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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 12 / Thema
Historiker der DDR

Im Maschinenraum der DDR

Ein Wirtschaftshistoriker zwischen Kapitalismus und Sozialismus mit dem Blick für Alternativen der Geschichte. Jörg Roesler zum 80. Geburtstag
Von Georg Fülberth
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Abgewrackt – ohne Prämie. Arbeiter des Fahrzeug- und Motorenwerks VEB Barkas protestieren am 20. Februar 1991 vor dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz gegen die Kahlschlagpolitik der Treuhand

Heute feiert der Wirtschaftshistoriker und langjährige jW-Autor Jörg Roesler seinen 80. Geburtstag. Ihm zu Ehren hat sein Kollege und Freund Thomas Kuczynski unter dem Titel »Abgewrackt. Die Wirtschaft der DDR – von der Krise zur Liquidierung« einen Sammelband mit Artikeln aus den letzten Jahren zusammengestellt. Die Beiträge – die unter anderem in der jungen Welt, dem Freitag und dem Neuen Deutschland erschienen – geben einen Einblick in die Spannbreite und Tiefe der Analysen von Jörg Roesler. Wir dokumentieren aus dem Band das Nachwort von Georg Fülberth, das einen Überblick über Leben und Werk des Forschers gibt. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zum Abdruck und gratulieren unsererseits herzlich dem Jubilar. (jW)

Wer vor 1989 von der damaligen BRD aus in die damalige DDR blickte, konnte sehr Verschiedenartiges wahrnehmen. Viele sahen nur, was sie sehen wollten oder was sie sich hatten einreden lassen: ein Reich des Bösen. Das musste weg, entweder mittels frontalen Angriffs oder Wandels durch Annäherung. Es gab daneben auch andere Sichtweisen: War der Kapitalismus Voraussetzung von Faschismus und Krieg gewesen, dann musste es begrüßt werden, dass ihm ein Teil des ehemaligen Deutschen Reiches jetzt entzogen war. Diese Verteidigung der DDR mag einige dazu veranlasst haben, über vieles hinwegzusehen. Spätestens deren Ende musste Anlass sein, über die Ursachen nachzudenken. Dazu hatte es schon vorher Grund genug gegeben. An Angeboten war ja kein Mangel gewesen, zum Beispiel: Eine Gesellschaft, die nicht auf dem Privateigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln beruhe, sei prinzipiell zum Scheitern verurteilt, der Rückweg der DDR in den Kapitalismus deshalb gesetzmäßig; die Mängel des Sozialismus seien nicht durch seine Reformierung behebbar gewesen, sondern nur durch seine Abschaffung.

Der Verfasser der hier vorgelegten Aufsätze war und ist anderer Meinung. Von ihm soll zunächst die Rede sein. Jörg Roesler, 1940 in Berlin geboren, studierte von 1959 bis 1964 an der Humboldt-Universität, arbeitete danach an deren Institut für Wirtschaftsgeschichte. 1968 promovierte er dort mit einer Arbeit über die Entwicklung der Planwirtschaft im Maschinenbau der Sowjetischen Besatzungszone und dann der DDR 1949–1958. In seiner Habilitationsschrift von 1975 führte er diese Forschungen für den gesamten Bereich der volkseigenen Industrie fort. Von 1974 bis 1991 arbeitete er am von Jürgen Kuczynski gegründeten Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, seit 1983 als Professor. Nach der Abwicklung seines bisherigen Arbeitsplatzes 1991 lehrte er an mehreren Universitäten Kanadas und der USA, ab 1995 war er am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig, wurde danach arbeitslos und freischaffender Wissenschaftler.

