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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Eine Musik, die gefährlich ist

Kraftvoll in die Fresse des Establishments und elegant dabei: Dem britischen Duo Bob Vylan geht es ums Ganze
Von Berthold Seliger
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»Hypermoderne Protestmusik«: Bobby und Bobbie Vylan

Ja, muss man denn alles selber machen? Ich hatte nie vor, Popkritiken zu schreiben, aber je nun, wenn die meisten Haupt- und Nebenberuflichen nur noch die Produkte rezensieren, die ihnen die Musikindustrie zum Fraß hinwirft, und die Feuilletons und Musikmagazine entsprechend voll sind mit den immer gleichen Bands, die 30-, 40- oder 50jährige Jubiläen feiern und neue, uralt klingende Alben auf den Markt bringen, von AC/DC bis Motörhead, dann muss unsereiner die Albumbesprechungen, die man lesen will, eben tatsächlich selber schreiben. Also, Friends, nehmt dies:

»We Live Here« heißt ein Song, den das britische Duo Bob Vylan im Frühjahr im Musikportal Bandcamp herausgebracht hat. Es ist eine Art antirassistische »Hymne«, ein brutal direkter, unverblümter und illusionsloser Bericht darüber, wie es ist, als Person of Color in einer feindlichen Umgebung aufzuwachsen: »Free school dinners for the poor / Pizza with a side of misery / Teachers said when I leave / No one here will miss me (…) Neighbours called me nigga / Told me ›go back to my own country‹ / Said since we arrived / This place has got so ugly / But this IS my fucking country / And it’s NEVER been fucking lovely.« Nein, wirklich nichts an dem Land ist schön, aber, verdammt noch mal, wir leben hier nun mal: »We didn’t appear out of thin air / We live here«! Die Musik dazu: harte Gitarrenriffs, punkig treibt das Schlagzeug den Schmerz und die trostlose Wahrheit voran – Punkrock also, wie er leibt und lebt, zwei Minuten und zwölf Sekunden lang, mehr braucht es nicht, dann ist alles gesagt. Das Besondere ist der Text: kraftvoll und griffig, wie es sich für eine wütende Anklage gehört, aber gleichzeitig ausgesprochen elegant – Popkuratoren könnten so was ohne Probleme in Lyrikbüchlein abdrucken, wenn, ja, wenn der Inhalt nicht wäre.

Denn Bob Vylan inszenieren keine wohlfeile Wut: Sie meinen es ernst. Sie legen ihre Finger in gleich etliche Wunden des real existierenden Kapitalismus. Wir erleben hier eine »hypermoderne Protestmusik«, wie die Kollegen vom Wire es nannten. Und Bobby Vylan, Mastermind des Duos, das er zusammen mit dem Drummer Bobbie Vylan bildet, distanziert sich auch gleich eindeutig von den einfachen Schubladen, in die man solche Musik stecken könnte: Mit Punk will er nichts zu tun haben, »das sind normalerweise cis heterosexuelle weiße Männer zwischen 30 und 40 oder so. Unter welcher Unterdrückung durchs System haben diese Leute denn gelitten?« Solche Bands würden auch nie Frontfrauen haben oder queere Frontleute. »Wir können dir sagen, wann wir das erste Mal n**gger genannt wurden, und wir können dir erzählen, wie es war, als wir das erste Mal angehalten und durchsucht wurden«, erzählt Bobby Vylan im Interview mit Wire.

Bob Vylan spielen eine Musik, die gefährlich ist und keine Kompromisse kennt. Sie wollen nichts mit den Liberalen zu tun haben, die da sagen, »ja, es ist schrecklich, was die Polizei tut. Aber nicht alle Polizisten sind schlecht.« Das sei wie »all lives matter«, ohne es wirklich so zu meinen. Zur rassistischen britischen Polizei haben sie auf »Pulled Pork« eine eindeutige Meinung: »Who’s the next lucky winner for a free date with death / Not me. Wrap the pig before they kill me.« Auf dem Cover ihrer Single »Lynch Your Leaders« ist die Queen abgebildet, und die logische Folgerung aus »We’re all Slaves« lautet denn auch »We want our country back from you!« – »This country’s in dire need of a fucking spanking, mate / A good overhaul, get the fucking dinosaurs out«, heißt es auf »England’s Ending«, eine Tracht Prügel und eine Generalüberholung braucht das Land, und weg mit den Dinosauriern im Buckingham-Palast und in der Downing Street!

Immer wieder werden Heuchelei und soziale Teilung angesprochen, die sozioökonomische Realität, also der Klassengegensatz, der die Bevölkerung Großbritanniens in zwei Teile zerfurcht. Das »Please mind the gap« aus den U-Bahnen wird in »Northern Line« so zur Selbstvergewisserung der besitzenden Klasse, »take all your ­fucking belongings with you« lautet die Zeile, die Bob Vylan ergänzen. Zwei zornige, nicht mehr so junge, queere Männer, die die Welt verändern wollen und dazu ein paar großartige radikale Songs mit einer aufmüpfigen Musik beitragen, die sich irgendwo zwischen Punk, Grime und Rap verorten lässt. Mehr als nur eins in die Fresse des Establishments, hier geht es ums Ganze, Bob Vylan stehen für nicht weniger als den Umsturz.

Der Musikindustrie, also den einschlägigen Plattenfirmen, waren diese Songs »zu extrem«, also haben Bob Vylan sie selbst herausgebracht und vertreiben sie auf Bandcamp und in ausgewählten Plattenläden. Man kann sie kostenlos auf Bandcamp und Soundcloud anhören, das ist ihnen wichtig. Die ersten 250 Platten waren in wenigen Stunden ausverkauft. Es scheint einen Bedarf an umstürzlerischer, eindeutiger Musik mit Haltung zu geben. Doch Vorsicht, ihr weißen Mittelstandskids aus den gentrifizierten Stadtvierteln! Ihre Shows pflegen Bob Vylan mit einer eigenen Version von Skeptas »It Ain’t Safe« zu beenden: »It ain’t safe on the block / We’re chasing yuppies off!« Gefangene werden nicht gemacht.

Bob Vylan: »We Live Here« (via Bandcamp oder im gut sortierten Plattenladen)

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Debatte

  • Beitrag von Martin M. aus D. (24. November 2020 um 22:26 Uhr)
    Danke, Berthold, dass du dich aufgerafft hast, den Artikel zu schreiben. Habe eine neue »Band/Duo« entdeckt. Kann allen Musikinteressierten nur empfehlen, in Bandcamp zu »stöbern« und Musik zu kaufen und nicht nur SchmarotzerInnen zu sein. Die MusikerInnen erhalten die Beiträge sofort ohne den Zwischenhandel.

    PS: Bin weder bei Bandcamp angestellt, noch habe ich finanz. Interessen ...

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