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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 5 / Inland
Fusion PSA-Fiat Chrysler

Autokorso für den Job

Opel-Beschäftigte werden erpresst: Entweder freiwillig gehen – oder es drohen Entlassungen
Von Bernd Müller
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Wagenkolonne: Opelaner demonstrieren mobil gegen befürchteten Kahlschlag (Rüsselsheim, 24.11.2020)

Die Beschäftigten von Opel haben eine klare Forderung: »Hände weg vom Kündigungsschutz!« Die IG Metall hatte für Dienstag nachmittag zu einem Autokorso am Stammwerk in Rüsselsheim aufgerufen, mit dem der Protest gegen drohende Kündigungen zum Ausdruck gebracht werden sollte. Wie viele Fahrzeuge sich dem Korso anschlossen, war zum Redaktionsschluss noch nicht bekannt – Gewerkschaftsvertreter gingen im Vorfeld aber von mindestens 500 aus.

In der Auseinandersetzung geht es um rund 2.100 Arbeitsplätze. Management und Gewerkschaft hatten sich auf diese Anzahl in einem »Zukunftstarifvertrag« geeinigt: Bis Ende 2021 sollen die Jobs bundesweit verschwinden – nach Möglichkeit komplett über »Freiwilligenprogramme«. Betroffen ist vor allem der Stammsitz – und dort insbesondere der Werkzeug- und Prototypenbau. Im Gegenzug sollten die übrigen Beschäftigten Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen genießen. Zunächst bis zum 31. Juli 2025.

Bis Ende November hatte die Geschäftsleitung der bislang zur französischen PSA-Gruppe (Peugeot-Citroën) gehörenden Tochter den Beschäftigten Zeit gegeben, die Angebote für den freiwilligen Ausstieg anzunehmen. Aber das war für die Opelaner offenbar keine Option – sie wollen ihre Jobs behalten. Im September hatte sich Personalchef Ralph Wangemann darüber beklagt, dass sich nur knapp 500 Arbeiter und Angestellte bereitgefunden hätten, zu gehen (siehe jW vom 18.9.). Und wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am Dienstag unter Berufung auf Angaben des Konzerns mitteilte, liegen die Zahlen nach wie vor hinter den Erwartungen.

Sollte das Ziel nicht bis Jahresende erreicht werden, wolle man den Zukunftstarifvertrag auf den Prüfstand stellen – insbesondere die »Verpflichtung zur Beschäftigungssicherung«, hatte Wangemann gedroht. Dies sei eine Provokation, heißt es nun in dem Aufruf zum Protestkorso. Der Tarifvertrag sei für schwierige Zeiten gemacht, und die Belegschaft habe ihren Beitrag dazu geleistet. Die Gewerkschaft betont laut FAZ, bei den vereinbarten 2.100 Stellen handelt es sich um eine »Bis zu«-Zahl, und der Stellenabbau solle bis Ende nächsten Jahres vonstatten gehen.

Die Gewerkschafter argwöhnen nun wohl nicht zu Unrecht, dass im Windschatten der Coronakrise lang gehegte Abbauphantasien ausgelebt würden. Es sei zudem zu befürchten, dass »der Personalabbau auch im nächsten Jahr nicht aufhören« und sich »auf andere Bereiche und Standorte« ausbreiten wird.

Konkret geht es um die Annahme, dass die für 2021 vorgesehene Fusion des Mutterkonzerns PSA mit dem bisherigen Konkurrenten Fiat Chrysler zum neuen Konzern namens »Stellantis« mit weiteren Stellenstreichungen verbunden sein wird, unter anderem im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum ITEZ. Die Wirtschaftswoche hatte in der vergangenen Woche über einen Newsletter der Gewerkschaft berichtet, in dem die dortige Führung aufgefordert wird, »Klarheit über die Zukunft des ITEZ im neuen Stellantis-Konzern zu schaffen, insbesondere was eventuelle weitere Pläne zu einem Personalabbau betrifft«. Man lege als Gewerkschaft Wert darauf, »dass die Entwicklungskompetenz bei Opel erhalten bleibt«. Die Frage ist nur, ob die Führung von Stellantis das auch so sieht.

Im Konzern wollte man sich nicht zu konkreten Plänen äußern, betonte aber, das Entwicklungszentrum »ist und bleibt das Herz von Opel«. Unbegründet schienen die Befürchtungen nicht. Bereits Anfang des Jahres wurden entsprechende Spekulationen genährt. Da mit Fiat-Chrysler zusätzliche Entwicklerkapazitäten in den Konzern kämen, müssten die Ingenieure von Opel in Zukunft mit ihnen konkurrieren (siehe jW vom 27.2.).

Momentan leidet das Werk in Rüsselsheim unter der geringen Nachfrage nach dem dort montierten Modell »Insignia«. Wie das Unternehmen mitteilte, wurden die ersten Arbeiter aus der Produktion in die »Winterwerksferien« geschickt. Für die stark verlängerte Arbeitspause müssen die Beschäftigten ihren Urlaub aufbrauchen – oder sie werden in Kurzarbeit geschickt. Voraussichtlich Anfang Januar sollen sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren dürfen.

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