Er hat mehrere Jahrzehnte lang gleichsam in den Maschinenraum der DDR-Industrie – bis hinunter in die Betriebe – geblickt und weiß mehr davon als wohl alle, die sich seither darüber geäußert haben. Eine Bilanz zog er in einem Buch von 2006: »Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945 bis 1990. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe«.¹ Der Untertitel markiert den zentralen Kritikpunkt an allen vorschnellen Aburteilungen. Seine kleine »Geschichte der DDR«² von 2012 setzt die Akzente vornehmlich auf die Ökonomie und belegt ein weiteres Mal, was man schon seit Thukydides und Eric Hobsbawm weiß: dass nicht die – tatsächlichen oder vermeintlichen – Sieger der Geschichte die besseren Historikerinnen und Historiker sind, zumindest dann, wenn sie schreiben: Es verbietet sich jegliche Identifikation mit dem, was war und was ist. Zum Interessenbereich Jörg Roeslers gehört neben der Wirtschaft der DDR auch das, was aus ihr wurde. So hat er zugleich Beiträge zur sogenannten Transformationsforschung geleistet, nicht nur für Deutschland und Übergänge vom Kapitalismus zum Sozialismus und zurück, sondern auch für Entwicklungsvarianten in Lateinamerika.

Gleiches Thema, andere Form

Jörg Roesler ist kein Nostalgiker. Sein Ausscheiden aus den akademischen Apparaten und die Tatsache, dass der Gegenstand seiner neueren Untersuchungen, als sie stattfanden, kaum noch Geschichte war, sondern frische Aktualität, führte dazu, dass er nun in einem neuen Format veröffentlichte: historisch informierter Journalismus.

Seine zentrale Hypothese lautet: Die DDR ist 1989 zwar verschuldet, aber nicht pleite gewesen. Ihre Bonität war unverändert hoch. Wollte man sie nur nach ihren Schulden bewerten, stand sie besser da als heute viele internationale Großunternehmen, deren Kredite ihr Eigenkapital weit übersteigen und deren Geschäftsmodell darauf beruht, dass aus geliehenem Geld mehr Geld gemacht wird. Für Startups dürfte dies mehrheitlich gelten.

Allerdings: Mochte die DDR international durchaus weiterhin Kredit haben, so galt dies nur noch in schwindendem Maß im Inneren: Wachsende Teile der Bevölkerung trauten ihr nichts mehr zu. Die Kaufkraft des Geldes auf ihren oft ganz gut gefüllten Sparkonten war insofern oft fiktiv, als ihr kein Warenangebot gegenüberstand, das ihrer Nachfrage Genüge getan hätte. Gemeint ist damit nicht der Grundbedarf, der war gedeckt, sondern das, was darüber hinausging, durchaus mit einem guten Leben in Verbindung gebracht werden kann, und seien auch die Vorstellungen davon, was das sein könnte, durch den Vergleich mit dem kapitalistischen deutschen Nachbarstaat zumindest mitgeprägt. Dass sie legitim waren, hatte die SED-Führung selbst implizit anerkannt, sei es in der Propagierung des »Kampfes um die 1.000 kleinen Dinge« Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre, sei es in Erich Honeckers Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Dass eine sozialistische Wirtschaft dynamisch zu sein hatte, war ebenso unbestritten wie das Ziel: eine Gesellschaft, in der aufgrund weit entwickelter Produktivkräfte jede(r) nach ihren (seinen) Fähigkeiten arbeiten und nach ihren (seinen) Bedürfnissen konsumieren könne. So stand es ja schon in Marx’ Kritik des Gothaer Programms von 1875.

Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit zeigt Reformbedarf an. Dass dies zumindest in der Ulbricht-Zeit erkannt war, beweist das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖSPL) ab 1963. Aus Roeslers Büchern »Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte 1945 bis 1990« und »Geschichte der DDR« geht hervor, dass er diesem Versuch zustimmend gegenübersteht. Er ist auch nicht der Ansicht, dass er schon 1964 zum Scheitern verurteilt war. Es ging allerdings um eine riesige, letztlich nicht gelöste Aufgabe: dezentralisierende, nicht liquidierende Neuregulierung der sozialistischen Planwirtschaft. Dass dieses Vorhaben eine Entsprechung in einem Umbau des politischen Systems hätte haben müssen: Demokratisierung in Legislative und Exekutive und rechtsstaatliche Kontrolle der öffentlichen Gewalt, all dies auf der Grundlage des gesellschaftlichen Eigentums, lag auf der Hand und markierte zugleich eine Grenze: Selbstbehauptung vorhandener Machtstrukturen in der DDR und in der Sowjetunion, teils paranoider, teils im Kalten Krieg nachvollziehbarer Primat der inneren Sicherheit.

Primat der Politik?

