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Aus: Ausgabe vom 28.11.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Arbeiterbewegung

Für die Weltgemeinschaft

Lea Grundigs Bildzyklus zum Kommunistischen Manifest erscheint 52 Jahre nach dem ursprünglichen Publikationsvorhaben
Von Andreas Wessel
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»Die Entstehung des sozialistischen Lagers«: Blatt 5 aus dem Zyklus »Zum Kommunistischen Manifest« von Lea Grundig

Der heutige Tag ist Friedrich Engels’ 200. Geburtstag. Neben Karl Marx ist er der Koautor des »Manifests der Kommunistischen Partei«. Die Publikationsgeschichte des ersten Programms der revolutionären Arbeiterbewegung aus dem Jahr 1848 wird mit dem heutigen Tag fortgeschrieben: Das Manifest erscheint im Verlag 8. Mai mit einem bisher nie komplett und nie farbig gezeigten, elfteiligen Bildzyklus der Malerin Lea Grundig. Die weltbekannte Künstlerin aus der DDR, langjährige Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler ihres Landes, hat auf elf Tafeln einen sozialistischen Realismus entstehen lassen, der die Weltverhältnisse des Klassenkampfs der 1960er Jahre und die damit verbundene Siegessicherheit für den Betrachter sichtbar macht. Aus dem letzten Kapitel des Nachworts von Andreas Wessel, Kurator der jW-Kunstedition, zu Kunst und Theorie von Lea (und Hans) Grundig veröffentlichen wir an dieser Stelle eine stark gekürzte Passage zur missglückten Publikationsgeschichte von damals. (jW)

Im März 2019 erwarb der Verlag 8. Mai auf der Leipziger Antiquariatsmesse ein bemerkenswertes Konvolut von Andrucken des Dietz-Verlags für farbige Illustrationen zum Manifest der Kommunistischen Partei von der Hand Lea Grundigs. Ein Blick in die Bibliotheksdatenbanken zeigte sofort, dass ein derartiges Buchprojekt offenbar weit gediehen war, aber nie realisiert wurde. Dies stimmt auch mit der handschriftlichen Bezeichnung des grauen Umschlags überein [in dem die Andrucke gefunden wurden; jW]: »Manifest der KP 1969 / – nicht veröffentlicht – «, und erlaubt uns damit auch eine erste zeitliche Einordnung des Dokuments.

Nun ist das Scheitern von ambitionierten Publikationsvorhaben nichts Ungewöhnliches. In diesem Falle jedoch ließ eine erste Suche aufhorchen. Es fand sich nicht nur ein Vorgang in den Akten des Dietz-Verlages, sondern auch ein Treffer in den Sitzungsprotokollen des Sekretariats des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). In der Beratung am 4. Februar 1970 ist der Tagesordnungspunkt 25: »Illustrationen der Genossin Lea Grundig zum Kommunistischen Manifest«. Die Tatsache, dass sich eines der höchsten politischen Entscheidungsorgane der DDR mit diesem Vorhaben und eventuell dessen Scheitern befasst hatte, weckte naturgemäß Neugier, die jedoch, um es gleich vorwegzunehmen, durch die Akteneinsicht nur teilweise gestillt werden konnte.

Die Geschichte dieser Illustrationen lässt sich aus den Akten derzeit folgendermaßen rekonstruieren: 1966 tritt der Dietz-Verlag an Lea Grundig mit dem Vorschlag heran, Illustrationen für eine Ausgabe des »Manifests der Kommunistischen Partei« zu schaffen. Der schon im ersten Vertragsentwurf vom Dezember 1966 genannte Abgabetermin 31. März 1968 legt nahe, dass es um eine Jubiläumsausgabe zum 120. Jahrestag der Erstveröffentlichung des Manifests ging. Im endgültigen Vertrag ist dann explizit von einer »Sonderausgabe« die Rede, für die »12 farbige Zeichnungen« für ein Honorar von »MDN [Mark der Deutschen Notenbank] 300,- je Zeichnung« zu liefern seien. Aus ihrer ganzen Biographie heraus ist es jedenfalls nachfühlbar, dass solch ein Angebot für Lea Grundig in höchstem Maße künstlerische und politische Verpflichtung und Herausforderung bedeutete und sie sich mit all ihrem Wollen und Können, Denken und Fühlen hineinstürzte.

Wozu Bilder im Manifest?

