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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Antifaschismus

Gegen die Veteranenherrlichkeit

Zum Tod des Résistancekämpfers, Galeristen und Historikers Daniel Cordier
Von Stefan Ripplinger
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Verteidiger des »Patron«: Daniel Cordier, rechte Hand des Résistance-Chefs Jean Moulin (2018)

In Cannes ist am letzten Freitag Daniel Cordier, einer der Anführer der Résistance, gestorben. Seit den 1980er Jahren profilierte er sich als Historiker des antifaschistischen Widerstands, mit allein fünf sorgfältig recherchierten Bänden über seinen »patron«, den von Klaus Barbie massakrierten Jean Moulin. Anders als General de Gaulle, spielte Moulin ein wirklich gefährliches Spiel: Er organisierte den Widerstand innerhalb des Landes. Als seinen Sekretär und Stellvertreter wählte er 1942 den damals 21jährigen Cordier.

Moulin und Cordier – in dieser Verbindung steckt die Herkulesleistung der Résistance, das an sich Unversöhnliche zusammenzuzwingen. Denn Moulin stand weit links, Cordier aber hing ursprünglich der nationalistischen und antisemitischen Action française an. In ihrem Geiste wollte er, als die Deutschen einmarschierten, ein paar »boches« umbringen und erlebte die erste große politische Enttäuschung seines Lebens, als ein Teil der Rechten unter Marschall Pétain mit den Nazis paktierte. Den Enttäuschungen folgten die Schocks. Als er in Paris einen Mann und ein Kind, beide mit Judenstern, gesehen habe, sei es mit seinem Antisemitismus ein für allemal vorbei gewesen.

1944 flog er selbst auf, konnte aber, in Spanien von den Franquisten kurz aufgehalten, entkommen. Und damit war der Krieg für ihn vorüber. Für andere ging er immer weiter. Niemand, der sie gehört hat, wird die Rede des Kulturministers André Malraux vergessen, die er im Dezember 1964 bei der Überführung der sterblichen Überreste von Moulin ins Panthéon hielt: »Tritt hier ein, Jean Moulin, mit deiner furchtbaren Gefolgschaft – all denen, die in den Kellern gestorben sind, ohne geredet zu haben.« Die Spitzen des Staates lauschten fröstelnd der brechenden Stimme von Malraux. Es war und bleibt erschütternd. Nur einer glänzte durch Abwesenheit: Cordier.

Er habe diese Art von Veteranenherrlichkeit schon nach dem Ersten Weltkrieg verabscheut, sagte er. Selbst wenn er zu dem finsteren Spektakel eingeladen worden wäre, er wäre nicht gekommen. Nach dem Krieg wurde er erst Maler, dann Galerist; auch das hatte mit Moulin zu tun. Wenn der »patron« und sein Sekretär Spitzel in der Nähe wähnten, sprachen sie statt über Widerstand über moderne Kunst, die Moulin begeisterte und Cordier unbekannt war. Nach klandestinen Treffen schaute man sich gemeinsam Wassily Kandinsky an.

Was Cordier in seiner Galerie ab 1956 zeigte, war ein Schlag ins Gesicht der Bürger. Die Sammler, sagte er, bevorzugten die Kunst »ohne Poe­sie, ohne Wahrheit, aber auch ohne Risiko«. Dieses Risiko ging er ein und wurde zum Galeristen des großen Art-brut-Künstlers Jean Dubuffet, aber auch krasser Außenseiter wie Bernard Réquichot oder Dado.

Nachdem es mit der Galerie zu Ende war, wurde er doch noch von der Résistance eingeholt, in Gestalt seines Kampfgefährten Henri Frenay, der 1977 behauptete, Moulin sei ein sowjetischer Agent gewesen. Für Cordier, der zwar nach dem Krieg »fast Kommunist« gewesen war, jedoch später eine engagiert linksliberale Haltung ähnlich der seines Freundes Stéphane Hessel einnahm, war das eine ungeheuerliche Lüge. Er begann seine historische Arbeit, erst über Moulin, dann über sich selbst. Ein Kapitel, das er erst nicht preisgeben wollte, erschien 2014 separat, »Les feux de Saint-Elme« (Elmsfeuer), sein Coming-out mit 94 Jahren. Er erzählt darin von einer zarten Liebelei mit einem jüdischen Jungen im Internat. Sie verlieren sich aus den Augen, aber Cordier kann ihn nicht vergessen und ruht nicht, bis er ihn, Jahrzehnte später, wiederfindet. Darauf folgt eine weitere der Cordierschen Enttäuschungen. Aus dem Jungen ist ein spießiger Familienvater geworden, der sich erst gar nicht mehr an ihre Liebe erinnern kann. Es gibt kaum ein besseres Gegengift gegen Nostalgie als diesen bittersüßen Bericht. Und vielleicht ist es das, was Daniel Cordier Statur verliehen hat: seine Verachtung alles bloß Nostalgischen.

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