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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 7 / Ausland
Niederlande

»Eine erwachsene Partei«

Antisemitismus und Homofeindlichkeit: Machtkampf bei rechtem FVD in Niederlanden
Von Gerrit Hoekman
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»Fast alle, die er kenne, seien Antisemiten«: Thierry Baudet in der Zweiten Kammer des Parlaments der Niederlande (18.3.2020)

Thierry Baudet galt als Hoffnungsträger der Neurechten in den Niederlanden. Seine 2016 gegründete Partei »Forum voor Democratie« (FVD) holte bei der EU-Parlamentswahl im vergangenen Jahr elf Prozent und lief der rechten Ikone Geert Wilders mit seiner PVV den Rang ab. Doch nun ist im Forum das Chaos ausgebrochen, es tobt ein Machtkampf.

»Niemand hat ein Interesse daran, sich weiter gegenseitig mit Dreck zu bewerfen. Wir teilen einfach den Topf«, machte Baudet am Donnerstag in der Sendung »Goedemorgen Nederland« im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Ansage, die viele in der Partei überrascht haben dürfte. Vor ein paar Tagen hatte Baudet nämlich noch seinen Rücktritt von allen Ämtern angekündigt.

Jetzt will er aber doch bleiben. »Sie wollten mich ganz sterben sehen, weg haben. Das ging mir zu weit«, erklärte Baudet seinen plötzlichen Sinneswandel. Statt dessen fordert er nun seine Gegner auf, die Partei zu verlassen.

Inzwischen wird mit Mitteln um die Macht gekämpft, die einem zerstrittenen Provinzverein alle Ehre machen würden. Drei Mitglieder des Vorstands wollten am Donnerstag Anzeige gegen Baudet erstatten, weil sie keinen Zugang mehr zu den offiziellen Accounts der Partei in den sozialen Medien haben und aus dem gesamten IT-Bereich ausgesperrt sind, berichtete die Tageszeitung Het Parool am Donnerstag.

Ganz untätig blieben seine Gegner unterdessen nicht. Sie wechselten die Schlösser im Parteibüro aus. Baudet muss draußen bleiben. Die Mehrheit des Vorstands droht ihm laut Tageszeitung De Volkskrant mit dem Parteiausschluss, sollte er den Zugang zum Internet nicht umgehend freigeben. »Sind diese Leute komplett verrückt geworden?« zitiert die Volkskrant Baudet. »Ich habe das Forum gegründet. Nun wollen sich mich hinauswerfen.«

Die Kritik an Baudet entzündete sich am vergangenen Wochenende, nachdem bekannt geworden war, dass in Whats-App-Gruppen des Jugendverbands des FVD antisemitische und homofeindliche Meinungen ausgetauscht werden. Das von der SS 1942 herausgegebene Buch »Der Untermensch« wurde als »Meisterwerk« gefeiert. Während die meisten hohen Funktionäre des Forums entsetzt waren, spielte Baudet die Vorgänge herunter.

Damit war die Schlacht eröffnet. ­Nicki Pouw-Verweij, Mitglied im niederländischen Senat, berichtete in einem Brief an den Parteivorstand von einem Abendessen am vergangenen Freitag, an dem die ersten zehn auf der Kandidatenliste für die Parlamentswahlen am 17. März 2021 teilgenommen hatten. Dabei habe sich gezeigt, dass Baudet sich in zunehmendem Maße »radikalisiere«.

Er habe die Meinung vertreten, Corona sei von dem Milliardär jüdischer Herkunft, George Soros, in die Welt gesetzt worden, »um uns die Freiheit zu stehlen und eine neue Weltherrschaft zu beginnen«, berichtete Pouw-Verweij. Was »Hillary Clinton und den Pädophilen« nicht gelungen sei, solle nun durch Corona gelingen. Baudet habe Pouw-Verweij und andere gefragt, warum sie sich auf einem »Kreuzzug gegen den Antisemitismus« befänden. Fast alle, die er kenne, seien Antisemiten, habe Baudet gesagt. Andere Teilnehmer am Abendessen bestätigen den Inhalt des Briefs anscheinend.

Baudet hingegen bestreitet die Aussagen und wittert ein Komplott. »Das ist ein Putsch gegen mich«, zitiert ihn die Volkskrant am Donnerstag. »Wer bei mir bleiben will, bleibt beim Forum voor Democratie. Der Rest kann was Neues anfangen«, erhob Baudet bereits bei »Goedemorgen Nederland« Anspruch auf den Parteinamen.

»Das FVD ist eine erwachsene Partei, in der er nicht mehr alleine bestimmt«, twitterte Senator Antoine Beukering. »Akzeptiere den Ausschluss!« Mehrere Abgeordnete des Forums im Senat und EU-Parlament stimmten dem zu. Aber noch ist der rechte Rosenkrieg nicht entschieden.

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