Hier ergab sich nun die Möglichkeit, im Zusammenklang mit dem Text ihren eigenen Anspruch an eine realistische Kunst zu erfüllen. Sicher auch mit Blick auf ihren Manifest-Zyklus schrieb sie: »Zu den schwierigsten Gestaltungsaufgaben zählen Kompositionen mit großem Ideengehalt. Die Anforderungen an die Phantasie und das Denken der Künstler sind in der sozialistischen Gesellschaft, in der das wissenschaftliche Denken allgemein wird, sehr gewachsen. An Stelle dekorativ gestalteter Symbole müssen echte, durch tiefes und leidenschaftliches Fühlen und Denken gefundene Bilder treten, Bilder im Sinne des ›Sich-ein-Bild-Machens‹, der Ordnung vieler Erscheinungen zu einem bildhaft klaren Gedanken.« Auf die Frage »Wozu braucht das Manifest Bilder, ist seine Sprache nicht bildhaft genug?« kann sie antworten: »Der Betrachter soll durch das Bild die Zusammenhänge sehen und emotional und rational zugleich erregt werden.« Es geht um eine Wechselwirkung von Bild und Text, die helfen soll, den Blick zu schärfen, aber auch Fragen in der jeweils aktuellen Weltlage zu stellen. Grundig wagt sich nun also an die ganze menschliche Gesellschaft – im Klassenkampf um die Zukunft.

Zurückblickend schreibt sie: »Ich konzentrierte mich ein volles Jahr auf diese Arbeit. Kein Porträt, keine Landschaft entstand. Ich lebte ganz in den Gedanken dieses Werkes.« Und das Werk ragt in jeder Hinsicht aus ihrem bisherigen Schaffen heraus. Für eine Buchillustration sind die Blätter außergewöhnlich groß angelegt, äußerst detailreich und mit einer für Grundig ungewöhnlich reichen Farbigkeit, die sie in diesem Maße noch nie für politische Arbeiten verwendet hatte – für die Blätter 7 und 8 nutzt sie sogar Blattgold. Das Blatt 2 gestaltet sie unter Verwendung von Collageelementen, einzigartig in ihrem Werk und durchaus auch ein klares ›formalistisches‹ Bekenntnis, da Collage- und Montagetechniken, wie sie im Dada und der politischen Kunst John Heartfields (1891–1968) zur Blüte gebracht wurden, lange Zeit dem Formalismusverdikt verfielen.

Was wurde besprochen?

Die Verzögerung gegenüber dem ursprünglichen Abgabetermin mag einen Teil der Unstimmigkeiten begründen, die sich wohl im Laufe des Jahres 1968 zwischen Verlag und Illustratorin entwickelten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die inhaltliche Komplexität ihrer Blätter mit großer Zurückhaltung aufgenommen wurde, und durchaus nicht zu Unrecht konnte man Zweifel an der von Grundig geforderten Vorbildung, die von ihr zur produktiven Auseinandersetzung mit ihren Bildern vorausgesetzt wurde, haben. Einen aufschlussreichen Kontrast bilden da die Bilder [des belgischen Malers Frans; jW] Masereels, die bei aller Formvollendung doch etwas unterkomplex sind: Da steht der sprichwörtliche feiste, Zigarre rauchende Kapitalist vor den demonstrierenden Arbeitern oder wirft Fäuste schüttelnd die Mutter mit ihrem Kind aus der Wohnung, und am Ende gar brennt eine Figur mit Zylinder auf dem Scheiterhaufen. Illus­trationen, gewiss, ob dies aber dem Verständnis des Verhältnisses der antagonistischen Lager im Jahr 1967 für die Bürger der DDR diente, kann getrost bezweifelt werden. Eine Personifizierung der Wirkmechanismen des Kapitals im »bösen Kapitalisten« lag Lea Grundig fern. Sie hatte ein ganz anderes, höheres Ziel mit ihren Arbeiten: »Ich wollte die Wahrheit des Kommunistischen Manifestes darstellen an den Ereignissen unseres Jahrhunderts. Es sollten also keine Illustrationen des Textes sein, der 1848 geschrieben wurde, sondern die künstlerische Beweisführung für seine Gültigkeit in unserer Gegenwart.«

Am 4. Februar 1970 kommt es dann in der schon erwähnten Sitzung des Sekretariats des ZK zu einer Besprechung des Tagesordnungspunktes 25, Thema sind die »Illustrationen der Genossin Lea Grundig zum Kommunistischen Manifest«. Man wüsste gerne, was dort besprochen wurde, leider ist der protokollierte Beschluss von geringstmöglichem Inhalt: Gäste der ZK-Sitzung »werden beauftragt, mit der Genossin Lea Grundig zu sprechen«. Am 27. April schreibt dann Dietz-Cheflektor Gerhard König an die »Liebe Genossin Prof. Grundig! Im Ergebnis der Besprechung Ende März schlagen wir Dir vor, den seit 1967 bestehenden Vertrag über die Illustrierung des ›Manifestes der Kommunistischen Partei‹ aufzulösen.« Der Durchschlag des Briefes trägt den handschriftlichen Vermerk: »Bin mit der Lösung des Vertrages zum Kommun. Manifest einverstanden Lea Grundig«. Die Gründe für das endgültige Scheitern bleiben also im dunkeln, und wir kommen über die oben angedeuteten Vermutungen nicht hinaus.