Viele Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik hatten diesem Staat in dessen Anfängen distanziert bis feindselig gegenübergestanden. Auf eine Phase der Akkommodation, vielleicht sogar wachsender Zustimmung nach 1961, zunächst verstärkt in den Anfängen von Honeckers Politik der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, folgte in den achtziger Jahren neue Entfremdung, bis die Volksmassen im Herbst und Winter 1989/90 das Kind – den Sozialismus und die DDR – mit dem Bad ausschütteten oder dies zumindest teilnahmslos bis billigend hinnahmen. Dass die BRD dabei gern behilflich war und ihre Eliten aktiv die Gelegenheit nutzten, endlich ihre alten, nie aufgegebenen Ansprüche durchzusetzen, versteht sich, berührt aber nicht den Kern des hier zu behandelnden Problems.

Am linken Rand der sogenannten Bürgerrechtsbewegungen mochte gehofft worden sein, nach dem Sieg des »Westens« lasse sich eine sozialistische DDR erhalten und reformieren. Aber das war eine Illusion, die Jörg Roesler gewiss nicht geteilt hat. Aber ebenso wie er in der Geschichte der DDR alternative Wege, die allerdings dann nicht gegangen wurden, gesehen hat, war die Art des Übergangs, wie er sich jetzt vollzog, nicht die einzig denkbare. In der Politik der Regierung Modrow, in Vorschlägen am runden Tisch, Überlegungen der PDS und der Vereinigten Linken wurden Konzepte sichtbar, die er positiv sieht und auch in der Rückschau sich noch zu eigen macht: Keine überhastete Währungsunion und kein Umtausch eins zu eins, Erhaltung intakter Unternehmen, verschiedene Eigentumsformen – darunter Genossenschaften, Übernahme durch die Belegschaften, Management-Buy-out –, Nutzung vorhandener Qualifikationen statt Massenentlassungen.

Dass statt dessen eine flächendeckende feindliche Übernahme stattfand, könnte oberflächlich als Anwendung des Primats der Politik missverstanden werden. Helmut Kohl war noch im Sommer 1989 von Teilen seiner eigenen Partei, von vielen Medien und offenbar auch Vertretern kapitalistischer Interessen aufgegeben worden. Letztere verübeltem ihm, dass er die schon 1982 vom FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff proklamierte marktradikale Wende ihrer Meinung nach nicht energisch genug vorantrieb. Nach der Öffnung der Grenze nutzte er die Chance zu einer raschen Einverleibung der DDR, die ihm neue Wählermassen im Osten zuführen und ihm die Wiedergewinnung seiner alten Basis ermöglichen sollte. Dabei setzte er sich über den ökonomischen Sachverstand unter anderem des Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl hinweg.

Primat der Politik also? Falls ja, dann galt das aber auch für die Haltung der SED-Führung unter Erich Honecker durch die Verweigerung innersozialistischer ökonomischer und institutioneller Reformen in den achtziger Jahren. Allerdings gab es einen Unterschied: Helmut Kohls Politik war ökonomisch untersetzt und entsprach 1989/90 den Interessen der westdeutschen Unternehmen, die ostdeutsche Konkurrenz auszuschalten: durch Eroberung ihrer Märkte, Aufkauf und Stillegung von Firmen, Massenentlassungen. Das Instrument, mit dem sie sich selbst bedienen konnten, war die Treuhand, deren Treiben Jörg Roesler einer Analyse unterzieht.

»Probleme erkennen: Ja, Lösungen bieten: Nein – Einblicke in die Arbeit des Politbüros in den ersten acht Monaten des Jahres 1989«: Der Titel eines Aufsatzes von Jörg Roesler im vorliegenden Band gibt die Lage wieder. Die SED-Spitze wusste – anders als immer wieder behauptet – durchaus, was im Land vorging, auch in dessen Wirtschaft, hatte bei Strafe der Selbstaufgabe aber keine politische Handlungsmöglichkeit mehr. Anders Kohl. Die westdeutschen Monopole wussten, was zu tun war, Ökonomie und Politik fanden problemlos zueinander.

