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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Wie es leuchtet

Perfekt ausbalanciert: Das neue Album der israelisch-iranischen Künstlerin Liraz
Von Christina Mohr
Liraz by Ronen Fadida (2).jpg
Setzt sich für Annäherung von Israel und Iran ein: Liraz

Dass es in manchen Teilen der Erde lebensgefährlich sein kann, Popmusik zu hören oder zu produzieren, zeigt das neue Album der israelisch-iranischen Künstlerin Liraz: Auf dem Cover von »Zan« bleiben die iranischen Musiker anonym, die Zusammenarbeit fand ausschließlich geheim und virtuell statt, in ständiger Angst, entdeckt zu werden.

Geboren und aufgewachsen in Ramla bei Tel Aviv, fand die Tochter iranischer Eltern erst während eines längeren Aufenthalts in Los Angeles zu ihren Wurzeln. In »Teherangeles« lebt die weltweit größte iranische Community, und dort fasste Liraz den Entschluss, ihre Popularität als Sängerin und Schauspielerin – sie ist in Hollywoodproduktionen wie »Fair Game« und »A Late Quartet« zu sehen, unlängst spielte sie eine Mossad-Agentin in der Serie »Tehran« – für die Versöhnung oder wenigstens Annäherung von Israel und Iran einzusetzen.

Liraz’ Vision eines toleranten, friedlichen Zusammenlebens mag angesichts der politischen Situation blau­äugig erscheinen, die musikalische Umsetzung ist nichts weniger als grandios: Der Opener »Zan Bezan« verfängt sofort, fasziniert mit einem Mix aus elektronischen und akustischen Instrumenten, tiefen Bässen, unerwarteten Rhythmuswechseln und mittelöstlichem Kadenzgesang. Liraz’ Stimme kann mysteriös und beschwörend klingen, abgeklärt und cool – und zwar komplett in Farsi. 2020 scheint das Jahr zu sein, in dem sich Pop vom Englischen als allgemeingültigem Code emanzipiert, siehe/höre z. B. Lido Pimiento, Hinds oder Melenas, aber das nur am Rande.

Zurück zu Liraz: Auch »Hala« und »Bia Bia« sind überschwengliche, im wahrsten Sinn des Wortes grenzüberschreitende Dancetracks, doch auch die weniger percussiongetriebenen Stücke wie das jazzbeeinflusste »Shab Gerye« und das vertonte Gedicht »Lalai« am Schluss überzeugen, bestechen durch Ruhe und Tiefe. Bei der Dichte des Materials und der Menge an stilistischen Zutaten hätte »Zan« durchaus überdekoriert zusammenbrechen können, aber das Gegenteil ist der Fall. Die einzelnen Komponenten sind perfekt ausbalanciert und lassen jedes Element leuchtend hervortreten.

»Zan« heißt übrigens »Frauen«: Liraz widmet ihre zweite Platte (»Naz« erschien 2018) ihren Großmüttern und Tanten, die trotz Zwangsverheiratung in frühester Jugend und zahlreichen Geburten nie den Spaß am Leben verloren – aus diesem und vielen anderen Gründen ist »Zan« eine der wichtigsten und bewegendsten Platten des Jahres.

Liraz: »Zan« (Glitterbeat/Indigo)

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