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Aus: Ausgabe vom 28.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Wie unter dem Mikroskop

Beteiligung von Wissenschaftlern an Naziverbrechen: Eine Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors
Von Sabine Lueken
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»Verwissenschaftlichung von Vorurteilen« – Pappschachtel mit der Aufschrift »Tarnow Juden 1942«

Als Frania Eisenbach Haverland im Sommer 2002 einen Anruf aus Wien und später auch Fotos erhielt, erlitt sie einen Schock. »Ich sah mein eigenes Bild, die Bilder meiner Brüder und Eltern, aber ich habe keine Erinnerung, wie und unter welchen Umständen diese Fotos entstanden.«

»Diese Fotos« stammen aus einer vergilbten Pappschachtel mit der Aufschrift »Tarnow Juden 1942«, die Margit Berner, Mitarbeiterin des Wiener Nationalhistorischen Museums, zufällig in der dortigen Sammlung fand. Fast 25 Jahre arbeitete Berner daran, die Identität der Menschen auf diesen Fotos aufzuklären und nach deren Angehörigen zu forschen. Die meisten von ihnen waren bald darauf ermordet worden, und es gab keine Spuren mehr. Die 1926 geborene Frania Eisenbach gehört zu den wenigen Überlebenden.

Die Nachforschungen bilden den Ausgangspunkt der – übrigens nicht von Schließung betroffenen – Ausstellung »Der Kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów« in der Berliner Topographie des Terrors, in deren Mittelpunkt das Schicksal der von Berner gefundenen Überlebenden und ihrer Familien steht. Wie unter dem Mikroskop zeigt die Schau die deutsche Vernichtungspolitik und deren Untermauerung durch »Wissenschaft« am Beispiel Tarnows, einer blühenden, österreichisch geprägten Kleinstadt in Westgalizien, 600 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Hier lebten bis 1930 zirka 25.000 Juden mit einer ebenso großen Anzahl römisch-katholischer Einwohner einträchtig zusammen. 15 Jahre später waren die Juden tot – erschossen, in Belzec vergast, in Konzentrationslagern ermordet.

Die »letzten Bilder«, kleine, anthropometrische Serienfotos, werden in der Schau gezeigt und doch nicht gezeigt. Sie bilden – in einer Art Setzkasten einsehbar nur von der Seite – das schwarze Zentrum der Ausstellung, um das sich alles gruppiert: Rassentheorie, die zu staatlicher Politik wurde, Ghettoisierung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung mit Hilfe der deutschen Behörden, mangelnde Strafverfolgung der Täter nach dem Krieg. Auch wer schon alles darüber zu wissen glaubt, erfährt hier Neues.

Die Fotos, angefertigt wie erkennungsdienstliche Polizeibilder von dem Worpsweder Fotografen Rudolf Dodenhoff, gehören zum Forschungsprojekt »Typische Rassenmerkmale der Ostjuden«, initiiert durch das im April 1940 im besetzten Krakau von Hans Frank gegründete Institut für Deutsche Ostarbeit (IDO). Ein Zweig des IDO war die »Verwissenschaftlichung von Vorurteilen«, nämlich Forschungen zum Nachweis der Minderwertigkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen. Zwei ehrgeizige Wissenschaftlerinnen wollten damit ihre Postdoc-Karrieren befördern. Dora Maria Kahlich war Mitarbeiterin des Anthropologischen Instituts der Universität Wien, Elfriede Fliethmann hatte seit Juli 1941 eine Stelle am IDO. Nachdem ihre männlichen Vorgesetzten zur Wehrmacht eingezogen worden waren, witterten sie ihre Chance: »Zeigen, dass auch Frauen etwas können!« Sie reisten im Frühjahr 1942 nach Tarnow und zwangen in nur zwei Wochen mit Hilfe der örtlichen Behörden und des SS-Sicherheitsdienstes 106 aus ihrer Sicht passende Familien aus dem Ghetto – insgesamt 565 Menschen – zu Porträt- und Ganzkörpernacktaufnahmen, erhoben persönliche Daten, vermaßen Schädel und nahmen Fingerabdrücke.

Dabei fühlten sie sich pudelwohl, obwohl sie sehr genau über die erbärmlichen Lebensumstände ihrer Probanden Bescheid wussten, auch, dass sie sich beeilen mussten. »Wir wissen nicht, welche Maßnahmen über die Aussiedlung der jüdischen Bevölkerung für die nächsten Monate geplant sind«, schrieb ihnen Anton Plügel, Koordinator des Projekts am IDO. »Unter Umständen könnte uns durch zu langes Warten wertvolles Material entgehen.« Wenig später – ca. 20.000 Tarnower Juden waren schon ermordet – schrieb Fliethmann an Kahlich: »Von unseren (ist) fast niemand mehr (da). Unser Material hat also heute schon Seltenheitswert.« Nach dem Krieg konnten die beiden Frauen ihre wissenschaftlichen Karrieren nicht fortsetzen, Kahlich kehrte in Wien zu ihrer Tätigkeit als Gutachterin in Vaterschaftsklagen zurück, Fliethmann zog nach Westberlin und wurde dort Sozialpädagogin.

Margit Berner fand die Untersuchungsbögen zu den Fotos im Washingtoner Smithsonian Institute, wohin sie nach dem Krieg als Beutedokumente gelangt waren. Sie bildeten den »Missing Link« und schufen die Möglichkeit, die Überlebenden zu finden. Nach dreißig Jahren schließt sich auch für den Historiker Götz Aly, Mitkurator der Ausstellung, der Kreis. In seiner mit Susanne Heim 1991 veröffentlichten Studie »Vordenker der Vernichtung« fand Berner seinerzeit als ersten Hinweis zu ihrem Fund den Briefwechsel der beiden Anthropologinnen.

Der Katalog zeigt die komplette Ausstellung. Auch der Begleitband von Berner ist empfehlenswert. Sie hat darin das Leben und Sterben aller 106 Familien nachgezeichnet, mangels anderer Quellen fast ausschließlich mit Hilfe der damals erhobenen Daten und Fotos. Von den meisten Ermordeten existieren keine weiteren Lebenszeugnisse. Einzig in diesem Buch wird ihr Andenken bewahrt.

»Der kalte Blick«, Topographie des Terrors bis 11. April 2021. Katalog Stiftung Topographie des Terrors, Berlin 2020, 270 Seiten, 18,00 Euro

Begleitband von Margit Berner: »Letzte Bilder. Die ›rassenkundliche‹ Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942«. Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2020, 292 Seiten, 39 Euro

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