervorgerufen. Aber noch im vergangenen Jahr – vor der Pandemie – gab es in vielen Teilen der Welt »Aufruhr«, soziale und politische Unruhen, die von Volksbewegungen getragen werden, aber auch Ausdruck dieser paradoxen Konstellation sind. Die Kritik an den herrschenden kapitalistischen Verhältnisse ist deutlich gewachsen – die Kritik an Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung, aber auch an den Folgen des Wachstums (Klimakrise) und der Zerstörung der Natur. Diese Kritik und die Bewegungen, die sie artikulieren, verlaufen zyklisch und ungleichzeitig, und sie bewegen sich politisch meist nicht (theoretisch schon eher) in den Bahnen und der Tradition der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. In diesen Debatten gibt es aber auch den Beitrag der Philosophin Jodi Dean aus New York, die die Aktivisten der sozialen Bewegungen und des Aufruhrs daran erinnert, dass es eines organisierenden und strategisch leitenden Zentrums bedarf, um a) die Bewegungen gegen die Gegenschläge der Reaktion zu schützen und b) die Ziele solcher Bewegungen klarer zu artikulieren.³

Gleichzeitig fällt auf, dass viele dieser Autorinnen und Autoren aus dem angelsächsischen Raum stammen. Sie haben den Niedergang des »American Empire«, die Machtveränderungen im kapitalistischen Weltsystem und den gleichzeitigen Aufstieg der Volksrepublik China vor Augen. Die beruft sich nach wie vor auf Friedrich Engels als einen ihrer geistigen Staatsgründer. Und daher kann es auch nicht verwundern, dass zu dessen 200. Geburtstag zahlreiche Beiträge erschienen sind, die einerseits seine Bedeutung für die Entwicklung des Sozialismus im 19. Jahrhundert würdigen, aber andererseits gerade diejenigen Schriften besonders erwähnen, mit denen wir die »multiple Krise« der Gegenwart im Gesamtzusammenhang einer Formationsgeschichte der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Transformationsperspektiven begreifen und strategisch reflektieren können.

»Uomo universale«

Es scheint, dass heute die alten politischen Schlachtordnungen, die einst bei den Engels-Jubiläen aufeinandertrafen, an Bedeutung verloren haben. Das hat gewiss auch mit dem Ende des »realen Sozialismus« zu tun. Deshalb fällt es vielen vielleicht leichter, Engels bei der Betrachtung seines Lebens und seines Werkes als eine außergewöhnliche Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts zu würdigen. Als Unternehmer, als Lebensgefährte der irischen Baumwollspinnerin Mary Burns (die 1863 verstarb), als Freund, Koautor und Förderer von Marx, als Revolutionär in den bewaffneten Kämpfen des Jahres 1848, als Mitarbeiter der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) und als der anerkannte Berater (»General«) der sich im letzten Drittel des Jahrhunderts formierenden sozialistischen Arbeiterbewegung (Pariser Kongress der II. Internationale, 1889). Und wegen seines umfangreichen Werks (aus dem schon früh die Schriften »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie« von 1844 und zur »Lage der arbeitenden Klasse in England« von 1845 herausragen), der Zusammenarbeit mit Marx bei der Ausarbeitung des Historischen Materialismus (aus der das gemeinsame »Manifest« 1847/48 hervorgegangen ist, bis heute nach der Bibel das am häufigsten gedruckte und gelesene Buch unserer Zeit), der Kommunikation mit Marx bei der Entstehung des ersten Bandes des »Kapital« und – nach Marxens Tod – der Edition der Bände zwei und drei, schließlich wegen seiner zahlreichen historischen Schriften sowie der Spätwerke – über die »Dialektik der Natur« und die »Entstehung des Privateigentums, der Familie und des Staates« – und last but not least: wegen des umfangreichen Briefwechsels, der ihn nicht nur mit Marx, sondern auch mit großen Persönlichkeiten seiner Zeit verband – natürlich vor allem mit den Repräsentanten der sich seit den 1870er Jahren in sozialistischen Parteien, Gewerkschaften und Genossenschaften formierenden Arbeiterbewegung.

Engels selbst schrieb in der Einleitung zur »Dialektik der Natur« (1883) über die Renaissance als die Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft (hier trifft er sich durchaus mit Jacob Burckhardt⁴): »Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit.«⁵ In diesem Sinne könnte man Engels auch als »Uomo universale« jener Epoche bezeichnen, in der im Gefolge der großen Französischen Revolution mit ihrer Losung »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« und mit der industriellen Revolution in England die Geburt des modernen Sozialismus eingeleitet wurde. Im »Manifest« hatte Engels mit Marx angedeutet, wie in solchen Perioden Intellektuelle aus der herrschenden Klasse »Klassenverrat« begehen (so hatte es Georg Lukács in den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts formuliert) – und sie dachten dabei natürlich auch an sich selbst: »In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozess innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so heftigen, so grellen Charakter an, dass ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und namentlich ein Teil der bourgeoisen Ideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.«⁶

Ein Popularisator?

