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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Postpunk

Fast schon skizzenhaft

Vor 40 Jahren erschien »Colossal Youth«, das einzige Album der britischen Postpunkband Young Marble Giants
Von Michael Saager
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»Lass uns einfach in die entgegengesetzte Richtung gehen« – Young Marble Giants

Es ist schlank, melancholisch und ziemlich cool: »Colossal Youth« aus dem Jahr 1980, das erste und einzige Album der Postpunkband Young Marble Giants. Jahrelang war es vergriffen – ein glücklicher Fund auf Plattenbörsen, eine Erinnerung Älterer. 2007 dann wurde es erstmals wiederveröffentlicht – in einer um die Single »Final Day«, die EP »Testcard« und einige Demotracks erweiterten Luxusedition, versehen mit klugen Linernotes des Postpunkspezialisten Simon Reynolds.

Die Young Marble Giants also. Die Cardiffer Band um den Songwriter und Gitarristen Stuart Moxham, seinen Bruder, den Bassisten Phil Moxham, und dessen Freundin Alison Statton am Mikrofon war gewissermaßen eine musikalische Eintagsfliege – kaum war sie da, war sie wieder weg. Die (künstlerischen) Differenzen innerhalb der Band waren zu groß. Moxham mochte die schüchterne Sängerin, deren Texte er auch schrieb, nicht akzeptieren. Dummerweise war sie eine Bedingung fürs Zustandekommen der Band. Sein Bruder hätte andernfalls nicht mitgemacht. Also spielten sie zu dritt und zerstritten sich sofort wieder.

Umso stattlicher die Prominenz ihrer leidenschaftlichen Anhängerschaft: Kurt Cobain liebte sie sehr, David ­Byrne und Sonic Youth waren Fans, Belle and Sebastian, Adam Green, Stereolab, Hole haben ihre Songs gecovert; die Prä-Hamburger-Schule-Band Kolossale Jugend hat sich sogar nach »Colossal Youth« benannt – ein spontaner Bestseller übrigens, die Platte, binnen nur fünf Tagen im Studio eingespielt.

Der Kultstatus von Band und Album ist musikhistorisch nicht unbegründet: »Colossal Youth«, wie auch die Musik vieler anderer Postpunkbands, war ein dringend notwendiger Kommentar zur Zeit; eine musikalische Art des Sichfreistrampelns und somit ein Affront gegen traditionellen Rock und den immer breitbeinigeren Punkrock, der damals, obgleich bereits für tot erklärt, allerorten von den Bühnen herunterbratzte. Stuart Moxham erinnerte sich in einem Interview: »Alle dort draußen machten so ziemlich das gleiche; also war meine Idee: Lass uns einfach in die entgegengesetzte Richtung gehen und schauen, was man sonst noch machen kann: ruhig sein etwa, minimalistisch.«

Sehr zurückgenommene, beinahe verwundbare Songs sind es geworden, auf dem Album und auch sonst. Viele Stücke haben fast schon etwas Skizzenhaftes, und Stattons Stimme klingt wirklich meilenweit entfernt, unnahbar und traurig zugleich. Das Album ist jetzt 40 Jahre alt. Von seiner kargen Schönheit hat es bis heute nichts verloren.

Bei Domino erscheint Ende November auf Vinyl und CD eine Sonderausgabe mit dem Debütalbum »Colossal Youth«, Songs der Compilations »Salad Days«, »Is the War Over«, der Single »Final Day« und ihrer »Testcard«-EP sowie einer Live-DVD ihrer letzten US-Show bei Hurrah in New York 1980.

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