Die Arbeiter nicht vergessen

Jörg Roesler sieht aber auch nach dem 9. November 1989 noch andere Akteure: die Bewegungen von Volksmassen. Er berichtet über vielfältige Protestaktionen. Am 10. Mai 1990 boten Beschäftigte der Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie auf dem Berliner Alexanderplatz demonstrativ ihre Waren, die durch westdeutsche Konkurrenz vom Markt verdrängt wurden, zum Kauf an. Im Bezirk Dresden kippten Bauern »Milch mit Jauchewagen auf die Felder, im Bezirk Schwerin allein 50.000 Liter Frischmilch auf die grüne Wiese. In Berlin marschierten vor der Volkskammer aufgebrachte Bauern mit ihren Rindern auf.« 1992 und 1993 führten die Kalibergleute in Bischofferode einen harten Kampf gegen die Schließung des Betriebs.

Mit großer Wahrscheinlichkeit waren viele derer, die sich jetzt wehrten, auch bei denen gewesen, die Erich Honecker 1989 einen Tritt versetzten. Bischofferode liegt im katholischen Eichsfeld, während der Auseinandersetzungen um das Kalibergwerk fuhr eine Delegation nach Rom und trug dort dem Papst ihr Anliegen vor. Zu den Ursachen der faschistoiden Krawalle von Chemnitz 2018 zählt Roesler auch das Zerstörungswerk an der Industrie dieser Stadt.

Manche mögen mit Peter Hacks spotten: »Ach, Volk, du obermieses / Auf dich ist kein Verlaß. / Heute willst du dieses, / Morgen willst du das.«³ Jörg Roesler urteilt anders: »Doch mit der Schließung des Kalibergwerks im Dezember 1993 ist der Name Bischofferode nicht verschwunden. Ungeachtet des unbefriedigenden Ausgangs des Kampfes für den Erhalt des Bergwerks hat der Name Eingang in die jüngste deutsche Geschichte gefunden. Volker Braun hat ihm und anderen Kämpfen 2011 in seiner Erzählung ›Die hellen Haufen‹ ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Name wird immer dann fallen, wenn behauptet wird, die Ostdeutschen hätten um der D-Mark willen klaglos alles aufgegeben, was nicht in die Bundesrepublik passte.«⁴

Seiner Meinung nach fanden die Protestbewegungen nicht genug Unterstützung von Bündnis 90 und PDS, die mehr mit ihren eigenen Organisationsproblemen beschäftigt gewesen seien. Die westdeutschen Gewerkschaften seien vornehmlich interessiert gewesen, möglichst viele Mitglieder aus dem untergegangenen FDGB zu gewinnen.

Es geht nicht nur um Geschichte. Jörg Roesler sah Alternativen in der DDR und im Übergang von der DDR zur Bundesrepublik. Das ist jetzt vorbei. Aber der Blick auf sie kann auch aktuell sein: Immer wieder werden Stimmen laut, eine andere Welt, eine gerechtere Bundesrepublik, ja sogar ein besserer Kapitalismus – Thomas Piketty! – seien möglich. Einige wollen mehr: einen Sozialismus, dessen Erbauerinnen und Erbauer aus der Vergangenheit gelernt haben. All dem stehen mächtige Interessen entgegen. Dass sie für alle Zeit unüberwindbar seien, ist nicht zwingend. Die Weigerung Jörg Roeslers, irgendeine Situation als alternativlos anzusehen, ist keineswegs utopisch, sondern gehört zum Erbe des historischen Materialismus, das er nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Publizist meisterhaft fruchtbar zu machen weiß.

Anmerkungen

1 Jörg Roesler: Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945 bis 1990. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2006

2 Jörg Roesler: Geschichte der DDR. Papyrossa-Verlag, Köln 2012

3 Aus dem Gedicht »Die Partei«, vgl. Peter Hacks: Werke, Band 1, Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2003, S. 303

4 Zitiert aus dem Artikel »Bischofferode – der widerständigste Betrieb in der Ex-DDR« im angeführten Sammelband, S. 173–181, hier S. 180

Jörg Roesler: Abgewrackt. Die Wirtschaft der DDR – von der Krise zur Liquidierung. Gesammelte Aufsätze. Papyrossa-Verlag, Köln 2020, 251 S., 16,90 Euro

Georg Fülberth schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 22. April zusammen mit Frank Deppe über das Leben der DKP-Funktionärin Ellen Weber anlässlich ihres 90. Geburtstages.