Viele der Texte, die jetzt zum 200. Geburtstag erschienen sind, räumen daher auch mit Vorurteilen auf, die immer wieder gegen Engels und sein Werk erhoben wurden (gelegentlich unterstützt durch die Bescheidenheit von Engels selbst, der noch 1884 betonte, dass er stets – in Bezug auf Marx und dessen »Kapital« – die »zweite Violine« gespielt habe⁷). Ein zentraler Vorwurf lautet, er habe die Arbeiten von Marx finanziert, aber dessen Erkenntnisse zu einem – von einem geschichtsoptimistischen Fortschrittsdenken geleiteten – Weltanschauungsmarxismus für die Arbeiterbewegung deformiert. Dieser sei dann von den Staatsparteien des »realen Sozialismus« als Legitimationsideologie verwendet worden. Mir scheint aber die Formel »Kein Marx (bzw. Marxismus) ohne Engels« in jedem Falle besser begründet als jene Varianten eines »Engelsismus«, die das Engelssche Denken als absteigendes Bindeglied zum »Sowjetmarxismus« (Iring Fetscher) abwerten.

In diesem Zusammenhang wird auch oft der Vorwurf erhoben, dass Engels die Schriften von Marx »popularisiert«, d. h. so vereinfacht habe, dass sie von Arbeitern seiner Zeit gelesen und verstanden werden konnten. Ich erinnere mich dabei an ein Gespräch mit Wolfgang Abendroth, der mir einmal sagte, dass er Friedrich Engels gerade deshalb besonders schätze, weil dieser Schriften verfasst habe, die von den Arbeitern seiner Zeit gelesen und verstanden wurden. Hierbei handelt es sich um eines jener akademischen Vorurteile, die den Charakter des Marxismus als »eingreifendes Denken« negieren – als strategisch orientierte kritische Analyse der bestehenden Herrschaftsverhältnisse (auf der Basis der Kritik der politischen Ökonomie) mit dem Ziel einer sozialistischen Transformation der kapitalistischen Gesellschaften, die nur durch praktisch eingreifende emanzipatorische Bewegungen (für Marx und Engels: der Klasse der Lohnarbeiter) bewirkt werden kann.

Die Vermittlung theoretischer Erkenntnisse mit der Erfahrung der Ausgebeuteten und Unterdrückten und ihren Kämpfen gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben der Entwicklung von Klassenbewusstsein. Sie steht (historisch) im Zentrum der Bildungsanstrengungen der Arbeiterbewegung. Und im modernen Kapitalismus, in dem die »ideologischen Staatsapparate« die Aufgabe der Systemstabilisierung in der Auseinandersetzung mit der Herausforderung durch den Sozialismus übernehmen, ist diese Vermittlungsarbeit (die immer auch Popularisierung einschließt) umso wichtiger geworden, wenn wir an die Entwicklung der Institutionen des Bildung- und Wissenschaftssystems auf der einen und die Bedeutung der Massenmedien auf der anderen Seite denken. Kritische Theorie, die sich auf den Diskurs kleiner akademischer Intellektuellenzirkel beschränkt, definiert ihre Grenzen (und ihre Distanz zu den wirklichen Bewegungen) gerade aus solcher Kritik.

Der Anspruch des Marxismus als Wissenschaft vom »Gesamtzusammenhang«⁸ impliziert allerdings auch eine Reihe von Widersprüchen, die in der Entwicklung der sozialistischen Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert immer wieder praktisch relevant wurden und neu aufgearbeitet werden mussten. Ich kann hier nur drauf hinweisen, dass die in den 70er Jahren in Gang gekommene internationale Debatte über die »politische Theorie des Marxismus« und ihre Defizite, bei der die Gerratana-Ausgabe der »Gefängnishefte« von Antonio Gramsci aus dem Jahre 1975 eine wichtige Rolle gespielt hatte, gerade auf solche Widersprüche (in Theorie und Praxis) hingewiesen hat. Ich erwähne in diesem Zusammenhang nur einige ausgewählte Fragen.

Marx hatte im »Kapital«⁹ kurz »die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation« behandelt; »die kapitalistische Produktion«, heißt es dort, erzeugt »mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation«. Die Vergesellschaftung der Arbeit, die Zentralisation des Kapitals, aber auch die ökonomischen Krisen, die Verelendung der Arbeiterklasse sowie die »Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse« sind die Triebkräfte dieses Prozesses. Engels teilte diese Auffassung. Allerdings beinhaltet diese historische Tendenz keine konkrete Prognose über das Ende der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformation. Daraus sind jedoch (in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts) immer wieder Varianten von Zusammenbruchstheorien abgeleitet worden, die politisch zum Sturz des Kapitalismus aufriefen, aber dessen Fähigkeit zur Erschließung neuer Anlagesphären, zur Entwicklung der Produktivkräfte sowie zum staatlich vermittelten Krisenmanagement unterschätzten.

Anmerkungen

1 Rosa Luxemburg: Unser Programm und die politische Situation. Rede beim Gründungsparteitag der KPD 1918/1919, in: Dies.: Gesammelte Werke Bd. 4, Berlin 1974, S. 490/491. Die folgenden Zitate S. 492, 492/493 und 495

2 Joachim Fest: Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991, S. 113

3 Jodi Dean: Crowds and Party, London/New York 2016

4 Jacob Burckhardt: Die Cultur der Renaissance in Italien, Basel 1860

5 Friedrich Engels: Dialektik der Natur, MEW 20, S. 312

6 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 471f.

7 So Engels 1884 an Johann Philipp Becker, in: MEW 36, S. 218; vgl. Georg Fülberth: Friedrich Engels, Köln 2018, S. 7ff.

8 Vgl. Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (»Anti-Dühring«), in: MEW 20, S. 20

9 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 789–791

Frank Deppe ist emeritierter Professor an der Universität Marburg. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle in der Ausgabe vom 22. April zusammen mit Georg Fülberth über das Leben der DKP-Funktionärin Ellen Weber anlässlich ihres 90. Geburtstages.

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