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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 16 / Sport
Tennis

Rückkehr zu Serve-and-volley

ATP-Finals-Gewinner Daniil Medwedew ist einer der abgebrühtesten Champions seit langem
Von Peer Schmitt
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»Eine große TV-Show«: Daniil Medwedew am Sonntag in London

Die 50. ATP Finals, die am Sonntag in London endeten, waren die letzten, die dort ausgetragen wurden. Ab dem kommenden Jahr wird das Turnier der acht besten der Weltrangliste im Pala Alpitour in Turin stattfinden. Die Mehrzweckhalle fasst 16.500 Zuschauer. Ob es dann wieder Tennismatches vor Zuschauern geben darf, ist ungewiss. Das Finale zwischen Dominic Thiem und Da­niil Medwedew am Sonntag in London verfolgten vor Ort nur Offizielle und die Trainer der beiden Spieler, es hätte genausogut in einem großräumigen TV-Studio stattfinden können.

Aber auch so hat sich einmal mehr bestätigt: Hallentennis mit zwei Gewinnsätzen auf einem nicht allzu langsamen und stumpfen Bodenbelag ist das beste Tennis überhaupt. Die beiden Halbfinals und das Endspiel waren spektakulär gut. Dazu trug überraschend Rafael Nadal bei, der nicht unbedingt als besonders guter Hallenspieler gilt. Der altersweise 34jährige ist inzwischen aber einer der besten Netzspieler, listig und mit sensationellem Touch. Der Titel bei den ATP Finals fehlt ihm dennoch weiterhin. Seine Niederlage im Halbfinale gegen Medwedew war dabei fast so unglücklich wie die mit 6:7, 6:7 gegen Thiem in der Gruppenphase. Bei 6:3, 5:4 schlug Nadal zum Matchgewinn auf, und niemand hätte gedacht, dass der Spanier ausgerechnet dieses Service game zu null abgeben würde. Doch genau das geschah. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Medwedew so gut wie alle seine Chancen liegenlassen, danach spielte er auf einer anderen Ebene. Fast zwei Sätze lang hatte ihn Nadal überlistet, nun rückte er näher an die Grundlinie, returnierte früher und schneller. Er gewann das verloren geglaubte Match 3:6, 7:6, 6:3.

Zuvor hatte im anderen Semifinale Thiem den Weltranglistenersten Novak Djokovic bereits 7:5, 6:7, 7:6 niedergekämpft, obwohl er im entscheidenden Tiebreak des dritten Satzes schon 0:4 zurückgelegen hatte. Beide Finalisten hatten damit in dem Turnier sowohl Djokovic als auch Nadal besiegt. Der Österreicher Thiem ist aktuell der kraftvollste und ausdauerndste. Seine Defensive ist mindestens so unermüdlich wie die von Nadal, sein Umschalten auf Offensive spektakulär. Das Finale dominierte er zunächst aus der Defensive. Er und sein Trainer Nicolás »El Vampiro« Massú hatten sich Medwedews Halbfinale gegen Nadal wohl genau angesehen und bemerkt, dass ein Slice auf die Rückhand des Russen eine erfolgversprechende Taktik ist, schon um ihm das Tempo für die gefürchteten Konterschläge zu nehmen. Sobald Thiem selbst in Bedrängnis kam, antwortete er mit herausragenden Aufschlägen und brutaler Vorhand. Er gewann den ersten Satz 6:4, verschlug aber im zweiten einen leichten Ball aus dem Halbfeld, der die Vorentscheidung hätte bringen können – gleichsam ein vergebener Elfmeter.

Am Ende des ersten Satzes hatte Thiem mit einem Netzroller Riesendusel, im zweiten wirkte Medwedew nach der abgewehrten Breakchance souveräner. Vor allem aber vollzog er eine taktische Änderung. Gegen Thiems defensive Wand musste er ans Netz, koste es, was es wolle. Das Finale sah – wie das gesamte Turnier – eine Renaissance des Netzspiels, sogar von Serve-and-volley. Dabei ist Medwedew alles andere als ein Netzspieler, seine Volleys haben nicht den Touch von Nadal oder Thiem (Spieler mit einhändiger Rückhand sind da meist technisch besser). Er blieb dennoch konsequent auf dieser Angriffslinie. Auch den entscheidenden Punkt im dritten Satz machte er nach einem Netzangriff, es war seine zehnte Breakchance im Match und blieb die einzig genutzte. Das reichte in einem aufschlagdominierten Match zum 4:6, 7:6, 6:4.

Medwedew blieb bei den ATP Finals nicht nur ungeschlagen, er bezwang auf dem Weg zum Turniersieg die Top drei der Weltrangliste. In ihm hat das Turnier einen der verdientesten und abgebrühtesten Champions seit langem. Die letzte Ausgabe in London bot eine große TV-Show. Hinter den Kulissen aber brodelten schon die Konflikte zwischen der ATP und der neuen, von Djokovic mitgegründeten Spielervereinigung PTPA. Selbst der Termin für den Saisonbeginn 2021 in Australien steht wegen der strikten und widersprüchlichen Quarantänepolitik des Landes noch nicht endgültig fest.

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