Organisierter Niedergang

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Wie die Treuhand die einstige Industriemetropole Chemnitz liquidierte. Von Jörg Roesler

Die Chemnitzer Vorfälle vom August 2018 haben in Medien und Politik ein breites Echo gefunden, wobei Einigkeit darüber herrscht, dass sie überwiegend auf das Wirken ultrarechter Gruppierungen zurückzuführen sind. Hinsichtlich der Ursachen wird oft auf die jüngere Vergangenheit dieser Region verwiesen, insbesondere auf die »autoritären Strukturen der SED-Herrschaft«. Offensichtlich sei dieses Erbe noch virulent, die Demokratie nicht tief genug verwurzelt, sonst könnten Rechtsradikale nicht Tausende Bürger zum Marsch auf Straßen und Plätzen animieren.

Allerdings zeugten die Vorfälle von einer tiefgehenden Unzufriedenheit der Bevölkerung in Chemnitz und anderen Teilen des Bundeslandes Sachsen, sie waren nicht nur das Ergebnis der Agitation von einigen Rechtsradikalen. Zwar ist für die Aufklärung über die »SED-Herrschaft« in den verflossenen fast drei Jahrzehnten seitens der Bundeszentrale für Politische Bildung und anderer Einrichtungen viel getan worden – weitgehend unbewältigt blieb dagegen die Aufarbeitung dessen, was danach, seit 1989/90, in Chemnitz, in Sachsen und in den neuen Bundesländern geschehen war. Dort wurden nicht nur die politischen Strukturen einer Ein-Parteien-Herrschaft zerschlagen, sondern auch die ökonomischen, die vor 1990 überwiegend durch Staatseigentum und zen­trale Planung geprägt waren.

Die Staatliche Plankommission war schnell liquidiert, die Privatisierung der Kombinatsbetriebe gemäß dem Motto »Privatisierung ist der beste Weg zur Sanierung« sollte ebenfalls so rasch wie möglich erfolgen. Die Aufgabe wurde ab Juli 1990 einer Treuhandanstalt übertragen, die in den Toppositionen mit westdeutschen Konzernvertretern bestückt wurde, die ihre beruflichen Erfahrungen unter Markt- und Konkurrenzbedingungen erworben hatten und nun im Osten für »blühende Industrielandschaften« sorgen sollten.

Das konnte den Chemnitzern gefallen, denn auf ihre Industrie waren sie immer stolz gewesen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Stadt zum Zentrum der mitteldeutschen Textilindustrie entwickelt und galt als das »sächsische Manchester«. Ende des 19. Jahrhunderts kamen 80 Prozent der Weltproduktion von Damenstrümpfen aus Chemnitz. In den 1920er Jahren zählte die Stadt, inzwischen auch zu einem Zentrum des Textil- und Werkzeugmaschinenbaus geworden, etwa 360.000 Einwohner. Infolge des Zweiten Weltkrieges war das Stadtzentrum von Chemnitz fast völlig zerstört.

1953 wurde die sächsische Arbeitermetropole in Karl-Marx-Stadt umbenannt, und der SED-Chef Walter Ulbricht verkündete ein ehrgeiziges Wiederaufbauprogramm für die Stadt, das erst 1974 abgeschlossen werden konnte. Wiederhergestellt und modernisiert wurden insbesondere die Industriebetriebe in den Vorstädten. Die erste von einem Zentralcomputer gesteuerte Fertigungsstraße in der DDR nahm Anfang der 1970er Jahre in Karl-Marx-Stadt die Produktion auf. Die Stadt wurde Sitz von mehreren Kombinaten, die jeweils Betriebe der gleichen Branche innerhalb der DDR vereinigten, darunter das Kombinat für Industrienähmaschinen »Textima« und das Werkzeugmaschinenkombinat »Fritz Heckert«, deren Produkte in Osteuropa sehr begehrt waren. Ende der 1980er Jahre war die Hälfte der Betriebe und ein Drittel der in der Industrie Beschäftigten Sachsens in Karl-Marx-Stadt zu Hause. Nach der Wiedervereinigung, so dachten eingedenk des Kanzlerworts von den »blühenden Landschaften« die Bürger der westsächsischen Metropole, würde die Industrie ihrer Stadt, die im Ergebnis einer Bürgerabstimmung im April 1990 wieder Chemnitz hieß, die Chance haben, sich im gesamtdeutschen Rahmen zu bewähren.