Allerdings brauchte es nach der Entdeckung dieses, jetzt endlich vollständig ans Licht gebrachten Schatzes auch keiner besonderen Rechtfertigung, das vorliegende Buch zu produzieren. Der »in Bewegung versetzende Hass«, Dath schreibt darüber [in der Einleitung], hier findet er wieder seinen allzu aktuellen Gegenstand. Lea Grundig: »Die große Mehrheit der Einen schafft alle Werte, die wenigen Anderen bringen sie an sich.« Ihre Bilder helfen erneut, sich davon ein Bild zu machen, ein »Weltbild« (Dath), das als Mittel der Erkenntnis zum Weltbegriff wird. Die Bilder zeigen keine Utopie – ebensowenig wie das Manifest selbst –, sondern sie zeigen diejenigen, die für die Verwirklichung ihrer Utopie kämpfen: »Die Massen des Proletariats sollen wie eine mächtige Kraft erscheinen, einheitlich als Klasse, aber differenziert in den einzelnen Menschen.« Ist die Zeit wieder bereit für Lea Grundigs revolutionären Realismus? »Wer sich Gedanken macht, wird es verstehen.«

Hohe Buchdruckkunst

Dank der Bestellung von 100 Subskriptionsexemplaren durch Leser der jungen Welt und des Kulturmagazins Melodie & Rhythmus konnte das Buchprojekt »Lea Grundig – Elfteiliger Bildzyklus zum Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels« realisiert werden. Erneut ist bewiesen, dass es auf die Solidarität von Leserschaft und Verlag ankommt, wenn etwas Besonderes – mit dem man die heutigen Verhältnisse besser verstehen kann – in die Welt gesetzt wird.

Das Besondere dieser Ausgabe sind – bei allem Vorrang der Bilder von Lea Grundig – auch die Texte in diesem Buch. FAZ-Feuilletonredakteur Dietmar Dath leitet die Lektüre des »Manifest« mit starken Worten ein: »Wer meint, sich aus dem Kampf heraushalten zu können, lebt statt als Mensch nur als Nutz- und Haustier.« Den Arbeitern werde von 1848 bis heute klargemacht, dass sie für das Kapital keine Menschen sind, sondern lebendige Arbeitsmittel für die Realisierung ihrer Profite: Sie müssen sich alles Menschliche – von Lebensmitteln, Wohnen, Sozialversicherung bis hin zu einer grundsätzlich gesicherten Lebensweise – erkämpfen.

Dem »Manifest« ist die Einleitung von Friedrich Engels aus dem Jahr 1888 vorangestellt. Darin können die Umstände des Entstehens des Werkes nachgelesen werden. Engels’ Text und auch der dann folgende »Manifest«-Text sind sorgfältig ediert. Grundlage beider Niederschriften sind die Marx-Engels-Werke. Die Seitenzählung dort ist in der Neuveröffentlichung berücksichtigt, so dass man aus der neuen Ausgabe auch zitieren kann, ohne die MEW zur Hand zu haben. Beide Texte sind im 19. Jahrhundert entstanden; einige Wörter sind uns heute fremd, ebenso dort genannte Personen. Aus diesem Grund sind erklärende Marginalien beigefügt worden.

Andreas Wessel hat einen Text von Lea Grundig in den Archiven entdeckt, in dem sich die Künstlerin direkt zu ihrem Bildzyklus äußert. Er steht vor dem großen Nachwort des Kurators der jW-Kunstedition, in dem dieser Leben und Kunstanspruch von Lea Grundig und ihrem Mann Hans kenntnisreich und archivgesichert darstellt.

Interpress aus Budapest verfügt über vielfältige Kontakte zu etlichen Druckereien, die Spezialaufträge ausführen. So konnten wir die zu verwendenden Papiere, die Fadenbindung, das Lesebändchen und den Fünffarbdruck (für zwei der elf Abbildungen) mit einer Druckerei erarbeiten, die mit großer Sorgfalt unsere Wünsche erfüllte. Sie schlug händisch (!) um jeden Textbogen einen Bogen Kunstdruckpapier für die Abbildungen. So liegt nun ein Buch vor, das weit über den Standard hinausgeht. (ah)

Das Buch ist für 22,90 Euro im jW-Shop erhältlich: www.jungewelt-shop.de/grundig_manifest

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