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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Erschreckend«: Der SV Babelsberg 03 in der Nazizeit

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Linkes Selbstverständnis: Kurve des SV Babelsberg 03 (Ende 2017)

Fußballregionalligist SV Babelsberg 03 ist ein linker Verein. Die Heimspielstätte heißt nach Karl Liebknecht, antifaschistische Banner hängen am Zaun, es gibt entsprechende Chöre und Stadionfeste mit Flüchtlingsteams und Punkbands. Das stabile Selbstverständnis erlaubte Anfang des Jahres die Rückkehr des Stürmers Daniel Frahn, der sich beim Chemnitzer FC einmal zu oft mit stadtbekannten Faschos verbrüdert hatte, deshalb rausgeschmissen worden war. »Ich bin kein Nazi«, verkündete er, und der SVB traute sich zu, den nach dem Drittligaaufstieg 2010 verlorenen Sohn auf die richtige Spur zu bringen.

Zu einem linken Verein gehören Kenntnisse der eigenen Geschichte, weshalb sich jüngere SVB-Fans in letzter Zeit einigermaßen verwundert zeigten über die riesigen Lücken, die in der Vereinschronik in den 1930er und 40er Jahre klafften. Im August taten sich sieben Anhänger zusammen, der jüngste 15, der älteste Ende 20, diese Leerstellen zu schließen. Vor einigen Tagen stellten sie erste Zwischenergebnisse vor, die sie gegenüber den Potsdamer Neuesten Nachrichten (Montagausgabe) »heftig« und »erschreckend« nannten.

Die frühen 30er Jahre gehören demnach zu den erfolgreichsten des Vereins. 1935 stieg der Klub (damals unter dem Namen SV Nowawes 03) von der dritthöchsten in die höchste Spielklasse (Gauliga) auf, der Stadtrat zeigte sich bei dieser Gelegenheit erfreut über den »nationalen Geist von Nowawes 03«. Tatsächlich zeigte die Mannschaft bereits 1933 geschlossen den Hitlergruß. Spieler posierten später im Babelsberger Lindenpark in Uniformen der Wehrmacht, der SS und der NSDAP. Viele waren in Potsdam stationierte Soldaten, Karl Bertram etwa kämpfte in der faschistischen »Legion Condor« gegen die Spanische Republik. Vereinsführer war ab 1936 der hochrangige SA-Funktionär Walter Sehring. 1938 erhielt der Klub seinen heutigen Namen, da Nowawes für nicht »deutsch« genug befunden worden war. Es gab Spiele gegen die SS-Leibstandarte von Adolf Hitler. Im Jahr darauf lobte der Geschäftsführer, SA-Sturmführer Günther Kauerauf, den Verein als »Pflegestätte nationalsozialistischen Gedankenguts«. Auch im Krieg wurde weitergekickt, bis Anfang 1945, um die Moral aufrechtzuerhalten. Spieler Kurt Schymanski etwa, Leutnant der Wehrmacht, organisierte regelmäßig Partien gegen Soldaten aus der Hitlerkaserne in Potsdam.

Der Verein hat die neuen Erkenntnisse auf seiner Website veröffentlicht, die Fans haben sie zudem in einer Folge des Fanprojekt-Babelsberg-Podcast aufbereitet. Sie wollen weiter recherchieren. Gerade noch wichtiger sei es aber, am 27. Januar des Babelsberger Antifaschisten und Auschwitz-Überlebenden Willi Frohwein zu gedenken. (jW)

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