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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Soziale Medien

Von Marc Püschel
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Der Stil ist mitunter kindisch, doch die sozialen Medien spielen auch eine wichtige Rolle als Stimmverstärker von Protesten

Wie sozial sind die sozialen Medien? Die Frage spielt mit der doppelten Bedeutung des Adjektivs. Dabei steht bei dem mittlerweile etablierten Ausdruck nicht die normative (im Sinne von gemeinnützig), sondern die deskriptive Bedeutung im Vordergrund. Sozial meint dann schlicht die Gesellschaft betreffend, vergleichbar mit dem Begriff Sozialwissenschaft. Die so benannten Medien sind gesellschaftlich in dem Sinne, dass alle Nutzer zugleich potentielle Produzenten sind. Inhalte wie Texte, Bilder, Video- oder Tonaufnahmen können von den Konsumenten selbst erzeugt und verbreitet werden (der Angloamerikaner sagt: user-generated content), die Kommunikation verläuft dabei interaktiv, also wechselseitig, statt wie in den klassischen Medien von wenigen professionellen Produzenten hin zu einer Menge von eher passiven Konsumenten.

Die ausschließlich digitalen sozialen Medien etablierten sich ab Mitte der 90er Jahre, zunächst in der Form von Blogs, unabhängigen Foren und spezialisierten Communities. Kaum 15 Jahre später war der Markt unter einer Handvoll Konzerne aufgeteilt. Der Kurznachrichtendienst Twitter, das Netzwerk Facebook und Content-Plattformen wie Youtube dominieren seither das Internet. Diese einzigartige Schnelligkeit der Monopolbildung ist nicht allein der natürlichen Tendenz des Kapitals, sondern auch der »Gravitation der sozialen Masse« geschuldet. Die Teilnahme an einem sozialen Medium ergibt nur Sinn, wenn es auch der Bekannten- und Freundeskreis nutzt. In kürzester Zeit strömen dadurch alle Nutzer zu einem Netzwerk und befördern ungewollt dessen Monopolbildung.

Seitens der Konzerne ist das Anbieten der Plattformen ein Ausdruck der »inneren Landnahme«, dem Drang des Kapitals, sich immer weitere Profitmöglichkeiten zu erschließen (in dem Falle das Sammeln von Daten zu Werbezwecken). Dabei kann sich selbst in einer reaktionären Form ein emanzipativer Inhalt finden. Über die Polizeigewalt in den USA im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste wäre etwa ohne die Verbreitung privater Videos über Twitter nur ein Bruchteil bekanntgeworden. Im besten Falle kann damit also die Macht etablierter Medienhäuser hintergangen werden.

Die Regel ist dies aber nicht. Zwar nährte die Entstehung der sozialen Netzwerke einmal mehr liberale Tellerwäscher-zum-Millionär-Klischees und anarchistische Träume von absoluter Unabhängigkeit der Individuen, beides verbreitet in einer Reihe teils flacher, teils irrer Internetmanifeste aus dem Silicon Valley, doch die Realität sieht anders aus. Schon die großen Internetkonzerne waren mitnichten ein »Garagenprojekt« von Nerds, sondern entstanden als Elitenprojekte an Universitäten wie Harvard oder Stanford, mitunter gefördert durch staatliche Wissenschaftsprogramme. Und der Aufbau unabhängiger Medien, so leicht es technisch sein mag, ist so schwierig wie nie. Denn Opposition wird umso mühsamer, je beherrschender die Gravitation der sozialen Masse ist, die immer noch durch herkömmliche Massenmedien wie Bild indoktriniert wird, und je stärker sich die Steuerungsmacht des Diskurses in den Händen der Konzerne und ihrer Algorithmen konzentriert.

Auch innerhalb der Netzwerke zeichnet sich ein unerfreuliches Bild ab: die Dominanz des reinen Marktes. Freiberufler wie Journalisten und Künstler, vermittelt aber auch Angestellte und Arbeiter, werden unter wachsenden Druck gesetzt, sich selbst vermarkten zu müssen. Die Anzahl der eigenen Follower wird zur neuen Währung. Niveauverlust, Selbstausbeutung, die unbezahlte Einbindung von Arbeitskräften in Wiki-Projekten, permanentes Konkurrieren um Aufmerksamkeit und psychischer Druck sind die Folgen. Die Internetkonzerne bauen nicht die neue Welt, sie schütten Trümmer auf. Doch darunter liegt – all dem zum Trotz – immer noch ein fortschrittliches Moment und ein hoher Wert an sich: Die Möglichkeit für alle Menschen, kostenlos Inhalte produzieren und in grenzüberschreitender Vernetzung teilen zu können.

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