Die Treuhandanstalt benötigte drei Jahre, um das Stammwerk des 1990 aufgelösten Werkzeugmaschinenkombinats an ein westdeutsches Unternehmen zu verkaufen, nachdem die Belegschaft von 4.300 Mitarbeitern Ende 1989 auf 380 reduziert worden war. Doch der erhoffte Aufschwung blieb weiterhin aus, der neue Eigentümer, die Firma Traub, ein westdeutscher Werkzeugmaschinenbauer, ging 1996 in Konkurs. Das Chemnitzer Werk wurde 1998 von einem Schweizer Unternehmen übernommen, der Starrfräsmaschinen AG (im selben Jahr umbenannt in Starrag). 2001 waren im Betriebsteil nur noch 200 Maschinenbauer beschäftigt. Nicht viel besser erging es dem ehemaligen Stammwerk des Kombinats »Textima«. 1990 zählte es 3.000 Beschäftigte, verteilt auf sieben Betriebsteile. 1991 wurden die Anlagen von der Treuhand an ein westdeutsches Unternehmen gegeben, die Barmer Maschinen AG (Barmag), das von den Brüdern Hamel gegründet worden war, denen der Chemnitzer Betrieb bis zur Enteignung zu DDR-Zeiten gehört hatte. Doch das Remscheider Unternehmen geriet in Schwierigkeiten, so dass in Chemnitz erst einmal entlassen wurde. Anfang 1993 arbeiteten dort noch 700 Textilmaschinenbauer – Tendenz fallend.

In beiden Fällen waren mit der Treuhand vereinbarte Investitions- und Beschäftigungszusagen nicht eingehalten worden – keine Ausnahme, sondern eher die Regel, nicht nur in Chemnitz, sondern in ganz Sachsen. Diese durch die Treuhand eingeleitete Entwicklung hatte unmittelbar soziale »Kollateralschäden« zur Folge: Die Arbeitslosigkeit, für die Chemnitzer seit Mitte der 1950er Jahre ein völlig unbekanntes Phänomen, stieg bis 1994 rasch auf über zehn Prozent. Sie liegt heute noch mit 7,4 Prozent über dem sächsischen Durchschnitt (6,4) oder dem des benachbarten Bayern (2,9). Auf der Suche nach einer Arbeitsstelle wanderten jährlich Tausende Chemnitzer in die westlichen Bundesländer ab. Die Einwohnerzahl der Stadt schrumpfte in 28 Jahren von 294.000 auf 247.000. Es waren vor allem junge, gut qualifizierte Leute, oft ganze Familien, die Chemnitz verließen. Die Konsequenz dieser bislang irreversiblen Abwanderung für die Altersstruktur der Chemnitzer Bevölkerung ist, dass der Anteil der Kinder (bis 14 Jahre) von 18 auf elf Prozent gesunken und der der Rentner von einem Siebtel auf ein Viertel gestiegen ist.

Wer nach den Ursachen des nunmehr fast drei Jahrzehnte andauernden Niedergangs der westsächsischen Industriemetropole sucht, stößt unweigerlich auf die Privatisierungspolitik der Treuhand und ihrer Nachfolgerin, der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS). Die rasche Privatisierung bewirkte statt der versprochenen Sanierung Deindustrialisierung. Sie hatte desaströse Folgen für Chemnitz, ja für ganz Sachsen, dessen Bevölkerung sich bis 2016 um eine Million auf vier Millionen verringerte.

Das 1989/90 große Vertrauen in die Fähigkeiten der Bundesregierung ging verloren. Die Wut über den angerichteten Schaden hat sich in Chemnitz in Ausschreitungen gegenüber Ausländern und in der offenen Hinwendung eines Teils seiner Bürger zur extremen Rechten entladen. Zur nachhaltigen Unterstützung der auch hier vorhandenen Demokraten wird es notwendig sein, die Gründe für einen Niedergang zu benennen, wie ihn die Industriestadt Chemnitz in ihrer Geschichte noch nie erlebt hat.

Dieser Artikel erschien erstmals am 18. Oktober 2018 in der Nr. 42 der Wochenzeitung Freitag.

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